Religion und Moderne (Teil 3): Warum die Religion verliert und wie sie gewinnen kann

Ob man sich als religiös bezeichnet oder nicht, unabhängig von der eigenen Zuschreibung ist kaum bestreitbar, dass Religion einen massiven Bedeutungsverlust erfährt. Besonders seit den letzten Jahrzehnten findet ein stetiger Rückgang statt. Doch dieser hat seine Gründe. Warum verliert und die Religion und wie kann sie wieder gewinnen?

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von Josef Jung

Religion verliert, wo sie im Gegensatz zur Moderne steht

Was ist Moderne? Für den Bereich den Bereich der Religion kann man sagen: Religion wird als eine Angelegenheit der individuellen Sinn- und Bedürfnisorientierung betrachtet. Verschwunden sind weitgehend objektive Kriterien, Disziplin und Vergesellschaftung. Damit einher geht, dass Fragen nach Moral und Glaubensführung nicht mehr von außen vorgegeben werden können. Wenn Religion mit Lebens- und Moralansprüchen herantritt, die dem widersprechen, was eigene Bedürfnissen und Vorstellungen sind, wird Religion mit dem Argument der „Heteronomie“, also der Fremdbestimmung, zurückgewiesen. Modern hingegen heißt von „Autonomie“ zu sprechen, vom „moralischen Gesetz in mir“, wie es Kant nennt.

Nun bietet das 21. Jahrhundert eine Fülle an Entfaltungsmöglichkeiten, die zwar von traditionellen religiösen Normen abweichen – in Bereichen der Sexualität, Familie, Lebensführung, Identiät usw. – aber dennoch gesellschaftlich vollkommen akzeptiert werden. Dies ist so, weil sich die abweichenden Positionen auf eine Art „säkulares Naturrecht“  berufen, nämlich auf die  „Autonomie“ oder auf etwas wie die „conditio humana“ und diese gelten als unaufgebbare Errungenschaften. Es geht um die Selbstwerdung nach dem, was im Inneren als das Ureigene, das eigentliche Selbst wahrgenommen wird. Hier verbittet man sich einen Verweis auf Gott, Kirche usw. da dies als unberechtiger, fremder Eingriff gegen die eigene Entfaltung, das eigene Glück gesehen wird.

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Schönheit statt Angst und Mittelmaß: Die katholische Kirche braucht dringend Künstler

So schrieb der russische Autor Fjodor Dostojewski in „Dämonen“, einem seiner vier großen Romane. Der russisch-orthodoxe Romancier stimmte einem polnischen römisch-katholischen Papst zu, der ein Jahrhundert später über die Notwendigkeit der katholischen Kirche nach Schönheit und Künstlern, die diese Schönheit erschaffen könnten, schrieb.

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„Die Schönheit ist ein Schlüssel zum Mysterium und ein Ruf nach Transzendenz. Sie ist eine Einladung, unser Leben zu genießen und von unserer Zukunft zu träumen. Deswegen kann die Schönheit der geschaffenen Dinge nie vollständig zufriedenstellen. Sie rüttelt an der versteckten Sehnsucht nach Gott…“, schrieb Papst Johannes Paul II. 1999 in seinem Brief an die Künstler.

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7 Vorurteile gegen die Abschaffung des Pflichtzölibats

The Cathwalk. – Es ist doch ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet dort, wo es die viri probati tatsächlich gibt – in den glaubenstreuen katholischen Kreisen – eine so große Phobie herrscht, sie im Pfarrdienst einzusetzen. Die Vorstellung, dass Dr. Johannes Hartl in wenigen Jahren die MEHR-Konferenz mit einem lateinischen Hochamt eröffnet, ist so schlimm doch gar nicht!

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Pfarrersfamilien waren immer ein Hort der Hochkultur.

