Zugänge zum Glauben – oder: der kritische Blick in den Spiegel

Die Kolumne von Georg Dietlein

15909489_10208080450305076_1440240424_nJeder Mensch hat seinen individuellen Zugang zum Glauben. Jeder Mensch „glaubt“ anders, weil sich der Glaube nicht auf das Für-wahr-Halten von Dogmen beschränkt (fides quae), sondern letztlich in einer ganz persönlichen Beziehung zu Jesus Christus wurzelt (fides qua). Deshalb ist das Gottesbild, aber auch das Bild von Kirche und vom Menschen bei jedem Christen unterschiedlich nuanciert und akzentuiert (worüber man nun so oder so denken mag). Diese unterschiedlichen Nuancierungen haben übrigens praktische Konsequenzen, welche wiederum einen Rückschluss auf unser Gottesbild erlauben.

Dazu zwei anschauliche Beispiele. Szenario 1: Gehen wir einmal davon aus, ich setze mich für eine Liberalisierung der katholischen Sexual- und Ehemoral ein. Das hohe Ideal, das die Kirche heute noch den Menschen predigt, das kann doch keiner mehr leben!? Dieses Engagement sagt viel über mein Gottes- und Menschenbild aus. Positiv gesagt: Ich betone sehr stark die Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft Gottes. Eigentlich will Gott unser Bestes (weshalb die Kirche ja gerade bestimmte Handlungsempfehlungen bereit hält). Aber die Güte Gottes geht dann sogar so weit, dass er das alles nicht so „ernst nimmt“ – und uns das alles ein bisschen „egal“ sein kann.

Negativ gewandt: Diese Haltung sagt auch etwas aus über mein Bild vom Menschen. Ich fordere eine Liberalisierung der Moral, weil ich dem Menschen dieses Ideal nicht mehr zu-traue oder zu-mute. Weil der Mensch so schwach ist (oder unser Glaube an die Güte und Allmacht Gottes so verdrängt), brauchen wir Abstriche – eben ein „Christentum light“. Zugleich sagt das ganz schön viel über unser Bild von Gott aus.

Ein zweites Beispiel: Ich setze mich für eine „Öffnung“ der Kirche ein. Das Ziel ist dabei, Kirche wieder „attraktiv“ zu machen und möglichst viel Sympathie für die Kirche zu wecken. Weil das offensichtlich nicht mit den „Kernkompetenzen“ von Kirche funktioniert (Gebet, Eucharistie, Sakramente), probiere ich es mit kleinen Aktionen und „Reförmchen“: Abschaffung des Zölibates, Öffnung der Weihe für Frauen, „arme Kirche“, Entfernung aller Kniebänke. Möglicherweise bleibt der gewünschte Erfolg für die Kirche aus – aber dann hat man es immerhin mal versucht.

Analyse: Ich will eigentlich nur das Best(gemeint)e für die Kirche. Ich will, dass das kirchliche Leben wieder so funktioniert wie im 19. Jahrhundert (eigentlich ein ziemlich verstaubtes Kirchenbild, oder?). Ich will möglichst viele Kirchenmitglieder und Kirchgänger (und das um jeden Preis). Ich möchte, dass die Kirche wieder zum Mittelpunkt in jedem Dorf und jeder Stadt wird – ein Ort, um sich auszutauschen und sich zu vernetzen. – Negativ gewandt: Mir sind die Inhalte eigentlich egal. Es geht bloß um Zahlen und ums Image. Es geht um Likes auf facebook und eine gute Publicity beim SPIEGEL. Das aber führt zu einem Gesichtsverlust vor dem Spiegel. Die Kirche wird zu einer bloßen NGO, bestenfalls zu einem Verein von #gutmenschen, vermutlich aber einfach zu einem Netzwerk oder einem netten Club. Ein leicht religiöser Anstrich trägt dabei zur Erleichterung des Gewissens bei (oder ist einfach très chic): strahlende Christbäume, ab und zu die Mystik einer weihraucherfüllten Kirche, das lateinische Hochamt als „Event“ und natürlich die kleine Opferkerze als postmoderner Glücksbringer. Ist doch cool – sagen die einen. Ist aber nicht mehr die Kirche Jesu Christi – sagen die anderen.

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Liebt einander!

