Franziskus: „Kasuistik ist eine heuchlerische Denkart“

‪„Gerecht, aber mit Barmherzigkeit“ – Frühmesse mit Papst Franziskus in der Kapelle der ‪„Domus Sanctae Marthae“ am 24. Februar 2017

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Santa Marta, 16. Februar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

„Herr, lass mich gerecht sein, aber mit Barmherzigkeit“, statt ‪„eingehüllt von der Kasuistik“. Diesen Gebetswunsch hat Papst Franziskus den Gläubigen am Freitag in der Frühmesse in der ‪„Domus Sanctae Marthae“ im Vatikan empfohlen.

In seiner Betrachtung ging Franziskus auf die Perikope aus dem heutigen Tagesevangelium ein (Markus 10,1-12) [1], insbesondere auf die Frage der Pharisäer, ob ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen dürfe.

‪Jesus antworte nicht, ob es erlaubt sei oder nicht‪‪, betonte der Papst, wie das italienische Programm von Radio Vatikan berichtet. ‪Er trete nicht in ihre kasuistische Logik ein, denn die Pharisäer ‪„‪‪‪dachten an den Glauben nur in Begriffen von ‚man darf’ oder ‚man darf nicht’, bis hierhin darf man, bis hierhin darf man nicht‪‪‪“.

Deswegen antworte Jesus ihnen mit der Gegenfrage, was Mose vorgeschrieben habe. ‪„Und sie erklären die Erlaubnis, die Mose gegeben hat, um die Frau aus der Ehe zu entlassen, und jetzt sind sie es, die in die Falle tappen“, sagte der Papst, weil Jesus bezeichne sie als gefühllos oder ‪wörtlich „‪‪‪hartherzig“.

Mit dieser Antwort, so fuhr der Papst fort, habe Jesus ‪„die Wahrheit“ gesagt, ‪„ohne Kasuistik“ und ‪„‪‪‪ohne Erlaubnisse“. Jesus sage immer die Wahrheit, weil er die Dinge erkläre, wie sie geschaffen wurden: „Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch, und als sie ihren Mann aus der Ehe entlassen hat und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“

Von der Kasuistik zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit

Aber wenn der Ehebruch etwas ‪„Gravierendes‪‪“ sei, wie erkläre man, fragte der Papst, dass Jesus so oft mit einer Ehebrecherin gesprochen habe, wie etwa mit der Samariterin, aus deren ungereinigten Glas er getrunken habe? Am Ende habe er nur gesagt: ‪„‪‪‪Ich verurteile dich nicht. Sündige nicht mehr“. Wie das möglich sei, fragte Franziskus.

Die Antwort sei einfach. ‪„‪‪‪Der Weg Jesu (…) ist der Weg von der Kasuistik zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit“, erläuterte der Papst. Jesus sei tatsächlich ‪‪‪‪die Verkörperung der Barmherzigkeit des Vaters und könne sich nicht selbst verleugnen.

Die Kasuistik sei heuchlerisch, warnte Franziskus, sie sei eine heuchlerisches Denkart, und werde immer ‪„‪‪‪subtiler“, ‪„teuflischer‪‪‪“.

Der Weg Jesu von der Kasuistik zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit sei nicht einfach, man brauche die Gnade Gottes, um voranzugehen, betonte Papst Franziskus, der am Ende seiner Betrachtung die Frage stellte, was wichtiger sei, die Gerechtigkeit oder die Barmherzigkeit.

Er warnte ausdrücklich, dass auch dies ein krankhaftes Denken sei, denn in Gott sei die Gerechtigkeit Barmherzigkeit und die Barmherzigkeit Gerechtigkeit.

[Übersetzt von Paul De Maeyer]

*

FUSSNOTE

[1] Im deutschsprachigen Raum begeht die Kirche heute das Fest des hl. Matthias. Vorgesehen ist eine Perikope aus dem Johannesevangelium (15,9-17).

