Das christliche Abendland eine Fiktion? Wie Manfred Becker-Huberti dreist alteuropäische Identität leugnet

Katholisch.de schlachtet das alte Europa auf dem Altar von Populismus und Relativismus: das Abendland sei nur eine Fiktion. Autor Manfred Becker-Huberti arbeitet dabei nicht nur mit Aussparungen, sondern widerspricht auch der Quellenlage. Unter Ausklammerung großer Teile mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichte gipfelt seine Darstellung in einer offenen Unwahrheit über Adenauers und De Gaulles katholische Ansichten bei der Gründung eines neuen christlichen Europas. Eine Erwiderung.

von Marco F. Gallina

„Das Abendland gibt es gar nicht“ – eine Floskel, die immer häufiger erschallt. Die Gründe sind politischer Natur. Um einer ungeliebten Gruppierung den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird nicht nur ein Begriff, sondern eine ganze Vorstellungswelt stigmatisiert. So bereits in der FAZ, der Welt und jüngst sogar auf katholisch.de. Letzterer Fall ist umso erschütternder, da Golgatha, Kapitol und Areopag die drei Hügel Europas sind und gerade die katholische Kirche zwei dieser Fundamente schützen sollte, statt sie in der Manier der Frankfurter Schule zu dekonstruieren – nicht zuletzt, weil sie selbst auf diesen fußt.

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Stefan Lochner, Jüngstes Gericht circa 1435. Hier wird klar, dass eben NICHT alle zum auserwählten Volk gehören.

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Die Welt ist keine Scheibe – sondern ein Kunstwerk

von Marco F. Gallina

Einer der verbreitetsten historischen Irrtümer handelt von der Vorstellung, die Menschen des Mittelalters hätten an eine Erde in Scheibenform geglaubt. Oder in der noch extremeren Variante: die Kirche hätte eine solche gelehrt. Letzteres ist schon allein deswegen verfehlt, weil die mittelalterliche Scholastik sich weiterhin auf Aristoteles bezog. Der lehrte die Kugelgestalt der Welt; ein Konzept, das u. a. Thomas von Aquin zitierte.

Auch außerhalb der kirchlichen Lehranstalten war diese Vorstellung üblich. In Dantes Göttlicher Komödie reisen der Dichter und sein Führer Vergil durch die Hölle quer durch die Erde, bis sie auf der anderen Seite wieder hervorkommen, wo sich der Läuterungsberg befindet. Dass es sich dabei nicht um einen Erdteller handeln kann, bezeugt einer der Höllengesänge, nämlich der des Odysseus; dieser hatte den Läuterungsberg bereits auf einem fremden Kontinent entdeckt. Gemäß dem Fall, dass Odysseus nicht über den Scheibenrand gefallen sein kann, spricht dies für eine Kugelgestalt, die Dante dem Leser gar nicht erklären muss. Ähnlich macht auch Marco Polo nirgendwo in seinem Reisebericht Andeutungen, Angst davor zu haben, über den Rand der Scheibe zu fallen. Der Reichsapfel der mittelalterlichen Kaiser ist das wichtigste politische Zeichen, das von einem Erdenglobus kündet.

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Kritik des reinen Unverstands

Amoris laetitia und der antikatholische Reflex

Ein Kommentar von Anna Diouf

376753e454ce8dac7_720x600Was würden die Physiker dieser Welt sagen, wenn ich mich erdreistete, einfach mal ohne jegliche Expertise darüber zu räsonieren, wie Physik eigentlich sein sollte? Was würde ein Facharzt sagen, wenn ich ihm reinquatschen würde, wie er seine Arbeit eigentlich auszuführen hätte? Und wie würde ein Profifußballer reagieren, wenn ich ihm erklären würde, wieso die Abseitsregel überholt ist und man eigentlich das gesamte Regelwerk des Fußball überarbeiten müsse, es sei doch viel besser, mit den Händen zu spielen?

Richtig, man würde mich entweder auslachen oder etwas ungehalten reagieren.

Nur bei einer komplexen Lehre, die 2000 Jahre kontinuierliche Vertiefung und Entfaltung erfahren hat, da kann jeder Hinz und Kunz sagen, was besser wäre, ohne auch nur den geringsten Schimmer zu haben, worum es geht.

Kaum ist amoris laetitia heraus, sind schon wieder alle möglichen selbstermächtigten Propheten unterwegs, die uns Katholiken erklären, wie Katholizismus sein müsse.

Dabei möchte man, mit den Worten des Augustinus und des Salafisten auf dem Marktplatz diesen Menschen zurufen: LIES! Und zwar nicht das postsynodale Schreiben. Mein Vorschlag: Lies zuerst 150 Seiten der Summa des Thomas von Aquin und verstehe sie. Dies ist mit dem üblichen relativistisch-unphilosophischen Mindset des Menschen von heute praktisch umöglich. Ziel ist auch nicht das Verstehen der Textpassage, sondern das Entwickeln wenigstens der rudimentären Einsicht, dass man viel weniger weiß und versteht, als man so gemeinhin annimmt, und dass es selbst im finsteren Mittelalter extrem schlaue Leute gegeben hat, die komischerweise meistens ziemlich katholisch waren. Ist dieser erste Lernerfolg erzielt, nimm den Katechismus der Katholischen Kirche zur Hand und tritt ein in die faszinierend andere Welt des Katholizismus.