Über Liebe, Partnerschaft und Sexualität – Teil 1

von Georg Dietlein

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„Eine Sexualerziehung, die ein gewisses Schamgefühl hütet, ist ein unermesslicher Wert, auch wenn heute manche meinen, das sei eine Frage anderer Zeiten. Es ist eine natürliche Verteidigung des Menschen, der seine Innerlichkeit schützt und vermeidet, zu einem bloßen Objekt zu werden.“ (Amoris Laetitia, Nr. 282) Foto: Maumau97 via Pixabay (Gemeinfrei)

Im vorangehenden Abschnitt (Die Zukunft hängt an der Liebe [1][2][3][4]) haben wir ganz generell unser Verhältnis zu unserer eigenen Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit betrachtet. Wir sind zu der Einsicht gelangt, dass Gott uns unsere Geschlechtlichkeit geschenkt hat, damit wir aus uns herauszutreten und anderen Zeichen unserer liebenden Hingabe schenken. Unsere Sexualität ist kein Relikt eines „Urmenschen“ in uns, das allein deshalb im Laufe der Evolution nicht abgestorben ist, damit die Menschheit nicht ausstirbt. Der Sinn unserer Sexualität ist weder allein unsere Fortpflanzung noch unsere Lustgewinnung. Wie wir im ersten Buch der Heiligen Schrift lesen, gehörte die Bipolarität von Mann und Frau bereits von Anfang an zum Schöpfungswerk Gottes dazu. Bereits vor dem Sündenfall waren Adam und Eva geschlechtlich. Obwohl sie unsterblich waren, schenkte ihnen Gott die Fähigkeit, sich zu vermehren – nicht allein zur Selbsterhaltung der Menschheit, sondern vor allem als Ausdruck der Liebe. Geschlechtlichkeit und Sexualität sind von Anfang an als etwas sehr Positives konnotiert. Gott erschuf den Menschen als Mann und Frau – und er sah, dass es gut war. Die Zweiheit von Mann und Frau, ihre Abhängigkeit voneinander und ihre Erfüllung im miteinander und ineinander gehört zur göttlichen Schöpfungsordnung dazu. Mann und Frau sollen sich finden. Sie sollen sich aneinander verschenken. Ausdruck ihrer sich verschenkenden, verbindlichen und endgültigen Liebe ist schließlich die geschlechtliche Gemeinschaft von Mann und Frau.

Der Natur des Menschen ist nicht die Einsamkeit, sondern die Zweisamkeit eingeschrieben. Gott will nicht, dass der Mensch selbstbezogen oder egomanisch bleibt. Vielmehr will er das Miteinander, Zueinander und Aufeinander hin der Menschen sehen. So lesen wir im zweiten Schöpfungsbericht: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (Gen 2, 18). Gott will den Menschen nicht nur als Hüter seiner Schöpfung haben. Er will ihm auch Anteil an seinem eigenen Wesen schenken, das die Liebe ist. Der Mensch soll mehr sein als ein Tier. Er soll nicht nur essen, trinken und sich vermehren können. Das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine Fähigkeit zur Liebe. Darum unterscheidet sich die Sexualität des Menschen auch fundamental von der Sexualität des Tieres. Tiere „schlafen“ nicht „miteinander“. Ihre geschlechtliche Gemeinschaft ist niemals Ausdruck von Freiheit oder sich verschenkender Liebe. Tiere können ihre Sexualität noch nicht einmal lenken, steuern oder abschalten. Als triebgesteuerte Wesen folgen sie ihrem natürlichen Paarungs-, Balz- oder Brunftverhalten. Sie haben feste Rhythmen, Zyklen und Formen der Begattung. Die Sexualität des Tieres dient allein der Arterhaltung und ist niemals Ausdruck freier und echter Liebe.

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Papst Alexander VI.: „Inkarnation des Teufels“ oder nobelpreisträchtiger Friedensfürst?

Versuch einer Rehabilitierung des Pontifikates von Rodrigo Borgia

Viele Gerüchte kursieren bis heute um diesen „unheimlichen Papst“ und seine sinistre Familie: Sexuelle Ausschweifungen, gar Blutschande in der eigenen Sippschaft; laszive Feste; Mord, Gewalt und Grausamkeit haften ihm an. Wie viel Wahrheit aber diesen Gerüchten hängt, ist mehr als fraglich. Jeder, der sich unvoreingenommen mit dem Papst und Politiker Borgia beschäftigt, muss neidlos seine diplomatischen Fähigkeiten auf dem internationalen Parkett anerkennen. Außerdem wird bei all den Gerüchten und politischen Ränkespielen vergessen, dass der große Marienverehrer Rodrigo Borgia der innerkirchlichen Verantwortungen vollends nachkam und dabei die Besserung der Moral verordente: ja, ausgerechnet der sündige Papst schrieb seinen Kardinälen vor, sich von Jagd, Theater und Karneval fernzuhalten. Und ganz wichtig: Kardinäle sollten sich von ihren Kurtisanen trennen.