Quelle: zenit.org

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12 Gedanken zu “Franziskus: „Kasuistik ist eine heuchlerische Denkart“

  1. Nepomuk

    Kasuistik ist die Anwendung der Moraltheologie auf den konkreten Einzelfall.

    Die Kasuistik hatte unter Protestanten des 19. Jahrhunderts einen schlechten Ruf, weil sie bisweilen auch erlaubte und nicht nur verbot. Der Katholik will tun, was er will, und es auch dürfen; wenn er es wirklich nicht darf, wird er es im Idealfall sogar unterlassen, wenn er es aber darf, wird er es unter Umständen, und jedenfalls dann ohne schlechtes Gewissen, tun (klassisches Beispiel: sich in einer peinlichen Situation durch geschicktes Nichtsagen der Wahrheit herausreden, ohne formell zu lügen). Der Protestant echauffiert sich darüber wahnsinnig, und zwar (sofern er ehrlich und selbstkritisch ist) nicht eigentlich, daß er nicht (im Beispiel) die Wahrheit sagt, denn das tut in gleicher Situation auch der Protestant nicht, oder jedenfalls versteht er ihn; sondern daß es dem Katholiken in seiner Frechheit einfällt, dabei dann nicht einmal wenigstens gewissermaßen „den Anstand zu haben direkt zu sündigen“ und hernach ein schlechtes Gewissen zu haben.

    Da haben wir Katholiken nun einmal – tatsächlich – einen anderen Ansatz. Wir gehorchen, einerseits, der Moral, zumindest unsere Sünden ausgenommen und im Prinzip (für den strengen Protestanten wäre der Vorsatz wohl schon Werkgerechtigkeit); aber wir denken nicht, andererseits, daß Gott uns das Leben mit seiner Moral besonders schwer machen wollte (der strenge Protestant schon – Gott habe uns damit zeigen wollen, wie hoffungslos verloren wir seien, wenn wir nicht das alles über Bord werfen und uns in Fiduzialglauben flüchten), und erlauben es uns daher durchaus, nur *das* von der Moral als Pflicht zu betrachten, das *tatsächlich* eine solche ist.

    Letzteres ist ist das, was man klassisch Kasuistik genannt hat.

    Und deswegen hat der Heilige Vater nicht recht, auch wenn es menschlich verständlich ist, daß er als Jesuit – für ihre Kasuistik waren die Jesuiten besonders bekannt – gerne das alte Schimpfwort loswäre. Wenn er an anderer Stelle gerade – zwar nicht mit für das Leben der Kirche richtigen Ergebnissen, was aber hier ohne Belang ist – das Vornehmen von Einzelfallprüfungen und Einzelfallentscheidungen einfordert oder einzufordern scheint, dann aber auf der Kasuistik herumschimpft, so „entbehrt das nicht einer gewissen sehr deutlichen Ironie“, vornehm formuliert.

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    1. Ich denke F. will tatsächlich Kasuistik in diesem Sinne, den Sie schreiben, kritisieren und entlarven als ein Herumlavieren im eiskalten „Bis hierher darf und bis dahin darf man nicht“. Es ist die Liebe, die uns Gebote halten lässt, nicht das Müssen oder eine „Forderung“.

      Dass er in AL einer solchen kasuistischen Strategie das Wort reden würde, kann ich nicht sehen – ich habe es gelesen, was er dort schreibt.
      Hat hier eigentlich einer das Schreiben gelesen? Sorry, aber diese Frage stelle ich mir allmählich…

      Er will auf die tatsächliche geistige Situation des Gläubigen hinaus, und die ist oft verwirrt, weit weg vom Vater und dem Betroffenen selbst nicht im Glauben und aus Glauben klar. Natürlich beginnt auch er bei einer Einzelfallbetrachtung. Aber nicht, um den Spielraum zum Gerade-Noch-Nicht-Sündigen auszuloten, sondern um den Gläubigen gewissermaßen authentisch zur Liebe zurückzuführen, so, dass der es auch versteht und nicht bloß Gebote hält oder nicht oder halb. Schwere Sünde ist bekanntlich etwas nur dann, wenn es vollbewusst, dass es sich um schwere Sünde handelt, getan wird. Dieses volle Bewusstsein erhält man aber nur in der Liebe, die einem zu Christus geschenkt wird.

