Gedicht zum Sonntag – „Ich sah das Dunkel schon von ferne kommen“

„Verdammnis 1933“ (23. Mai 1933) von Max Herrmann-Neiße (1886-1941)

Ich sah das Dunkel schon von ferne kommen,
als das Gebirg noch schimmernd sichtbar blieb,
und bangte mich und wartete beklommen,
daß Gott uns aus dem Paradies vertrieb.

Noch lag der See in friedlichem Verweilen,
verliebt nur streichelte ihn leis der Wind,
die Boote schaukelten sich an den Seilen,
und Möwen kreisten spielerisch geschwind.

Ich aber konnte aus den Vogelchören
und aus der Wellen flüchtigem Geraun
bedrohlich eine düstre Mahnung hören
und hatte zu dem Frühling kein Vertraun.

Schon hatte sich der Horizont umzogen
und alles Strahlende versank und schwand,
zwischen der Erde und dem Himmelsbogen
stand plötzlich störend eine schwarze Wand.

Für immer war das Friedliche vernichtet,
nicht mehr vergönnt den Möwen Flug und Laut,
aus dichten Finsternissen aufgeschichtet
war etwas vor das Licht der Welt gebaut.

Aus Lustgefilden wurde eine Wüste,
kein Gärtchen schlichter Eintracht blieb verschont.
Kein Licht vom Berg den Wanderer mehr grüßte,
kein Abendwald, in dem das Märchen wohnt.

Aus der Umnachtung schien kein Pfad zu führen,
und nirgends dämmerte ein Morgen hell,
das Herz des Himmels war nicht mehr zu rühren
von Lerchenliedern und gesprächgem Quell.

Noch ward kein gutes Menschenwort vernommen,
das um den Nächsten gütig sich bemüht.
Vielleicht wird nach der Flut die Kunde kommen,
daß paradiesisch neu die Welt erblüht.

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Max Herrmann-Neiße

Max Herrmann-Neiße (1886-1941) wurde am 23. Mai 1886 in Neiße in Schlesien geboren. Nach dem Abitur nahm er 1905 ein Studium der Literatur und Kunstgeschichte auf, das er jedoch 1909 aufgab. Er widmete sich fortan ganz dem Schreiben. 1914 veröffentlichte Herrmann-Neiße einen ersten Gedichtband. Ab den 20er Jahren verfasste er nicht nur Gedichte, sondern auch Erzählungen und trat in Kabaretts auf. Seit 1917 lebte er in Berlin. 1924 wurde er mit dem Eichendorff-Preis ausgezeichnet, 1927 mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis. Nach dem Brand des Reichstags in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 floh Hermann-Neiße mit seiner Frau nach verschiedenen Zwischenstationen schließlich nach London. In der Exilzeit schrieb Herrmann-Neiße weiter zahlreiche Gedichte. Er starb am 8. April 1941 in London.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org

 

 

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