von Marco F. Gallina, The Cathwalk

„Alexander VI., ein Spanier aus der Stadt Valencia, gebürtig Rodrigo Borgia geheißen und Bischof von Porto, ist nach dem Tode Innozenz‘ VIII. in San Giovanni in Laterano zum Papst gewählt und am 26. August mit der päpstlichen Krone geziert worden. Ein Mann von Großmut und großer Klugheit, Umsicht und Weltgewandtheit. In seiner Jugend lernte er an der hohen Schule von Bologna und wuchs dort an Ruhm und Tugend. Zum Lobe seiner Gelehrtheit und seiner Geschicklichkeit in allen Dingen ernannte ihn sein Onkel Papst Calixt III. zum Kardinal. Ein weiteres Zeugnis seiner Tugend und seines Geschicks war, dass er noch als junger Mann in die Versammlung der hochwürdigen und vortrefflichen Kardinäle aufgenommen und Vizekanzler wurde. Aus Erfahrung und Erkundung all dieser Dinge ist es nur recht und billig gewesen, ihn zur Verwaltung und Leitung des Schiffleins des Heiligen Petrus zu befördern. Auch im Angesicht ist er ein herrlicher Mann […].“

Pope_Alexander_ViMit Sicherheit sind dies nicht gerade die Worte, die wir mit dem Aufstieg Alexanders VI. verbinden, der allgemeinhin als Schreckgespenst unter den (Renaissance-)päpsten gilt. Die Bewertung stammt allerdings nicht etwa von einem Apologeten der skandalumwitterten Borgia-Familie, sondern aus der berühmten Schedelschen Weltchronik von 1493 – welche ein Jahr nach der Papstkrönung erschien. Die Chronik macht dabei klar: der Mann, der seit einem Jahr über die Christenheit regiert, ist ein würdiger Nachfolger Petri, mit allen theologischen Wassern gewaschen und schon seit seiner Jugend ein Überflieger. Und zu allem Überfluss sieht er auch noch unverschämt gut aus.

Der päpstliche Nepotismus, also die Beförderung von Verwandten in der kirchlichen Ämterlaufbahn, wird hier nonchalant erwähnt. Und in der Tat kann man Rodrigo Borgia diesen Vorwurf noch am wenigsten machen, denn es gehörte geradezu zum guten Ton, Verwandte abzusichern. Wäre nicht Rodrigo Borgia, der Neffe von Calixt III. gewählt worden, so hätte entweder Ascanio Sforza – der Bruder des Herzogs von Mailand – oder Giuliano della Rovere gewonnen. Letzterer war Neffe von Papst Sixtus IV. gewesen, und sollte nach Alexanders Tod als Julius II. auf dem Petrusstuhl folgen. Der Kampf um die Papstnachfolge war also schon damals eine reine Familienangelegenheit um sich Pfründe zu sichern.

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Das Konzil zu Calzedonia (1/2)

Die ikonoklastische Hypermoralisierung Deutschlands im Sommer 2015 (revisited) – Teil 1

Der Sommer 2015 wird in die Geschichte eingehen; ebenso wie der „summer of love 1967“ und das „Sommermärchen“ von 2006. Und so wie im blutigen Fanal des Rock-Konzerts von Altermont 1969 die Flower-Power-Träume von 67 wie Seifenblasen platzten und sich 2006 – passend zur UEFA-Euro – gerade als FIFA-Märchenstunde entpuppt, tut man gut daran, die Verheißungen und Konfliktlinien des Sommers 2015 aus der saisonal naherückenden Distanz von einem Jahr noch einmal in den Blick zu nehmen; wir werden noch länger mit ihnen zu tun haben. Be sure to wear some memories in your head… .

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Quelle: Caledonia Beachwear 2015

von Martina Rettul

2015 war ein Sommer unter mehr oder weniger offen erkennbaren eminent moral-theologischen Vorzeichen, die, teils banal, teils hochpolitisch, noch einmal zu dechiffrieren sind. Wir unterlassen an dieser Stelle Betrachtungen zur „heilsgeschichtlichen Mission der Kanzlerin“ (Christian Geyer, FAZ), zur willkommens-kulturellen Ebene (dazu an anderer Stelle mehr), sondern wenden uns vermeintlich Banalem zu, dem nichtsdestotrotz in nuce alles Wesentliche eingeschrieben ist.