      Warum ein Sie zu diesem Behuf einen absolut pauschalen Rundumschlag gegen die Protestanten machen müssen, ergibt keinen Sinn.
      Über soviel Schwarz-Weiß bin ich geradezu entsetzt… Sie haben eine Fiktion vom Protestantismus, die der befindlichkeit vieler gläubiger Protestanten gar nicht gerecht wird – im Gegenteil, sie sind vielleicht gar nicht so weit weg von dem, was F. will..

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    2. Nepomuk

      >>Ich denke F. will tatsächlich Kasuistik in diesem Sinne, den Sie schreiben, kritisieren und entlarven als ein Herumlavieren im […] „Bis hierher darf und bis dahin darf man nicht“.

      Klar, stimme zu, will er.

      Daß man auch irgendwie durchs Leben gehen muß, daß die Gebote – trotz vorkommender Sünden – zum Einhalten und nicht zum Daranscheitern gedacht sind* und daß es der Freude eines Christenmenschen eben nicht förderlich ist, wenn er andauernd nicht nur das tatsächlich Verbotene, sondern auch noch einen tendenziell noch viel größeren Sack an Zusätzen, die irgendjemand irgendwie damit in Verbindung bringt, einhalten muß, ändert aber auch der Wille des Heiligen Vaters nicht.

      Und da Kasuistik per definitionem die Anwendung der Moral auf den konkreten Einzelfall ist, historisch prominenterweise einschließlich der Feststellung, daß manche Dinge eben auch erlaubt sind**, fordert der Heilige Vater sie in AL einerseits ein, andererseits schimpft er andauernd über sie. Mehr wollte ich an dieser Stelle zu AL auch gar nicht sagen; das ist ein anderes Thema.

      >>Warum ein Sie zu diesem Behuf einen absolut pauschalen Rundumschlag gegen die Protestanten machen müssen, ergibt keinen Sinn.

      Doch, einen Sinn ergibt das schon; ich gestehe allerdings gern, daß ich diesen schlecht erläutert haben mag. Er bezieht sich vor allem darauf, daß, wie oben geschrieben, die Gebote zum Einhalten und nicht zum Daranscheitern gedacht sind. Im klassischen Protestantismus ist das nun einmal offiziell umgekehrt, ich kann es auch nicht ändern. Und wer die Gebote einhalten *will*, der wird nun einmal notwendig (zumindest in einer großen Masse, die nicht nur aus Mönchen und Enthusiasten besteht) der beliebigen Ausdehnung ihrer Auslegung widerstreben.

      Wer der Ansicht ist, sie einzuhalten zu versuchen sei tendenziell sogar sündhaft (Werkgerechtigkeit, etc.) und sie zeigten uns ohnehin lediglich, wie beschissen wir sind, und man müsse ohnehin einen Glaubensakt an die bedingungslose Vergebung setzen und dann tapfer sündigen (das ist nunmal alles die offizielle protestantische Lehre und damit auch für den etwa englischen Charakter, woher die Kasuistikvorwürfe hauptsächlich kommen, ein Stück weit prägend), der wird die Auslegung tendenziell ausweiten wollen und sieht in diesem Verhalten seines katholischen Nachbarn eine Unfairneß.

      Und welche Auslegung der Gebote ist nun die richtige?
      Die richtige.

      (Und wenn ich „der Protestant“ sage, dann meine ich einen solchen klassischen Typus und selbstverständlich nicht den konkreten Protestanten vor Ort, bei dem die christliche Wahrheit immer noch eine gute Chance hat, sich auch gegen die altprotestantische Lehrmeinung durchzusetzen).

      Daß die Protestanten gar nicht weit weg sind von dem, was Papst Franziskus will, haben jetzt aber Sie gesagt.