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Credo. Wissen, was man glaubt

von Josef Bordat

11231041_173395496344167_1179400731351073545_oDas Apostolische Glaubensbekenntnis ist weit mehr als eine Auflistung von zu glaubenden Aussagen über Gott. Es ist ein dichter, vernünftiger und anspruchsvoller Text von tiefer Weisheit, in dem die zentralen Glaubenswahrheiten als Einsichten vieler Generationen von Christen tradiert sind. Zugleich spricht das Credo die philosophischen Grundfragen des Menschseins an, um Sie von Gott her, aus dem Glauben heraus zu beantworten.

Es ist sicher ein gewisses Wagnis, das Credo als Philosoph zu kommentieren, nicht als Theologe. Aber solange man dabei katholisch bleibt, sollte das wohl möglich sein. So nähere ich mich den Glaubenswahrheiten philosophisch an – Zeile für Zeile, Wort für Wort -, getragen von der festen Überzeugung, dass Glaube und Wissen, Herz und Verstand sich nicht ausschließen, wenn es darum geht, das Glaubensbekenntnis in seiner metaphysischen Weite zu durchdringen.

Rasch stößt man dabei auf die Theodizeefrage: Wie verhalten sich der Vater und der Allmächtige zueinander? Das Apostolische Glaubensbekenntnis bindet die Charakterisierungen Gottes ganz eng zusammen und macht aus ihnen schließlich eine Einheit. Zunächst folgt auf „Vater“ gleich der „Allmächtige“, dann ist vom „allmächtigen Vater“ die Rede; den „väterlichen Allmächtigen“ mag man sich hinzudenken. Wer in seiner Gottesvorstellung A sagt (wie allmächtig) und B (wie barmherzig), der muss sich der Theodizeefrage stellen.

Ich tue dies mit Gottfried Wilhelm Leibniz (dessen 300. Todestag wir in diesem Jahr begehen), aber auch mit Hans Jonas, ehe ich das Golgatha-Ereignis als Antwort auf die Theodizeefrage vorstelle: Aufgrund des Kreuzes können wir „barmherziger Vater“ und „allmächtiger Herr“ in einem Atemzug sagen. Auch in den tiefsten Abgründen des Lebens, in denen wir Verlassenheit spüren, ist Gott da. Gleichzeitig erfährt auch der gekreuzigte Jesus die Gottferne des Menschen. Gott ist in Jesus Christus bei uns, auch, wenn wir leiden. So gibt es kein sinnloses Leid, weil alles im Kreuz aufgehoben ist, im Leid der Gottverlassenheit, das größer ist als jedes andere Leid. Weiterlesen „Credo. Wissen, was man glaubt“

Anstrengende Diskussionen: Heilige und andere Totschlagargumente

Dieser zweite Teil über die Heiligen hätte eigentlich erst in der Fastenzeit erscheinen sollen und wäre insofern passend etwas ernster im Ton geraten. Nun: auch wenn jetzt noch Fasching ist, die Fastenzeit kommt bestimmt! Und einige halten ja den Fasching ohnehin nicht für ganz koscher, aber das ist ein anderes Thema und soll ein anderes Mal besprochen werden. (Vielleicht ja noch weiter unten.)

Wir lieben die Heiligen; wir verehren sie und rufen sie um Fürsprache an; sie sind auch uns im Glaubensleben ein Vorbild.i Wie letzte Woche schon angeklungen ist, bereitet der letztere Punkt, vor allem, wenn er von der typischen Sorte wohlmeinende Zeitgenossen aufbereitet wird, uns bisweilen Mühe. Dann wird aus dem geliebten Heiligen, der uns an Leistung übertrifft, auf einmal der Musterschüler, auf den man zur Beschämung der Schlechteren mit dem Finger zeigt. Außerdem werden die Aussagen, die man Heiligen zuschreiben kann, als gerne Argumente ge- oder missbraucht.

Albrecht Dürer, Allerheiligen-Altarbild ohne Rahmen, 1511
„Die Anbetung der Hl. Dreifaltigkeit durch die Civitas Dei“: 1511 schuf Albrecht Dürer dieses Gemälde.

Will man dann dagegenreden, so muß man zunächst einmal aufpassen wie ein Schießhund, daß einem das Gegenüber nicht Blasphemie vorwerfen kann (ob zutreffend oder nicht, ist dabei ja irgendwie zweitrangig), die sich ja auch auf Worte gegen die Heiligen beziehen kann (vgl. KKK 2148)ii, zweitens muß man das Gegenüber davon zu überzeugen, daß man trotzdem katholisch ist, obwohl doch „die Heiligen“ anderer Meinung waren (da sind dann übrigens zumeist einzelne gemeint). Schließlich ist in einer Zeit, in der – wer wollte das bestreiten – doch merkliche Teile der Glaubenslehre und der Morallehre in Predigten selten vorkommen, dadurch ein Vakuum entstanden; die religiös Sensiblen suchen sich dann eben Ersatziii,iv.