Zu besichtigen ist in beiden Fällen die Hypermoralisierung der deutschen Gesellschaft auf der Zielgerade der Lutherdekade. Nicht von ungefähr: denn das Erbe der Reformation ist Moral; war es von Anfang an, obwohl sich Luther ja eigentlich aller Moral (der guten Werke) entledigen wollte. Man könnte auch sagen: „dumm gelaufen“.

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Der «himmlische» Gentleman

Fragen Sie sich auch manchmal, wo er geblieben ist, oder was ihn von anderen Männern unterscheidet?

Von Ulrike Walker

Gehört der Gentleman zur Spezies «englischer Mann», der antiquiert und emotionslos nicht mehr so recht ins 21. Jahrhundert passen möchte? Oder ist er ein Mann von Welt, ein Lebemann, der in massgeschneiderten Anzügen, rahmengenähten Schuhen und mit Louis Vuitton Taschen in 80 Tagen um die Welt jettet? Oder traf König Jakobs II. den Nagel auf den Kopf mit der Bemerkung, die Schaffung eines Gentlemans sei dem Allmächtigen vorbehalten?

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Elegant man in a suit with glass of beverage and cigar in vintage room. Fashion. Foto: Standart Lizenz von fotolila. Alle Rechte vorbehalten!

Verehrte Leser, ich kann Sie indes beruhigen, eine einheitliche und allgemeingültige Definition des Gentlemans gibt es nicht, und nein, auch Ihr Seelenheil hängt nicht davon ab, ob Sie als Gentleman eine Art Lebenskunst zelebrieren oder als ungehobelter Kauz durchs Leben stolpern. Nichtsdestotrotz – en vogue ist er wieder. Selbst ein Filmemacher wie Quentin Tarantino favorisiert eindeutig die Haltung des Gentlemans.

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Die Zukunft hängt an der Liebe

Leiblichkeit und Sexualität – Teil 3a

von Georg Dietlein

Abwendung vom Bösen durch Hinwendung zum Guten

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Wer regelmäßig Pornographie konsumiert und sich in der Sucht der Selbstbefriedigung verfangen hat, gehört nicht verurteilt oder verteufelt. Vielmehr muss ihm geholfen werden. Nicht nur Christen und Katholiken, sondern auch Ungetaufte sprechen ungern über ihr Verhältnis zu Pornographie und Selbstbefriedigung. Irgendwie ist uns das peinlich. Es ist uns peinlich, dass wir uns auf ein solch tiefes Niveau herablassen und letztlich nur Sklave unserer eigenen Triebe geblieben sind.

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Wer hat hier die Hosen an?

„Ob ihr oder eure Frauen Hosen tragt oder keine Hosen tragt, hindert weder euer Heil noch vergrößert es eure Tugend.“ – Papst Nikolaus I. an den bulgarischen Fürsten Boris I. 

von Tobias Klein

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Trägt Hosen: Cathwalk-Topmodel Kristina Ballova

Hin und wieder begegnet man – wenn nicht im wirklichen Leben, dann aber wenigstens im Internet – Christen (und ja, darunter auch Katholiken), die den Eindruck erwecken, sie könnten sich nicht so richtig auf den Himmel freuen, wenn sie dabei nicht die zusätzliche Genugtuung haben, dass möglichst viele andere Leute in die Hölle kommen.

Das ist traurig. Auch wenn es manchmal durchaus eine gewisse Komik hat.

Unlängst stolperte ich in einer katholischen Facebook-Gruppe in eine Diskussion über „anständige Kleidung“ hinein, in deren Verlauf eine nicht mehr ganz junge Dame kundtat, sie habe alle ihre Hosen verschenkt und trage nur noch Röcke – was sie mit dem Hinweis begründete: „Man stelle sich einmal die Jungfrau Maria in Hosen vor! Geht ja gar nicht!“ Ich fand diese Aussage zunächst eher belustigend und fragte scherzhaft an: „Wieso eigentlich nicht?“ – woraufhin ich belehrt wurde, nicht umsonst sei die Jungfrau Maria in Lourdes, Fátima usw. stets in langen Kleidern erschienen. Ah ja.