      Es mag ja sein, daß Papst Franziskus – um eine weitere klassische antikasuistische Einstellung aus tagesaktuellem Anlaß hervorzukramen – etwa der Ansicht ist, man solle am Aschermittwoch lieber gar nicht fasten als sich mittags mit einem üppigen Fischgericht für den Rest des Tages zu stärken. Daß es zum (wirklich) üppigen Fischgericht (i.a.) auch bessere Alternativen gibt, bedarf keiner Diskussion; aber daß diese Variante schlechter ist als „Nägel mit Köpfen zu machen und gleich zu sündigen“, die Ansicht wäre halt eben exakt falsch, ob sie nun die Unterstützung des Heiligen Vaters hat oder nicht.

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    3. Auch wenn das Luther’sche „pecca fortiter“ sicherlich eine maßlose Übertreibung ist, ist dennoch was Wahres dran – Gebote sind tatsächlich, so ist es auch biblicher Tenor, dazu da, dass man dran scheitert und erkennt, wo man vor Gott steht. Das Gesetz, schrieb Paulus, sei ein Erzieher auf Christus hin. Man wüsste nicht, wofür genau er gestorben ist, hätte man nicht das strenge Gesetz kennengelernt. Dass er es nicht einhalten kann, sagt auch der hl. Paulus – das hat mit Protestantismus nichts zu tun. Und: willkürlich gestezte Fastengebräuche sind nicht Gesetz Gottes – um hier mal etwas Klarheit zu schaffen! Nicht umsonst hat die Kirche sie ja immer wieder geändert…

      Dennoch ist das einer Gottesbeziehung nicht würdig, wenn sie das Qualitätsmerkmal der Liebesbeziehug haben will jedenfalls nicht, auf das Einhalten der Gesetze zu starren.

      Wir haben in der Kirche die tragische Fehlentwicklung der Bigotteri erlebt. das Vaticanum II wollte davon weg, scheiterte aber letztendlich am Integralismus, der unbedingt vorgerechnet bekommen wollte, wann man was darf und wann vielleicht privat nicht und wie viele Tage Abslass es dafür gibt.

      Ich sehe das ein echtes Problem. Auf der einen Seite ist das Konzept der „billigen Gnade“ (der Protestant Bonhoeffer benannte es) wirklich verwerflich, andererseits gibt es in der Kirche tatsächlich eine problematik der Werkgerechtigkeit, die so verlogen sein kann, dass man schreien könnte. Der gute alte Pharisäer begnet einem da bis heute als angeblich so glaubenstreuer Katholik, aber ihm fehlt jede Liebe, und darum ist all sein Gemache „eine Rätsche“. Nicht umsonst führte sich der Mensch an fastnacht vor Augen, dass er vor Gott ein Narr ist.

      Er muss es aber nicht bleiben, sondern kann Stück für Stück daraus gelöst und umgestaltet werden. Es ist ein Prozess, und das einzig Wichtige ist, dass dieser Prozess überhaupt einmal in Gang kommt. Durch Einhalten von irgendwelchen göttlichen oder menschlichen Geboten (und festgelegte Fastengebote sind rein menschlicher Natur!) aber kommt das nicht in Gang, das lehrt uns die tragische Geschichte vom reichen Jüngling. Jesus verlangt von ihm, dass er „alles aufgibt“. Und was das heißt: darum geht es, und es ist nicht leicht herauszufinden!

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  2. Tommy

    Geht’s wirklich um Kasuistik, wenn man fragt, ob das Wort Jesu: „Sündige nicht mehr!“ auch heute noch gültig ist? Hier geht es doch um allgemeine Antworten auf die grundsätzliche Frage nach der Frage des Ehebruchs!
    Kasuistik beginnt doch eher dort, wo man anfängt zu sagen, jeder Fall (casus) sei anders, wie es nach Amoris laetitia jetzt versucht wird!?

