Zugänge zum Glauben – oder: der kritische Blick in den Spiegel

Die Kolumne von Georg Dietlein

15909489_10208080450305076_1440240424_nJeder Mensch hat seinen individuellen Zugang zum Glauben. Jeder Mensch „glaubt“ anders, weil sich der Glaube nicht auf das Für-wahr-Halten von Dogmen beschränkt (fides quae), sondern letztlich in einer ganz persönlichen Beziehung zu Jesus Christus wurzelt (fides qua). Deshalb ist das Gottesbild, aber auch das Bild von Kirche und vom Menschen bei jedem Christen unterschiedlich nuanciert und akzentuiert (worüber man nun so oder so denken mag). Diese unterschiedlichen Nuancierungen haben übrigens praktische Konsequenzen, welche wiederum einen Rückschluss auf unser Gottesbild erlauben.

Dazu zwei anschauliche Beispiele. Szenario 1: Gehen wir einmal davon aus, ich setze mich für eine Liberalisierung der katholischen Sexual- und Ehemoral ein. Das hohe Ideal, das die Kirche heute noch den Menschen predigt, das kann doch keiner mehr leben!? Dieses Engagement sagt viel über mein Gottes- und Menschenbild aus. Positiv gesagt: Ich betone sehr stark die Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft Gottes. Eigentlich will Gott unser Bestes (weshalb die Kirche ja gerade bestimmte Handlungsempfehlungen bereit hält). Aber die Güte Gottes geht dann sogar so weit, dass er das alles nicht so „ernst nimmt“ – und uns das alles ein bisschen „egal“ sein kann.

Negativ gewandt: Diese Haltung sagt auch etwas aus über mein Bild vom Menschen. Ich fordere eine Liberalisierung der Moral, weil ich dem Menschen dieses Ideal nicht mehr zu-traue oder zu-mute. Weil der Mensch so schwach ist (oder unser Glaube an die Güte und Allmacht Gottes so verdrängt), brauchen wir Abstriche – eben ein „Christentum light“. Zugleich sagt das ganz schön viel über unser Bild von Gott aus.

Ein zweites Beispiel: Ich setze mich für eine „Öffnung“ der Kirche ein. Das Ziel ist dabei, Kirche wieder „attraktiv“ zu machen und möglichst viel Sympathie für die Kirche zu wecken. Weil das offensichtlich nicht mit den „Kernkompetenzen“ von Kirche funktioniert (Gebet, Eucharistie, Sakramente), probiere ich es mit kleinen Aktionen und „Reförmchen“: Abschaffung des Zölibates, Öffnung der Weihe für Frauen, „arme Kirche“, Entfernung aller Kniebänke. Möglicherweise bleibt der gewünschte Erfolg für die Kirche aus – aber dann hat man es immerhin mal versucht.

Analyse: Ich will eigentlich nur das Best(gemeint)e für die Kirche. Ich will, dass das kirchliche Leben wieder so funktioniert wie im 19. Jahrhundert (eigentlich ein ziemlich verstaubtes Kirchenbild, oder?). Ich will möglichst viele Kirchenmitglieder und Kirchgänger (und das um jeden Preis). Ich möchte, dass die Kirche wieder zum Mittelpunkt in jedem Dorf und jeder Stadt wird – ein Ort, um sich auszutauschen und sich zu vernetzen. – Negativ gewandt: Mir sind die Inhalte eigentlich egal. Es geht bloß um Zahlen und ums Image. Es geht um Likes auf facebook und eine gute Publicity beim SPIEGEL. Das aber führt zu einem Gesichtsverlust vor dem Spiegel. Die Kirche wird zu einer bloßen NGO, bestenfalls zu einem Verein von #gutmenschen, vermutlich aber einfach zu einem Netzwerk oder einem netten Club. Ein leicht religiöser Anstrich trägt dabei zur Erleichterung des Gewissens bei (oder ist einfach très chic): strahlende Christbäume, ab und zu die Mystik einer weihraucherfüllten Kirche, das lateinische Hochamt als „Event“ und natürlich die kleine Opferkerze als postmoderner Glücksbringer. Ist doch cool – sagen die einen. Ist aber nicht mehr die Kirche Jesu Christi – sagen die anderen.

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2 Gedanken zu “Zugänge zum Glauben – oder: der kritische Blick in den Spiegel

  1. „Jeder Mensch „glaubt“ anders, weil sich der Glaube nicht auf das Für-wahr-Halten von Dogmen beschränkt…“
    Warum geht es im Artikel dann nur mehr um das Dogmatische, und das noch ziemlich schwarz-weiß?
    Beispiel 1: Es geht nicht darum, eine Liberalisierung der Moral zu fordern, weil dem Menschen dieses Ideal nicht mehr zuzumuten ist, sondern weil die Kirche vergessen hat, dass das hohe Ideal ein Ideal ist, also eine Orientierung und kein faktischer Maßstab. Es geht nicht darum, am „hohen Ideal“ der Kirche festzuhalten, sondern nach dem ursprünglichen Sinn zu fragen. Tut man das nicht, landet man bestenfalls bei den Pharisäern, aber nicht bei Christus.
    Beispiel 2: Das Ziel einer Öffnung der Kirche ist nicht, sie „attraktiv“ zu machen, sondern sie wieder zu den Menschen zu bringen. Niemand will sich über die „Kernkompetenzen“ der Kirche hinwegsetzen, die müssen aber in der Sprache der Zeit vermittelt werden, wenn der ursprüngliche Sinn nicht verloren gehen soll.
    In beiden Beispielen wird ein status quo vorausgesetzt, über den niemand nachdenken darf. Daher geht das an jedem ernsthaft denkenden Menschen vorbei. Und am tieferen Sinn des Evangeliums wohl auch.
    In dem Sinne macht der Artikel genau das, was er anprangert: Er bleibt gnadenlos an der Oberfläche.

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  2. Weichei-Katholizismus war noch nie mein Geschmack – machen wir es so wie der hl. Don Bosco – „Gutes tun, fröhlich sein – und die Spatzen pfeifen lassen!“ – aber eben auch so: „ich werde nie mehr als 5 Stunden in der Nacht schlafen!“ (weil er Gutes tun wollte). Aber Don Bosco konnte auch anders: Zu „Neuen“ sagten die „Alten“: „Don Bosco ist ein grundgütiger Mann, aber hütet euch, ´Ärgernis zu geben´, er schmeißt jeden seiner Zöglinge, der „Ärgernis gibt“, unnachsichtig aus seinem Heim hinaus – „weil ein fauler Apfel die anderen ansteckt!“ Treulose schätzte er ebensowenig: Als ihn während der italienischen Nationalrevolution unter Garibaldi gegen seinen Rat alle seine Priester und Zöglinge verließen, um sich der neuen Bewegung anzuschließen, und er selbst für seine Öfen Holz hacken musste, nahm er – nach der Niederlage der Revolutionäre – keinen seiner Priester wieder auf und auch Zöglinge nur nach genauer Prüfung. Weicheier taugen nichts. Don Bosco ist immer noch Patron der Jugend. „Prüfet alles – das Gute behaltet!“ (hl. Paulus) Dazu gehört zum Beispiel auch Gehorsam. Don Bosco war in 30 Berufen zu Hause – aber er blieb konservativ.

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