Wie ich seither feststellen konnte, handelt es sich bei der Ansicht dieser Dame keinesfalls um einen skurrilen Einzelfall. Insbesondere im englischsprachigen Raum gibt es diverse Facebook-Gruppen und sonstige Diskussionsforen, die sich ausschließlich der Frage widmen, wie fromme Katholiken sich zu kleiden hätten. Eine nicht hinterfragbare Grundüberzeugung in solchen Zirkeln ist es, dass Frauen keine Hosen tragen sollen. Hosen sind für Männer da, Röcke und Kleider für Frauen – wer diese schlichte Wahrheit nicht anerkennt, der sei anathema.

„Unsittliche Kleidung“, so liest man in einer einschlägigen Gruppenbeschreibung,  „ist eins der größten Probleme, die die Katholische Kirche seit einigen Jahrzehnten plagen. Unser Klerus spricht zu selten von der Kanzel darüber.“

Aha. Nicht brutale Christenverfolgungen in Asien und Afrika sind das größte Problem der Kirche, auch nicht das Verdunsten von Glaubenswissen und Glaubenspraxis in weiten Teilen der westlichen Welt;  nicht Mangel an Gottesfurcht, an Ehrerbietung gegenüber den Sakramenten der Kirche, nicht zu wenig Gebet und zu wenig Beichte, nicht Synkretismus und New-Age-Spiritualität, nicht Priestermangel, Ehescheidung, Abtreibung oder Euthanasie, nein: Frauen in Hosen sind das, worüber die Kirche sich wirklich Sorgen machen sollte. Okay, das ist nicht das einzige drängende Problem. Es gibt auch noch andere: Tattoos zum Beispiel, oder satanistische und sexualisierende Symbole in Disney-Filmen. Ja, wirklich. Bleiben wir aber zunächst einmal beim Hauptanliegen: Frauen sollen sich sittsam kleiden, und der ultimative Maßstab dafür, was sittsame Kleidung ist, ist – wer? Die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, selbstverständlich.

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Warum Gott kein Vorschlaghammer ist

Dr. Jörg Müller erläutert das “Cathwalk-Syndrom”, Teil 2

„Der ständige Anblick dieser jungen Dame, die bewusst mit ihren Reizen kokettierte, irritierte den Jungen derart, dass er Gewissensqualen litt und sich ständig zwang, nicht hinzusehen. Seine religiöse Erziehung ermöglichte es ihm nicht, anders als durch Wegschauen damit fertig zu werden.“

Eine Cathwalk-Rezension in zwei Teilen von Friedrich Reusch

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Dr. Jörg Müller SAC ist katholischer Priester (Pallottinerpater), Pädagoge und seit 30 Jahren klinischer Psychologe. Er ist Autor des Buches: „Gott ist anders – Das Leiden an falschen Gottesvorstellungen. Wege zur Heilung“

Das Christentum war immer eine Religion, die zwischen dem Anspruch der persönlichen Heiligung und dem Umgang mit der menschlichen Schwäche gut unterscheiden konnte. Es gibt sogar die Auffassung, dass gerade diese Selbstbeschränkung, diese Nicht-Übergriffigkeit dem einzelnen Gläubigen gegenüber, Voraussetzung für eine jahrhundertelange christliche Kulturgeschichte waren, denn das sanfte Joch Christi ist den Menschen letztendlich ein stets willkommener Lebensbegleiter im Gegensatz zu fanatisierter Frömmigkeit, die oftmals in einem verbissenen Strohfeuer kurz auflodert, aber schon allein deshalb nicht missionarisch wirkt, weil sie einem neurotischen Gemütszustand entspringt, der bei der gesunden menschlichen Psyche Abwehrreaktionen zeitigt – oder, um ein Naturbild zu bemühen: Die Bäume im Regenwald wachsen irrsinnig schnell, wurzeln aber nicht tief. Deshalb auch die äußerste Zurückhaltung der Kirche, was fixe Anforderungen an den einzelnen Christen oder Dogmatisierungen angeht, die geglaubt bzw. befolgt werden müssen.

In Zeiten freilich, in denen die Kirche ihre kulturelle Dominanz eingebüßt hat, ist zu befürchten, dass auch der mäßigende Charakter der katholischen Gläubigkeit abnimmt und ein gewisses Konventiklerwesen das Erscheinungsbild der Christen dominiert. Den Gegnern der Kirche ist es recht: umso leichter lässt sich das Christentum karikieren.

Welches Klientel herrscht in einer derartig deformierten christlichen Szene vor?