1. Sex zu haben ist eines Priesters unwürdig.

Im Alten Testament gab es tatsächlich strenge rituelle Vorschriften hinsichtlich der Sexualität, die nebenbei auch den Nebeneffekt einer guten Hygiene hatten (siehe z.B. die Reinigungsvorschriften für Frauen). In der Antike war die Vorstellung weit verbreitet, sexuell enthaltsame Menschen könnten einen reineren Gottesdienst darbringen – ein bekanntes Beispiel dafür sind die römischen Virgines Vestales, die jungfräulichen Hüterinnen des Herdfeuers im Tempel der Vesta. Im Neuen Testament wurde die Sexualität jedoch unvergleichlich geadelt – die Vereinigung von Mann und Frau in der Ehe entspricht dem hl. Paulus zufolge der innigen Liebesbeziehung zwischen Christus und Kirche. Man könnte also genausogut fragen, ob ein Priester nicht eigentlich die Erfahrung dieses Liebesaustausches mit einer Frau bräuchte, um besser zu begreifen, wie die Beziehung zwischen Christus und Kirche funktioniert.

2. Verheiratete Priester hätten zu wenig Zeit für ihre Schäflein.

Kirchengemeinderat, Öko-Ausschuss, Haushaltsaufstellungen: das sind die bürokratischen Seelsorgs-Hindernisse, deren Anzahl dringend reduziert werden müsste! Dass starker Glaube, gute und zeitintensive Seelsorge und Familienvater-Sein sich nicht ausschließen, beweisen unzählige freikirchliche Pastoren.

3. Die Abschaffung des Pflichtzölibats wäre ein Schlag ins Gesicht der zölibatär lebenden Priester und Ordensleute.

Die Abschaffung des Pflichtzölibats wäre hart für jene zölibatär lebenden Priester und Ordensleute, die ihren Zölibat nicht wirklich selbstlos und in innerem Frieden leben. Sollte es aber für den Pfarrdienst verheiratete Priester geben, müsste sich niemand, der seinen Zölibat aus innerer Überzeugung und im Frieden mit Gott lebt, angegriffen fühlen. Der Schönheit des Zölibats täte das keinen Abbruch. Ebenso wie ein Restaurant neben vorzüglichem Wein auch süffiges Bier anbieten darf und jeder Gast weiß, welches das edlere Getränk ist.

4. Die Tradition des Pflichtzölibats muss unbedingt erhalten bleiben.

Der Zölibat wird in seiner Schönheit viel besser erstrahlen können, wenn es sich nicht mehr um eine Pflicht handelt, an die der Pfarrdienst gekoppelt ist. Blühende Klöster mit zölibatären Ordensleuten und eine pastorale Struktur mit glaubenstreuen Vätern als Pfarrern, klingt das nicht verlockend? Pfarrersfamilien waren in Deutschland seit jeher ein Hort der Hochkultur. Und oft genug mit hübschen Sprösslingen, wie bei Pfarrer Tabarius aus der ZDF-Serie „Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen“.

5. Die Aufhebung des Pflichtzölibats wäre ein Kniefall vor dem Zeitgeist.

Tragischerweise wird die Aufhebung des Pflichtzölibats bisher lediglich von kirchenpolitisch linker Seite gefordert. Es ist doch ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet dort, wo es die viri probati tatsächlich gibt – in den glaubenstreuen katholischen Kreisen – eine so große Phobie herrscht, sie im Pfarrdienst einzusetzen.  Die Vorstellung, dass Dr. Johannes Hartl in wenigen Jahren die MEHR-Konferenz mit einem lateinischen Hochamt eröffnet, ist so schlimm doch gar nicht! Konservative Katholiken sollten sich beim Thema viri probati nicht von den Progressisten die Butter vom Brot nehmen lassen, wie dies einst in der liturgischen Bewegung geschehen ist.