    An Zeitschnur:
    Es ist zwar richtig, dass sich die alte Kirche entschieden gegen jede Form von Abtreibung eingesetzt hat und auch betont hat, dass auch ein reiche Frau einen armen Mann zur Ehe nehmen kann.

    Wie Sie das darstellen, haben Sie entweder etwas falsch verstanden oder sind Sie einer missverständlichen Darstellung aufgesessen? Gibt es zu Ihrer Darstellung konkrete Zitate (mit Seitenangabe)?

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    1. Ja, das angeführte Buch, der interne Band 2, S. 25 und die dazu gehörigen Anmerkungen bitte auch S. 253

      Zitat von Hippolyt (Gegenspieler und Kritker des damaligen rechtmäßigen Papstes Kallistos):

      „Auch hat Kallistos es Frauen, wenn sie vornehmen Standes sind, keinen Mann haben und aufgrund ihres jugendlichen Alters von Liebe zu einem Mann entflammt sind und wenn sie ihren vornehmen Rang nicht infoige einer gesetzmäßigen Heirat einbüßen wollen, gestattet, einen einzigen zu haben, den sie sich zum Bettgenossen nehmen dürfen, sei es Sklave oder Freier, und diesen ohne gesetzliche Heirat zu ihrem Mann zu erwählen.
      Daher begannen sogenannte gläubige Frauen empfängnisverhütende Mediakmente anzuwenden und sich ringsum einzuschnüren, um die empfangene Leibesfrucht abzutreiben, da sie wegen ihrer vornehmen Abstammung und ihres übergroßen Vermögens weder von einem Sklaven noch von einem einfachen Mann ein Kind haben wollten.“

      In den Anmerkungen dazu heißt es, in Elvira habe man später infolge der entstandenen Probleme beschlossen, Eltern, die ihren Töchtern solche „Ehen“ erlaubten, zu bestrafen.

      Bei dem erwähnten Kallistos handelt es sich um den damaligen Bischof von Rom (gewählt 217 – 222)

      Hier ist ein knapper Wiki-Artikel zu Kalixt I., der auch die liberale Ehelehre dieses Papstes erwähnt. https://de.wikipedia.org/wiki/Calixt_I.

      Ich fürchte, verehrter Korrespondent, ich habe da nichts falsch verstanden. Eher streut man in der Kirche den Gläubigen Sand darüber in die Augen, dass es in der Kirche zu der fraglichen Angelegenheit auch schon früher andere päpstliche Entscheide gab.

      Ich möchte allerdings ausdrücklich bemerken, dass ich hiermit keine eigene Meinung hinter historischen Szenarien verbergen will, sondern nur darauf hinweise, dass wir heute nicht zum ersten Mal in der Kirchengschichte mit einer liberalen päpstlichen Lehre zu tun haben.

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    2. Tommy

      @Zeitschnur:
      Haben Sie noch nicht überlegt: Wenn das, was Sie hier über die „Ehepraxis“ der alten Kirche wiedergeben, den Tatsachen entsprechen würde, dann würde das doch wohl von den Kritikern der heutigen Eheauffassung der Kirche mit Nachdruck vorgebracht?? Und warum wohl erwähnt es auch in der jetzigen Diskussion um die Zulassung von Wiederverheirateten zur hl. Kommunion kein ernsthafter Kirchenhistoriker oder Theologe oder Bischof oder Franziskus selbst in Amoris laetitia, obwohl doch viele von ihnen die bisherige Strenge der Kirche aufweichen wollen???
      Warum? Weil Hippolyt als erster Gegenpapst (!) der Geschichte nur die Zulassung von Ehebrechern und Unzuchtssündern zur Buße wie auch die Zulassung der Ehe zwischen hochgestellten Frauen und Sklaven schlecht zu reden versucht, die der rechtmäßige Papst, der hl. Kallistus I.nach kirchlichem Recht für gültig und erlaubt erklärte, obgleich nach römischem Recht nicht vorgesehen.
      Die Darstellung des Hippolyt kann vor dem Hintergrund der Geschichte wohl kaum bestehen. Er wollte mit solchen „Klagen“ seine eigene Wahl zum Gegenpapst rechtfertigen, „berichtet“ hier also letztlich ziemlich tendenziös und verzerrend. Zu seiner Entlastung ist anzumerken, dass er sich vor seinem Tod wieder mit der Kirche aussöhnte und so auch in der Kirche als Heiliger und Martyrer verehrt wird, ebenso wie Papst Kallistus I.

