Die Evidenz Gottes

Die Kolumne von Georg Dietlein

15909489_10208080450305076_1440240424_nWoran erkennen wir eigentlich einen Menschen, von dem wir nicht genau wissen, ob er es ist, dass er es ist? Im normalen Alltag stellt sich dieses Problem nur ganz selten. Eine Person, die uns physisch begegnet, erkennen wir an ihrem Äußeren, an ihrem Gesicht und an ihrer Stimme. Wenn uns jemand anruft, sehen wir die Telefonnummer und können die Person, die dahinter steht, zumindest über ihre Stimme identifizieren.

Wie ist das eigentlich bei Gott? Diese Frage werden sich nicht nur die Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter Jesu gestellt haben, sondern auch die zahlreichen Juden der damaligen Zeit in der Erwartung des kommenden Messias: Woran werden wir den Gesalbten, den Christós erkennen, wenn er kommt? Und – etwas hypothetisch – auf die heutige Zeit übertragen: Wenn wir heute das „Jahr null“ schreiben würden, woran würden wir heute Jesus als den Christus erkennen?

Die Heilige Schrift bezeugt, dass auch die Jünger ihre Zeit gebraucht haben, um zu erkennen, wen sie vor sich hatten und mit wem sie auf dem Weg waren. Einem Apostel reichte selbst die Botschaft von der Auferstehung – „Wir haben ihn gesehen!“ – nicht aus, um zu glauben. Und selbst nach Ostern (und auch noch heute) ist die Gottheit des Auferstandenen nicht einfach evident, sondern sie muss erst mit den Augen des Glaubens und mit dem Herzen der Liebe erkannt werden. So sind die Emmaus-Jünger einen ganzen Tag mit IHM unterwegs. Doch sie erkennen ihn nicht (wirklich). Erst als er mit ihnen das Brot bricht, gehen ihnen die Augen auf. Sie realisieren, wer da mit ihnen auf dem Weg war. Und sie laufen zu den Aposteln, um ihnen alles zu erzählen.

Woran haben die Emmaus-Jünger IHN erkannt? Woran hat Maria Magdalena den Auferstandenen erkannt, den sie zunächst für den Gärtner hielt? Und woran können wir heute Gott erkennen: Dass es ihn überhaupt gibt, dass ER der Gott Jesu Christi ist, dass ER in dieser Welt wirkt und uns liebt?

Die Antwort der Heiligen Schrift ist ernüchternd und frappierend zugleich: Die Evidenz Gottes finden wir nicht in der Macht und im Erfolg, nicht in Gold und Edelsteinen, nicht in großen Streitkräften und auch nicht im (gewaltsam herbeigeführten) Weltfrieden. Die Evidenz Gottes liegt vielmehr im Leiden, in der ohnmächtigen Liebe, die sich durchbohren lässt, und in der Vergebung. Diese Evidenz mag für uns (und auch für die Menschen damals) schwer verständlich sein, weil die Welt anders tickt, weil es uns oft nur um Geld, Macht und Erfolg geht und weil wir die Dimension der leidenden, blutenden Liebe schnell aus unserem Denkhorizont verbannen. Das fängt schon bei unserer eigenen Familie, bei unserer Partnerschaft und bei unseren Freundschaften an, wenn es darum geht, Zeit und Kraft zu opfern, sich einzusetzen, dafür etwas zu riskieren oder im Interesse eines anderen Menschen auf etwas zu verzichten. Auch wenn wir jemanden lieben, fällt uns das nicht immer leicht.

Vielleicht können uns diese Gedanken gerade in der Fastenzeit ein wenig Mut machen. Die Evidenz Gottes liegt nicht immer auf der Hand. Und gerade wenn unser Gebet trocken ist und wir Gott nicht besonders „spüren“, sind wir vielleicht ganz nah bei ihm. Die Evidenz Gottes ist ganz zaghaft und leise. Wir dürfen sie – mit den Augen des Glaubens und der Liebe – in jedem alten, kranken und leidenden Menschen erblicken.

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