6. Einem verheirateten Priester könnte man in der Beichte nicht vertrauen.

Verschwiegenkeit ist nicht an die Ehelosigkeit gekoppelt. Sonst müsste der Pflichtzölibat ja auch für Ärzte gelten. Auch manch zölibatär lebender Pfarrer, von dem jeder weiß, wer in der Gemeinde seine Spezl sind und wer nicht, ist für viele ein Vertrauenshindernis.

7. Die Aufhebung des Pflichtzölibats ist ein Anzeichen der Apokalypse.

Dann hätte die Apokalypse längst hereinbrechen müssen, nämlich in den ersten Jahrhunderten der Kirche, in der es keinen Pflichtzölibat gab. Was sich viele konservative Katholiken fragen müssen, ist, warum sie einen so emotional-irrationalen Zugang zu dieser Frage haben. Der Pflichtzölibat ist nicht dogmatisch. Würden wir Gottes Stimme hören, wenn er in unserer heutigen Zeit in unzähligen Männern eine Doppelberufung zum Familienvater und Priester wecken will?

 

Zur Zölibatsdebatte erschien am letzten Sonntag: 

7 Vorurteile gegen den Zölibat

 

7 Vorurteile gegen die Neue Messe

(The Cathwalk) Wer Al Pacino in „Der Pate“ gesehen hat, weiß, dass Minimalismus ein äußerst kraftvolles Stilmittel ist.

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Novus-Ordo-Priester für die Legionäre Christi (LC)

1. Die Neue Messe ist ehrfurchtslos.

Diesen Vorwurf könnte man auch der Alten Messe machen, denn im Vergleich zu den göttlichen Liturgien der Ostkirche ist auch der alte römische Messritus äußerst nüchtern und schlicht.

2. Die Neue Messe hat zu wenige sakrale Zeichen.

Wer Al Pacino in „Der Pate“ gesehen hat, weiß, dass Minimalismus ein äußerst kraftvolles Stilmittel ist. Es ist naiv zu glauben, dass die Anzahl an Kniebeugen und Kreuzzeichen eine würdige Liturgie garantieren: Habitus non facit monachum! Lieber eine Neue Messe im Stil von Al Pacino als eine Alte Messe im Stil vom alten Holzmichl.

3. Die Neue Messe ist ein Berufungs-Killer.

Alle ernstzunehmenden Berufungs-Hot Spots wie das Stift Heiligenkreuz oder die Legionäre Christi feiern die Ordentliche Liturgie. Die Berufungssituation bei den altrituellen Gemeinschaften ist äußerst mager.

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Franziskus: „Konservativ“ – „Progressiv“ – oder?

Papst Franziskus polarisiert – und er lässt damit in den Reaktionen die Gräben, die das 2. Vatikanische Konzil eigentlich überwunden hat, wieder überdeutlich aufleuchten. 

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Papst Franziskus lacht bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 1. April 2015. Foto: CNA/Petrik Bohumil

Ein Kommentar von Dr. Robert Harsieber

Papst Franziskus wird von vielen als „liberal“ oder „progressiv“ wahrgenommen, von „Progressiven“ begrüßt und von „Konservativen“ verteufelt. Die einen sehen in ihm eine Hoffnung für die Zukunft, die anderen sehen ihn als Übergangspapst oder verfehlten Papst, um in Kürze einem anderen, erzkonservativen Platz zu machen. Aufwind und Gegenwind sorgen dabei für oft erhebliche Turbulenzen. Wobei die Gegenwindfraktion auch diejenige ist, die nicht nur den jetzigen Papst, sondern auch das Konzil mehr oder weniger ablehnt.

Es ist nicht zu überhören, dass Papst Franziskus ganz deutlich die Sprache des Konzils spricht. Das stimmt jene optimistisch, die schon lange konstatiert haben, dass die Entwicklung der Kirche nach dem Konzil wieder erheblich ins Stocken geraten ist und vieles, wofür das Konzil den Weg eröffnet hat, nicht aufgegriffen oder nicht weiterentwickelt wurde.