Jörg Müller begegnen in seiner psychotherapeutischen Arbeit immer wieder verschiedene Typen von Christen, die ihre neurotischen Auffälligkeiten auf Gott und den Glauben übertragen – und somit das Christentum für sich und andere ungenießbar machen. Er beschreibt sie in seinem Buch „Gott ist anders“. „Warum Gott kein Vorschlaghammer ist“ weiterlesen

Augustinus und der Chloe-Skipullover 2016

Wer Gott, der auch die Schönheit ist, auf die rechte Weise liebt, wird nicht nur Moralsünden meiden, sondern auch Modesünden.

von Deborah Görl

Jede Saison aufs Neue wundert man sich über die seltsamen Kombinationen, die uns die Designer präsentieren. Letztes Jahr fiel besonders die pinke, löchrige Jogginghosen-Maxi-Bouclémantel-Kombination von Karl Lagerfeld bei Chanel auf.

Für die Saison Spring 2016 geht mir die Maxi-Blümchenrock-mit-Bändern-Retro-Skipullover-Kombination bei Chloé nicht mehr aus dem Kopf. Da fragt man sich automatisch, was das eigentlich soll.

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Bildquelle und Bildrechte by: http://assets.vogue.com

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Von Mode und Moral

Warum eine religiöse Bewegung, die ihre Glaubensinhalte durch den Kult tradieren will, in ihrer Pastoral besonders die Kultur betonen sollte.

von Dr. Maximilian Krah, Dresden

Das Thema Mode und Moral ist ein Dauerbrenner im konservativen katholischen Milieu. Wie ich zu der fast immer verklemmten, teilweise grotesken, oft abstoßenden Diskussion stehe, habe ich nie verheimlicht. Entsprechend direkt habe ich auf die Fragen von Matthias für „The Cathwalk“ geantwortet. Die Wellen, die ich damit geschlagen habe, überraschen mich dennoch; offensichtlich beschäftigt das Thema tatsächlich viele Christen im Inneren, wirft Fragen auf und schafft Probleme. Ich will deshalb das, was ich im Format des Interviews notwendigerweise kurz, knapp und kontrovers gesagt habe, im Format des Essays differenzieren, begründen und fortführen.

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Die Wellen, die Maximian Krah mit seinem Interview geschlagen hat, überraschen ihn: „Offensichtlich beschäftigt das Thema tatsächlich viele Christen im Inneren, wirft Fragen auf und schafft Probleme.“

Wer sich entscheidet, einen Teil seines Vermögens in Aktien zu investieren und sich in das Abenteuer der Börse stürzt, tut gut daran, im Vornherein die Kurse festzulegen, bei denen er wieder aussteigt – denn ist er einmal drin, geht ihm die Nüchternheit verloren, die er hat, wenn er noch nicht investiert ist. Ob Hoffnung auf die Kurskorrektur oder Gier nach einem noch höheren Gewinn – es gibt viele Ursachen dafür, den klaren Blick zu verlieren. Nichts anderes gilt auch, wenn man sich auf das katholische Abenteuer einlässt. Man sollte zuvor definieren, was unverhandelbar ist. Denn in unserer säkularen Gesellschaft ist das religiöse Milieu eine eigene Welt, und es besteht das Risiko, sich nur mehr nach deren Koordinatensystem auszurichten und die umfassenden Maßstäbe aus den Augen zu verlieren.

Ich habe für mich drei Grenzen definiert: meine Freunde sind nicht verhandelbar, meine politischen Überzeugungen stehen nicht zu Disposition und mein Kleidungsstil ebenso wie der meiner Familie geht niemanden etwas an. In allen drei Punkten gab es Konflikte mit religiösen Eiferern: Das Misstrauen gegenüber meinen jüdischen Freunde bescherte mir 2010/11 einen globalen Shitstorm unter dem lächerlichen Namen „Krahgate“. Meine politische Meinung – ich bin in gesellschaftspolitischen Fragen ein klassischer kontinentaleuropäischer Konservativer, ökonomisch ein angelsächsisch geprägter Neoklassiker und außenpolitisch ein Realist im Sinne Henry Kissingers – galt den zahlreichen Anhängern der verschiedensten, durchweg hanebüchenen und sich untereinander munter widersprechenden Verschwörungstheorien, zumindest darin waren sie sich einig, als verdächtiges Linksabweicheln. Und hinsichtlich Kleidung, Stil und Geschmack ist der Dissens eine Erkenntnis des ersten Blicks.

