Pius XII. und die Shoah (1/2)

Sein „Schweigen“ zur Judenfrage im 2. Weltkrieg

von Matthias Jean-Marie Schäppi

His Holiness Pope Pius XII
Pius XII. (bürgerlicher Name Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli; * 2. März 1876 in Rom; † 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo) war vom 2. März 1939 bis Oktober 1958 Papst.

Als Papst Pius XII. am 9. Oktober 1958 starb, stand er „weltweit in hohem Ansehen“, wie der christliche Schriftsteller Bret Easton Ellist schreibt. Sein Hinscheiden war deshalb auch noch mehr als das seines Vorgängers von der Würdigung und Anteilnahme der Weltöffentlichkeit begleitet, auch von jüdischer Seite. Die damalige israelische Außenministerin Golda Meir beispielsweise dankte dem verstorbenen Papst, dass er für die Verfolgten „die Stimme erhoben“ habe; Roms Oberrabbiner Elio Toaff würdigte seine „große mitfühlende Güte und Hochherzigkeit“.

Ganz andere Worte wählte der Dramatiker Rolf Hochhuth fünf Jahre nach dem Tod des Papstes in dem Drama „Der Stellvertreter“, mit dem er das Weltbild der Katholiken nachhaltig beschädigte. „Wenn er mehr mit den Menschen gesprochen hätte“, so Hochhuth, „hätten sich viele Juden retten können.“ Er nennt den Papst „einen satanischen Feigling“ und wirft ihm vor, in der Hitler-Zeit niemals öffentlich zum Holocaust-Verbrechen der Nationalsozialisten die Stimme erhoben zu haben. Sein Theaterstück wurde 1963 in Berlin uraufgeführt. Was die Öffentlichkeit damals nicht ahnen konnte, war, dass die Hauptquellen des Autors der Nazi-freundliche Bischof Alois Hudal (1885-1963) und der Leiter der deutschen Sektion im Staatssekretariat, Msgr. Bruno Wuestenberg, waren, die sich beide auf diese Weise an Pius XII. rächen wollten: Hudal, weil er vom Papst zum Rücktritt als Rektor der „Anima“ abgesetzt worden war, nachdem seine Tätigkeit u.a. als Fluchthelfer für Nazigrößen nach dem Krieg publik wurde (Ein Vorgang, der heute absurder Weise meist Pius XII. von seinen Gegnern zur Last gelegt wird!), Wuestenberg, da ihn der Papst – angeblich wegen Homosexualität – nicht befördert hatte.1

Der Hauptvorwurf gegen Pius XII. […], er habe zur Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten geschwiegen und ihr tatenlos zugesehen – sei es aus Feigheit wegen drohender Konsequenzen, aus Gleichgültigkeit aufgrund wirtschaftlicher Interessen, aus Staatsräson oder gar aus antisemitischen Motiven –,“2 hat sich derweil seit Hochhuth hartnäckig in den Köpfen der Menschen festgesetzt und vielfach auch Eingang in die Geschichtsbücher gefunden. Er basiert auf der aus heutiger Sicht nur naiv zu nennenden Annahme, der Papst hätte durch einen eindeutigen öffentlichen Protest das unsägliche Leid verhindern oder zumindest begrenzen können; „somit sei er gemäß dem Sprichwort ‚Wer schweigt, stimmt zu‘ an den Verbrechen mitschuldig geworden.“3 Der vorliegende Artikel geht diesem Vorwurf des „Schweigens“ nach und versucht, im Spiegel von Selbstzeugnissen und Äußerungen sowohl Pius’ XII. als auch seiner Mitarbeiter und Vertrauten Licht hinter diesen Vorwurf zu bringen.

Beginn des Pontifikats und Kriegsausbruch

Die Wahl Eugenio Pacellis zum Pontifex Maximus am 2. März 1939, seinem 63. Geburtstag, wurde damals begeistert aufgenommen – übrigens auch von jüdischen Medien –, vom NS-Regime indes kritisiert, weil der Neugewählte als Gegner des Nationalsozialismus bekannt war. Im Völkischen Beobachter hieß es am 3. März 1939 dazu: „Wir in Deutschland haben von diesem Papst nichts zu erwarten! […] Die Kirche unter Pius XII. wird mehr als sonst Politik machen, aber nicht so roh und polternd wie unter Pius XI., feiner, diskreter und steiler.“4 Gleich zu Beginn seines Pontifikats wurde Pius XII. mit der Kriegsgefahr konfrontiert. Am 31. August erwog er, direkt nach Berlin und Warschau zu reisen, musste diesen Plan aber wieder aufgeben und appellierte von Rom aus an die deutsche und polnische Regierung, keine Zwischenfälle zu provozieren und die Spannungen nicht zu verschlimmern. Zu spät – denn beide Seiten hatten die Mobilmachung ihrer Armeen schon eingeleitet.5