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Ist das Kunst oder kann das weg?

Sakrale Kunst kann ein explosives Thema sein. Manch einer möchte den Barock als Kunstform aller Zeiten zementieren, andere suchen nach neuen Zugängen. Obwohl moderne und postmoderne Kunst in derart vielfältigen Ausformungen besteht, dass man nicht pauschal von moderner Kunst sprechen kann, ist dies oft der Kampfbegriff, um den oder gegen den man sich versammelt.

Ein Kommentar von Bloggerin Anna Diouf

Ich meine, dass es im Grunde nicht darum geht, wie alt oder neu ein Kunstwerk ist, sondern, ob es den Zweck erfüllt, den sakrale Kunst hat. Denn neben der Verherrlichung Gottes ist ein zentraler Aspekt, den Menschen für Gott zu öffnen, ihm eine Begegnung mit ihm zu ermöglichen.

Wie sieht aber Begegnung aus? Natürlich ist Gott immer „mehr“ als wir uns vorstellen können. Manche Menschen neigen daher der abstrakten Kunst zu, um zu verdeutlichen, dass der, der dadurch beschrieben wird, unbegreiflich bleibt.

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Der Mantilla-Wahn (1/3)

Warum Kopftücher zu einem katholischen Life- und Faithstyle gehören, war im Beitrag "Die Mantilla - Einfach Spitze" zu lesen. Als Debattenmagazin holen wir nun in einer dreiteiligen Serie zum fundierten Gegenschlag aus.

Ist die Frau kein Ebenbild Gottes?

Von Hanna Maria Jüngling

In den letzten Jahren tobt auf dem Traditionalisten-Schlachtfeld der Kampf um einen speziellen Kommunion-Schleier für katholische Frauen, die „Mantilla“.

Ich muss sagen, dass ich, bevor ich mit Traditionalisten in Berührung kam, noch nie von einer „Mantilla“ gehört habe. Dieses Accessoire gab es hierzulande noch niemals, wurde von niemandem verlangt und auch niemals offiziell vorgeschrieben. Ich habe diesbezüglich viele einheimische hochbetagte Katholiken, darunter auch Priester, befragt. Es ist definitiv niemals „Tradition“ gewesen.

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Oben ohne und dennoch eine gute Andacht? Quelle: http://www.connieclay.com/uncovered-in-the-sanctuary/woman-in-church/

Fast alle betagten, keineswegs progressiven Frauen reagierten mit dem Satz „Mantilla – was ist das?“

Und auf die Beschreibung hin, dass es sich um durchsichtiges Spitzentuch handle, das Frauen in der Hl. Messe tragen sollten, um eine besondere Frömmigkeit zur Schau zu stellen, schüttelten sie den Kopf und sagten, davon hätten sie noch nie gehört. Allenfalls könne es sein, dass solche Bräuche in Südeuropa üblich seien und bei Papstmessen vielleicht, aber hier in Deutschland? Eine weit über Achtzigjährige wusste, dass das die „Lefebvristen“ eingeführt hätten, dass man das aber in ihrer Kindheit unter Pius XI. und XII. niemals so gehandhabt hätte.

Nun wird aber in den letzten beiden Jahren eine so penetrante Propaganda für dieses Tuch gemacht, als sei das eine “Tradition“, die „immer“ und überall gegolten habe und vorgeschrieben gewesen sei und aus „feministischen“ Gründen verweigert werde. Es ist auffallend, dass derselbe Kampf prinzipiell auch im Islam und verschiedenen protestantischen Sekten und evangelikalen Freikirchen tobt. Als Bestätigung für die Richtigkeit dieses Tuchs verweist man auf die orthodoxe Praxis – als ob uns die schismatische Orthodoxie hier etwas zu sagen hätte oder gar der ohnehin aus katholischer Sicht häretische Protestantismus! Ganz zu schweigen vom Islam.

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