"Ich bin in gesellschaftspolitischen Fragen ein klassischer kontinentaleuropäischer Konservativer, ökonomisch ein angelsächsisch geprägter Neoklassiker und außenpolitisch ein Realist im Sinne Henry Kissengers"
„Ich bin in gesellschaftspolitischen Fragen ein klassischer kontinentaleuropäischer Konservativer, ökonomisch ein angelsächsisch geprägter Neoklassiker und außenpolitisch ein Realist im Sinne Henry Kissengers“

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Häresie der Hässlichkeit: Katholische Ästhetik und ihr Feind

The Cathwalk im Gespräch mit Dr. Maximilian Krah, Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.

Maximilian Krah, *1977, Deutscher, lebt in Dresden, hat in Dresden Jura (Dr. iur.) und in London und New York Betriebswirtschaft studiert (M.B.A.), interessiert sich für Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie, Mode und Politik. Verheiratet, fünf Kinder, katholisch.
Maximilian Krah *1977, Deutscher, lebt in Dresden, hat in Dresden Jura (Dr. iur.) und in London und New York Betriebswirtschaft studiert (M.B.A.), interessiert sich für Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie, Mode und Politik. Verwitwet, fünf Kinder, katholisch, Christdemokrat.

Herr Doktor Krah, Sie prägten einst den Ausdruck „lange Wickelröcke sind unmoralisch, weil hässlich“ – durch welche Milieubeobachtungen sind Sie zu diesem Schluss gekommen?

Mir scheint, dass manchen Protagonisten dieses sonderbaren Hangs zu langen Röcken überhaupt nicht klar ist, wie abstoßend sie die ganze katholische Traditionsbewegung erscheinen lassen. Es erzeugt bei geistig gesunden Menschen einen innerlichen Widerstand, sich zu einer so demonstrativ hässlich auftretenden Gruppe hinzu zu gesellen. Die katholische Lehre assoziiert das Gute mit dem Schönen; Gott ist schön, Ästhetik, Stil, Geschmack sind deshalb positiv. Umgekehrt ist das Hässliche schlecht. Eine Moral, die zu hässlicher Kleidung aufruft, ist Widermoral.

Dr. Maximilian Krah mit Familie: Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.
Dr. Maximilian Krah mit Familie: Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.

Als Kenner der katholischen Szene verurteilen Sie scharf einen präpotenten, frauenfeindlichen und auf seine eigene Art und Weise unschamhaften Moralismus. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Wurzeln dieses pathologischen Phänomens?

Es gibt viele. Wir müssen uns klar machen, dass die religiöse Welt vieler Katholiken mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammengebrochen ist. Diese Leute halten einfach an dem fest, was bis dahin war. Das ist nicht falsch. Aber sie dehnen es auf alle Bereiche des Lebens aus. Vor 1960 trugen Frauen keine Hosen oder kurze Röcke – also lehnen wir es auch jetzt ab. Man macht einfach aus pastoralen oder geschmacklichen Fragen dogmatische. Das ruiniert die Dogmatik, die Pastoral und den Geschmack. Schauen Sie, die Modernisten erklären jede Wahrheit zu etwas zeitabhängigem. Damit ist letztlich ein seiender Gott nicht mehr zu begründen. Die falsche Antwort zu vieler Konservativer ist es nun, jede Angelegenheit zu unveränderlichen Wahrheiten zu erklären. So wird aus Mode, die schon dem Wort nach zeitabhängig ist, plötzlich ein dogmatisches Problem. Das ist intellektuell unterirdisch und in der praktischen Konsequenz hässlich.

Hinzu tritt eine generelle Verklemmtheit Frauen gegenüber. Bis in die 1950er war wirtschaftlicher Wert eine Konsequenz aus Muskelkraft und damit männlich. Heute ist wirtschaftlicher Wert eine Konsequenz aus Intelligenz und Kommunikation, und darin sind Frauen nicht schlechter als Männer. Also hat sich auch das Rollenverhältnis neu justiert. Das vermögen aber nicht alle nachzuvollziehen und erklären nun das frühere Rollenbild zu einem Dogma, weil sie nicht begreifen wollen, dass Mode, Stil, auch Geschlechterrollen ganz praktische, irdische Ursachen haben.

Und schließlich spielt unerfüllte Sexualität eine Rolle, gerade im konservativen religiösen Milieu mit seiner Überbetonung des Sechsten Gebotes. Wer sich als Mann zu viele Gedanken über die Kleider fremder Frauen macht, sollte beichten gehen und sich eine Freundin suchen.