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Schönheiten des Glaubens: Heilige bewundern

All-Saints
Die Vorläufer Christi mit Heiligen und Märtyrern, Fra Angelico (1423-24)

Ein Mann hat eine religiöse Begeisterung, will Ordensmann werden. Der erste Orden weist ihn ab – ungeeignet. Der zweite Orden weist ihn ab – ungeeignet. Der dritte, die Trappisten, nimmt ihn schließlich als Novizen auf. Nach ein paar Wochen flieht er aus dem Kloster – er kommt mit dem Leben dort überhaupt nicht zurecht. (Eine Sünde?) Was nun tun? Wird er sich nun doch als landwirtschaftlicher Arbeiter niederlassen oder ins Geschäft seiner gar nicht armen Eltern einsteigen? So würden zweifelsohne viele fromme Morallehrer raten; vielleicht haben sie es ihm damals geraten. – Einige Zeit später erreicht die Eltern ein Brief: Er führe das Leben eines Aussteigers, eines Bettlers, der zwischen christlichen Pilgerstätten hin- und hervagabundiere, und sei, endlich, völlig glücklich. Ein ungewaschener Langhaariger, ein Hippie auf katholisch, ein warnendes Beispiel für Kinder, die nicht brav sein wollen? – Dies ist die Geschichte von Benoît Joseph Labre. Die katholische Kirche zählt ihn zu den kanonisierten Heiligen.

Ein erfolgreicher Anwalt gewinnt jeden Prozeß, ist bei Kollegen und Richtern beliebt. Einen, endlich, verliert er – wegen einer Intrige, heißt es hier; er bringt ein unzutreffendes Argument vor, heißt es dort – und ist dann zutiefst bestürzt: wie konnte ich nur? Der Richter, der ihn mag, beschwört ihn, er möge sich das nicht so zu Herzen nehmen. Sein Versehen, sein Unglück in Demut tragen, ohnehin sind andere viel erfolgloser: weitermachen auf dem Platze, wo Gott ihn hingestellt usw.: wir können die Ratschläge schon hören, und sind sie etwa nicht naheliegend? – Er schmeißt alles hin und stellt sich beim Bischof vor: „ich habdas mit dem Leben in der Welt nicht geschafft, jetzt will ich Priester werden.“ Ein sicherer Kandidat für die Abweisung? – Dies ist die Geschichte von Alfonso Maria Liguori. Die Kirche zählt ihn zu ihren Priestern, Bischöfen, Ordensgründern, Kirchenlehrern; sein Name steht im Verzeichnis der kanonisierten Heiligen.

Ein Mann hat sich buchstäblich dem Teufel verschrieben. Irgendwann bekommt er mit, daß dieser sich vor Christus fürchtet. Sein Stolz ist es, nur dem Stärksten zu dienen, also sucht er halt Christus – und erfährt, als Christ muß man fasten. „Kann ich nicht.“ Na dann wenigstens beten. „Kann ich auch nicht.“ Ein hoffnungsloser Fall? – Dies ist die Legende von Christophorus. Die Kirche zählt ihn zu den kanonisierten Heiligen.

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„Auch wer den Christen Thomas von Aquin nicht größer als Aristoteles nennen will, ist gezwungen, ihn breiter zu nennen.“ (G. K. Chesterton)

Ein anderer schließlich kann fasten, kann beten; er kann auch dichten, und vor allem kann er denken. Ein Intellektueller also. Ob er, mit Franz Joseph Strauß zu sprechen, jemals einen Schraubenzieher in die Hand genommen hat, ist nicht überliefert.i Auf fällt an ihm sofort seine imposante Körperfülle, was ihn bei den moralisierenden Menschen von heute wohl schon diskreditieren würde. In einzelnen Punkten lehrt die Kirche das Gegenteil seiner Meinung.ii Die Rede ist natürlich von Thomas von Aquin. Die Kirche sieht in ihm quasi ihren himmlischen Chef-Theologen; sie verehrt ihn als kanonisierten Heiligen.

Die Heiligen! Wir mögen sie alle; wir verehren sie; wir bestürmen sie mit Anliegen – speziell den hl. Antonius von Padua übrigens mit Anliegen, die uns jeder Protestant sofort um die Ohren hauen würde, und sagen, wir sollten unsere Schlampereien gefälligst selbst ausbaden –; irgendwann aber kommt der typische wohlmeinende Zeitgenosse und betont das „et conversatione exemplum“iii (auch wenn in der Heiligenpräfation noch einiges andere steht, die Betonung kann sich der Antwortende nicht aussuchen…) Und es stimmt ja: Sie sollen uns auch ein Vorbild sein. Sie haben es geschafft – wenn wir genauso werden, schaffen wir es auch…

– Moment mal. –

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