Wie sein Vorgänger Benedikt XV. im Ersten, so veröffentlichte Pius XII. im Zweiten Weltkrieg zahlreiche allgemeine Friedensappelle, wobei er klare Schuldzuweisungen konsequent vermied und keine Kriegspartei namentlich nannte. „Man darf jedoch auch die Pflicht des Papstes zur politischen Neutralität nicht vergessen, die ihm von der Natur seines Amtes her auferlegt ist; schließlich ist er nicht nur Oberhaupt eines militärisch neutralen Staates, sondern in erster Linie Priester und Pontifex maximus“.6

Am 14. September 1939 beklagte Pius XII. erstmals den Kriegsausbruch und erklärte seine Absicht, einen für alle Beteiligten ehrenhaften Frieden zu vermitteln. Dies wiederholte er bis zum Kriegsende öfter. Am 26. September 1939 nannte er den Krieg eine „entsetzliche Gottesgeißel“ und hoffte auf Frieden durch „versöhnenden Ausgleich“, der auch der katholischen Kirche künftig „größere Freiheit“ schenken möge.

Stellungnahmen und Proteste zugunsten der Juden

Als 1941 die ersten Informationen von der Deportation tausender Juden an den Heiligen Stuhl vordrangen, benutzte Pius XII. die Gelegenheit der jährlich in aller Welt beachteten Weihnachtsbotschaft zu einer ersten öffentlichen Stellungnahme, indem er sagte: „Unser Segen […] dringe in herzlicher Innigkeit zu all denen, welche die Hauptleidträger dieser Notzeit sind.“7 Noch deutlicher wurde er in der Weihnachtsbotschaft des folgenden Jahres vom 24. Dezember 1942. Der Papst spricht darin von „den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind“.8 Auch das Naziregime konnte sich nicht über diese unmissverständliche öffentliche Kritik hinwegtäuschen. Ein Meisterwerk „klerikaler Verfälschung“ sei diese päpstliche Rede, und es sei klar, dass Pius XII. hier als Fürsprecher der Juden auftrete, so ein interner Bericht des Reichssicherheitshauptamts vom 22.1.1943.

Pius XII. aber war fest entschlossen, auch in Zukunft seine Stimme zu erheben, wo dies möglich war, ohne das Leid nicht zu vergrößern. So nahm er am 2. Juni 1943 die Gelegenheit wahr, „in seiner Dankansprache für die Namenstagsglückwünsche der in Rom versammelten Kardinäle nochmals ‚mit besonders inniger und bewegter Anteilnahme‘ für die Juden Stellung zu nehmen, um ‚den Bitten derjenigen Gehör [zu] schenken, die sich mit angsterfülltem Herzen flehend an Uns wenden. Es sind dies diejenigen,‘ so der Papst weiter in ganz ähnlichen Worten wie an Weihnachten 1942, ‚die wegen ihrer Nationalität oder ihrer Rasse von größerem Unheil und stechenderen und schwereren Schmerzen gequält werden und auch ohne eigene Schuld bisweilen Einschränkungen unterworfen sind, die ihre Ausrottung bedeuten.‘9 An diese war die Ansprache zwar nicht gerichtet, jedoch zur Veröffentlichung in den Actae Apostolicae Sedis bestimmt und somit für jedermann einsehbar.

Hilfsaktionen für die römischen Juden

In erster Linie sah aber der Papst auf Grund des bestialischen Ausmaßes der Judenverfolgung

für sich und seine Mitarbeiter die Verpflichtung, alles zu tun, ‚was in unseren Kräften steht, um das Volk Israel zu retten.‘10 Doch angesichts der Wirkungslosigkeit des größten Teils seiner Proteste erkannte er schnell: ‚Nicht klagen, sondern handeln ist das Gebot der Stunde.‘1112

Diese Erkenntnis erwies sich als besonders wirksam, als nach dem Sturz Mussolinis deutsche Truppen unter Feldmarschall Kesselring am 10. September 1943 Rom besetzten, „was für die ca. 9600 Juden, die damals in der Stadt lebten […] eine immense Gefahr bedeutete.“13 Bis zum 4. Juni 1944 (D-Day, Landung der Alliierten) setzte sich Pius XII. persönlich in vielfältiger Weise für die verfolgten Juden in Rom ein, wobei vor allem die Öffnung der Klöster und kirchlichen Einrichtungen für alle Verfolgten hervorzuheben ist.14 „Nach dem Einmarsch der Deutschen in Rom traf der Papst angesichts der drohenden Gefahr für die Juden eine sehr wichtige Schutzmaßnahme: ‚Pius XII. hatte wissen lassen, die kirchlichen Häuser könnten und sollten flüchtigen Juden Unterschlupf gewähren‘15, und hob dazu die Klausur der Klöster und Konvente auf, zwei Wochen später auch die kanonischen Schranken, sodass ‚Männer in Nonnenklöstern bzw. Frauen in Männerklöstern aufgenommen werden konnten.‘16 So haben 100 Frauen- und 45 Männerklöster sowie zehn Pfarreien Roms, aber auch zahlreiche andere kirchliche Einrichtungen wie die Päpstliche Universität Gregoriana oder das Päpstliche Bibelinstitut, vor allem aber die exterritorialen, zum Vatikanstaat gehörenden Gebäude im Lateran, in Santa Maria Maggiore und St. Paul vor den Mauern, den Verfolgten ihre Türen geöffnet und ‚während der ganzen deutschen Besatzungszeit etwa 5000 Juden Obdach‘17 geboten.