3. Wie könnte ein sozusagen katholisch-barocker Gegenentwurf zu derlei jansenistischen Engführungen aussehen?

Ich mochte den Versuch des Papstes Benedikt XVI. Er betonte die Vernunftmäßigkeit des Glaubens. Das ist sicher nicht für jeden ein Ansatz, aber in unserer Zeit hat er das Potential, zumindest die tonangebenden Schichten zu erreichen. Und ich würde ihn ausdehnen; nicht nur die Vernunft, auch die Ästhetik sollte Kennzeichen des Katholizismus sein. Ästhetik schützt dabei auch vor Vulgarität, und zwar viel besser als starre Kleidungsregeln, die ja nur solange halten, wie sie auch durchgesetzt werden, aber nie innerlich Wurzeln schlagen.

Die Religion hat die Kultur geschaffen, deshalb kann auch über die Kultur der hinter ihr stehende Glaube wieder erstrahlen. Gerade angesichts des Islam, der keine Musik, keine Bilder, keinen Wein und keine Miniröcke haben will, vermag der Verweis auf die katholische Hochkultur doch überzeugend die Größe unseres Gottes demonstrieren. Wer aber diese Kultur auf Sektenniveau reduziert, der reduziert auch Gott. Das ist die Häresie der Hässlichkeit.

"Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen."
„Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen.“

4. Verfechter eines engherzigen Moralismus verweisen immer wieder auf das Kirchenrecht als Argumentationsgrundlage. Wie bewerten Sie aus juristischer Sicht diese Berufung?

Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen. Und kirchenrechtlich gibt es ja nicht einmal mehr das Gebot der Kopfbedeckung in der Messe, das bereits in den 1950ern in Westeuropa keiner mehr praktiziert hat. Zu recht, denn das Christentum ist gerade keine Gesetzes-Religion, sondern eine der Liebe, Vernunft und Schönheit. Man sollte sich mit diesen Haarspaltereien auch nicht zu lange befassen, es ist verlorene Zeit. Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte. Und mit Sektierern lohnt es nicht zu diskutieren.

5. Sie vertreten die Meinung, wer ein Problem mit aufreizender Kleidung hat, habe ein Problem in seiner Hose hängen, mehr nicht – eine bewusste Pauschalisierung?

Nein, die schlichte Wahrheit. Schon als Schüler fiel mir immer auf, dass Jungs immer die Mädchen als „Schlampe“ beschimpften, bei denen sie abgeblitzt waren. Wer sich als Mann an Schönheit, und dazu gehört nunmal ein gewisser Sex Appeal, nicht still erfreuen kann, muss an sich arbeiten. Weder aggressives Anmachen noch aggressives Ablehnen sind angemessene Reaktionen, beide sind aber Ausdruck der selben persönlichen Unreife.

"Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte."
„Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte.“

Wer mehr über Maximilian Krah erfahren will: https://maximiliankrah.wordpress.com

The Cathwalk – Der katholische Weg

Unser neues Onlinemagazin The Cathwalk stellt sich vor

Vom heiligen Paulus stammt der wunderbare Ausspruch „Alles aber prüfet, das Gute behaltet“ (1. Thess 5,21). In den letzten 2000 Jahren haben viele danach gehandelt und segensreich gewirkt. Eine christliche Kulturgeschichte ist ohne diesen Ausspruch nicht denkbar und dennoch scheint man ihn zugunsten eines unreflektierten Dualismus vergessen zu haben. Die Welt ist böse – Punkt. Das Ergebnis einer solchen einseitigen Perspektive sind Sonntagskatholiken und Kulturpessimisten, die beide an ihrem eigenen Dualismus zu Grunde gehen. Sie haben verlernt den katholischen Glauben als eine alle Lebensbereiche umfassende Realität zu leben und zu denken.

Wir von The Cath(olic)walk wollen diesen Tendenzen entgegentreten und solche eindimensionalen Perspektiven durch die Katholische zu ersetzen. Wir gehen den katholischen Weg. Themengrenzen kennen wir nicht; katholisch heißt schließlich allumfassend. Wir prüfen alles und behalten das Gute. Papstenzyklika, moderne Architektur, Fashion Week – wir schreiben ab den 1. Oktober einmal wöchentlich darüber und freuen uns Sie als Leser bei uns begrüßen zu können.