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    3. Die Darstellung des Hippolyt ist in ihrem Sachgehalt nicht umstritten. Bloß Hardliner, die rückwirkend die Kirchengeschichte zurechtbiegen wollen, reden alles schön oder in ihren Sinn hinein. Bei seriösen Forschern ist die Nutzung tatsächlicher Probleme der frühen Kirche durch Hippolyt, um sich selbst zu inszenieren, natürlich in der Diskussion. Deswegen ist aber das Problem, das er darstellt, nicht einfach aus der Luft gegriffen.
      Wie ich ja sagte, wurden solche erlaubten Konkubinate auf der Synode von Elvira unter Strafe verboten. Wozu hätte man das tun sollen, wenn es das problem nicht so zahlreich gegeben hätte, dass eine Synode darüber reden muss?
      Alleine das beweist schon, dass solche Verhältnisse vorlagen.
      Das „römische Recht“ ist hier kein Argument, weil es lediglich Eheschließungen zwischen Hoch und Niedrig nur unter Verlust des hohen Standes erlaubte, was aber diese Frauen aus verständnlichen materiellen Gründen nicht wollten. Es hätte sie in veramrung gestürzt. Konkubinate waren nach römischem Recht aber nicht verboten und in spätrömischer Zeit gang und gäbe. Auch römische Frauen hurten nach den Quellen nach Belieben herum, sofern sie das Geld dazu hatten und die Männer nichts dagegen hatten oder selbst so lebten. Häufig ist die Aufgabe eines solchen Lebenswandels bei Frauen als Folge einer Bekehrung beschrieben…
      Das tut hier also nichts zur Sache.

      Wenn Sie die Debatte aufmerksam verfolgt hätten in den letzten Jahren, müsste Ihnen aufgefallen sein, dass sehr wohl auf diese älteren Verhältnisse Bezug genommen wird und die Entscheidung der Orthodoxie, aufgrund dieser Linie in der Tradition Ehescheidung und Wiederheirat zuzulassen. Benedikt hat allerdings diese Linie dann als „häretisch“ bezeichnet, allerdings informell.

      Die Linie der Kirche heute geht auf die Entwicklungen zurück, die sich im Lauf der Zeit ergeben haben. Dabei spielt das gebot Jesu selbst eine große Rolle (dies mehr in der RKK), aber auch die pragmatische Entwicklung (dies mehr in der Orthodoxie).
      F. erwähnt das alles in seinem Schreiben AL deshalb nicht, weil er weder das Kirchenrecht noch die Kirchenlehre, wie sie sich entwickelt hat, ändern will. Dass Sie davon selbstverständnlich ausgehen, er würde das tun, hätte er nur genügend Gründe aus der Kirchengeschichte, ist – nebenbei gesagt – infam und eine böse Unterstellung.

      Vielleicht wacht anhand dieses Details noch mancher hier auf und erkennt: F. will das nach allem, was er real schreibt, nicht! Ihm geht es um einen milderen Umgang mit „Ehebrechern“, nicht um die Auflösung der Lehre der Kirche.