Im Vatikan selbst ‚gewährte der Heilige Vater persönlich für einige Dutzend römische Juden Schutz und Hilfe‘18; offenbar kamen dort aber noch wesentlich mehr unter, deren Zahl jedoch nicht mehr ermittelt werden kann, da sie dort ‚nur illegal sein konnten und man deshalb nicht von ihnen sprach‘19. Sogar den Apostolischen Palast in Castel Gandolfo, seine Sommerresidenz, ließ der Papst für die Verfolgten öffnen, sodass dort etwa 3000 Juden unterkommen konnten. Im Großen und Ganzen wurde die Exterritorialität der Gebäude von den Nationalsozialisten respektiert, sodass die Juden dort wirklich in Sicherheit waren. Durch diese unmittelbar von Pius XII. ausgehende Aktion konnten somit 85 % der 9600 in Rom lebenden Juden von der Kirche versteckt und so vor der Deportation bewahrt werden.20 Aber auch auf andere Weise half der Papst den römischen Juden nach Kräften.“21

Fortsetzung folgt. 

***

Buchempfehlung: Markus Schmitt: Das „Schweigen“ Pius’ XII. zur Judenverfolgung im Spiegel von Selbstzeugnissen und Äußerungen seiner Mitarbeiter und Vertrauten, Aadorf 2008

Rezension hier: http://www.kath.net/news/25384

1 Vgl. Markus Schmitt: Das „Schweigen“ Pius’ XII. zur Judenverfolgung im Spiegel von Selbstzeugnissen und Äußerungen seiner Mitarbeiter und Vertrauten, Aadorf 2008, S. 33, Anm. 90.

2 Ibid., S. 14.

3 Ibid.

4 Gerhard Besier: Der Heilige Stuhl und Hitlerdeutschland. Die Faszination des Totalitären, München 2004, S. 299.

5 Vgl. Besier, S. 301–304.

6 Schmitt, S. 59.

7 Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1941; Arthur-Fridolin Utz/Joseph-Fulko Groner (Hgg.): Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens. Soziale Summe Pius XII. (3 Bde.). Freiburg (CH) 1954 -1961, Nr. 3805.

8 Ders., Weihnachtsbotschaft 1942; Utz/Groner, Nr. 269.

9 Ders., Namenstagsansprache an das Kardinalskollegium, 02.06.1943; Utz/Groner , Nr. 3723.

10 Ders. zu Msgr. Hughes (Apostolischer Delegat in Ägypten und Palästina), 05.09.1944; Saul Friedländer: Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation, Reinbek 1965, S. 157.

11 Ders., Weihnachtsbotschaft 1942; Utz/Groner, Nr. 248.

12 Schmitt, S. 26.

13 Ibid., S. 27.

14 Vgl. Schmitt, S. 27-36. – Schmitt geht hier noch viel weiter und berichtet umfassend über fernere Maßnahmen des Papstes gegen die Judenrazzien und seine Hilfe bei der Beschaffung des von den Nazis erpressten Goldes.

15 Robert Leiber: Pius XII. und die Juden in Rom 1943-1944. In: Walter Adolph: Verfälschte Geschichte. Antwort an Rolf Hochhuth. Mit Dokumenten und authentischen Berichten, Berlin 1963, S. 95-99 (Auszüge), hier S. 96.

16 Pierre Blet: Papst Pius XII. und der Zweite Weltkrieg. Aus den Akten des Vatikans, Paderborn u.a. 2000, S. 220.

17 Pinchas E. Lapide: Rom und die Juden, Bad Schussenried 2005, S. 94. Vgl. auch die Berechnungen bei Leiber, a.a.O., S. 96.

18 Leon Poliakov (laut P. Leiber Kenner der Ereignisse); Adolph S. 35, zitiert nach: FAZ, 11.04.1963.

19 Leiber, S. 96.

20 Vgl. Lapide, S. 93.

21 Schmitt, S. 28f.

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Ein Gedanke zu “Pius XII. und die Shoah (1/2)

  1. der Hofrat

    Es ist immer schwierig in der Gegenwart eine Gestalt aus der Vergangenheit richtig zu beurteilen Man kann Pius XII durchaus das eine oder andere vorwerfen
    (siehe dazu den äusserst unterhaltsamen Romane Malteser Ritter und die Schlüssel von St.Peter )
    Im Bezug auf das Problem der Nazis war Pius XII ein knallharter Realist was seine Möglichkeiten betrifft
    noch ein kurzes Wort zur Seligsprechung
    es fällt mir schwer zu glauben daß es kein geeignetes Wunder gibt wo doch in den letzten Jahren immer wieder Selig und Heiligsprechungen vorgenommen wurden deren „Wunder“ humoristisch bis lächerlich oder gar nicht vorhanden waren siehe Papa Roncalli

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