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  3. Franziskus will sehr stark auf das Prozesshafte eines Glaubenslebens heraus. Ich habe zufällig in einem Sammelband frühchristlicher Quellen einige Dokumente zu vergleichbaren Situationen wie der unseren gelesen:

    Das Christentum war von Anfang an eine Hochburg der Frauen. Immer bekehrten sich mehr Frauen als Männer und daraus ergab sich das problem, dass gerade hochgestellte Frauen, die zuhauf Christinnen wurden, entweder mit dem heidnischen Ehemann nicht mehr zurecht kamen oder aber erst gar keinen Mann mehr finden konnten, wenn sie ledig waren – ganz einfach, weil hochgestellte Männer kaum Christen wurden. Die meisten heidnischen und jüdischen Männer aber sahen es „naturrechtlich“ als ihr Privileg an, die Ehe so oft und viel sie wollten, zu brechen (im christlichen Sinne) – nach ihren Moralprinzipien war das allerdings kein Ehebruch. Ehebruch der Frau war: Sex mit einem anderen als dem Ehemann. Ehebruch beim Mann war: Sex mit einer bereits verheirateten Frau. Alles andere Herumschweifen galt als sein gutes Recht.

    Wenn nun Frauen sich von solchen ehebrecherischen Männern trennten und hernach aufgrund zu starker Triebe nicht alleine bleiben konnten, gestand ihnen nun die Kirche auch mildernde Umstände zu (dem Mann gestand sie das umgekehrt sowieso zu – er konnte nach Scheidung wegen Ehebruch der Frau jederzeit auch nach Kirchenrecht wieder heiraten). Das konzil von Elvira (4. Jh) sagt im 8./9. Kanon, man könne auch einer Frau aufgrund der „Schwäche des Fleisches“ zugestehen, wiederverheiratet zu sein UND zu den Sakramenten zu gehen.

    Hochgestellte Frauen durften mit Erlaubnis der Kirche in Konkubinaten mit Sklavenmännern oder Niedrigergestellten leben, sollten sich dabei aber auf einen beschränken. Es ergaben sich aber Probleme mit Abtreibungen hernach, weil die Früchte dieser „Ehen“ gesellschaftlich geächtet waren. Gegen solche Abtreibungen ging die Kirche dann aber vor.

    Nur wenn kein Grund für eine Scheidung vorlag, verbot die Kirche eine Wiederheirat kategorisch. In allen anderen Fällen, v.a. des Ehebruchs war man offenbar milder.

    Peter Guyot/Richard Klein (Hg.): Das frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen. Eine Dokumantation. Darmstadt 2006

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  4. Gerd

    Wenn der Papst fragt, was wichtiger sei, die Gerechtigkeit oder die Barmherzigkeit, lässt er mich ein wenig ratlos zurück. Diese Frage impliziert, dass das eine gegen das andere ausgespielt werden könnte. Jesus sagt ja selber, dass die Ehebrecherin nicht mehr sündigen soll. Er fordert also die Umkehr, sozusagen das rechte Handeln um dann ihr unrechtes Tun nicht zu verurteilen. Gibt es einen Theologen der das mal aufbröseln könnte?

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    1. Josef Broszeit

      Verlassen Sie sich nicht allzusehr auf andere (Theologen).
      Lesen Sie selbst die Bibel -Gottes Wort – und halten Sie daran fest.

      Der hl. Geist wird Sie erleuchten und Ihnen die rechte Auslegung der Schrift direkt zeigen.

      Ein Tipp:
      Kaufen Sie sich ggf. eine günstige Bibelkonkordanz.
      Kann auch evangelisch sein.
      So können Sie die Bibelstellen an Hand Ihnen noch in Erinnerung befindlicher einzelner Worte leicht und schnell ausfindig machen und dann genau z.B. in der Einheitsübersetzung nachlesen.

      Geht natürlich alternativ auch über Google im Internet…

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    2. Josef Broszeit

      Leider ist die „Neue Konkordanz zur Einheitsübersetzung“ aus dem Patmos-Verlag mit 99€ sehr teuer und z.Zt. vergriffen.
      Aber es tut nach meiner Erfahrung meistens auch die „kleine Konkordanz zur Lutherbibel“ für 7,99€.

      Dafür braucht man ja nicht evangelisch zu werden – sie dient ja nur zum Auffinden der richtigen Bibelstellen in Ihrer eigenen Bibel.

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