70 Jahre Bikini, wir sagen: „Joyeux anniversaire!“

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Bikinis in einem Schaufenster

Zoon katholikon – die Kolumne von Klemens Stenzel

Am 05. Juli 1946 erblickte wohl jenes Kleidungsstück die Welt, das wie sonst nur die Jeans nicht nur die Modewelt veränderte: der Bikini. Tagespolitisch aktuell nach den Atombombentest im Bikiniatoll benannt, begann sein Siegeszug als Skandal und zählt heute zum modischen Selbstverständnis einer jeden westlichen Frau. Und was hat das alles mit Kirche, Cathwalk und katholischer Lebenslust zu tun?

So ziemlich alles!

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100 Jahre Mode in 120 Sekunden

Was trug man eigentlich 1915? Und was in den 50er Jahren? Ein spannendes Video zeigt typische Outfits aus 100 Jahren Mode in einem zeitgerafften Zweiminüter.

Das Konzil zu Calzedonia (2/2)

Die ikonoklastische Hypermoralisierung Deutschlands im Sommer 2015 (revisited) Teil 2

von Martina Rettul

Der netzbasierte hochsommerliche Widerstand, den Lehrer einer Realschule in Horb/Baden-Württemberg 2015 ernteten, als sie der nackten Haut ihrer Schülerinnen durch das Verbot von Hotpants und bauchfreien T-Shirts zu Leibe rücken und Zuwiderhandlungen mit dem Spießrutenlauf in XXL-Shirts sanktionieren wollten, war also auch ein Bekenntnis der Solidarität von praktizierenden Gläubigen mit ihrer ästhetisierenden Hierarchie; ikonographisch verkörpert durch storchenbeinige Models wie Alexa Chung, Miranda Kerr und Cara Delevingne. Es war ein Ja der „mündigen Basis“ zu Orthopraxie und strengster Dogmatik und die kollektive Abweisung einer gut gemeinten Moral-Agenda per Kleiderordnung.

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Entscheidend war und ist, daß Hotpants sehr kurz sind – sonst sind sie keine. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. So kanonisch-kompliziert geht Mode. Die Jagd nach dem Thigh-Gap, der auf Deutsch etwas ungelenk klingenden Oberschenkellücke, hätte, jenseits der Bademoden-Enklaven Stand, Freibad, Baggersee gar keinen Sinn; ist also nicht denkbar ohne die dogmatische Off-Beach-Vorgabe: Hotpants. Nicht jede Frau kann einen Thigh-Gap haben, egal, wie dünn oder durchtrainiert sie ist. Die Beckenstellung ist entscheidend, ein Thigh-Gap ist nur bei sehr schmal gebauten Damen möglich. Aber darum geht es nicht. Jedes Modebewußtsein zielt immer auf dogmatische Nachfolge; ist ein Reflex auf die vorangegangene Ikonenproduktion – auf das IT-Girl, den Film-Star oder das Top-Model.

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Das Konzil zu Calzedonia (1/2)

Die ikonoklastische Hypermoralisierung Deutschlands im Sommer 2015 (revisited) – Teil 1

Der Sommer 2015 wird in die Geschichte eingehen; ebenso wie der „summer of love 1967“ und das „Sommermärchen“ von 2006. Und so wie im blutigen Fanal des Rock-Konzerts von Altermont 1969 die Flower-Power-Träume von 67 wie Seifenblasen platzten und sich 2006 – passend zur UEFA-Euro – gerade als FIFA-Märchenstunde entpuppt, tut man gut daran, die Verheißungen und Konfliktlinien des Sommers 2015 aus der saisonal naherückenden Distanz von einem Jahr noch einmal in den Blick zu nehmen; wir werden noch länger mit ihnen zu tun haben. Be sure to wear some memories in your head… .

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Quelle: Caledonia Beachwear 2015

von Martina Rettul

2015 war ein Sommer unter mehr oder weniger offen erkennbaren eminent moral-theologischen Vorzeichen, die, teils banal, teils hochpolitisch, noch einmal zu dechiffrieren sind. Wir unterlassen an dieser Stelle Betrachtungen zur „heilsgeschichtlichen Mission der Kanzlerin“ (Christian Geyer, FAZ), zur willkommens-kulturellen Ebene (dazu an anderer Stelle mehr), sondern wenden uns vermeintlich Banalem zu, dem nichtsdestotrotz in nuce alles Wesentliche eingeschrieben ist.

Zu besichtigen ist in beiden Fällen die Hypermoralisierung der deutschen Gesellschaft auf der Zielgerade der Lutherdekade. Nicht von ungefähr: denn das Erbe der Reformation ist Moral; war es von Anfang an, obwohl sich Luther ja eigentlich aller Moral (der guten Werke) entledigen wollte. Man könnte auch sagen: „dumm gelaufen“.

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Ein Lobpreis auf den Maxirock

The Cathwalk ist ein Debattenmagazin: Nach der Hymne auf den Minirock werfen wir auch ein Blick auf den Maxirock. Zum Glück ist Mode nicht dogmatisch...

Er ist wieder in Mode. Die einen feiern ihn, die anderen verweigern ihn. Ein Kleidungsstück, an dem sich die Geister scheiden. Zehn Argumente, warum der Maxirock und auch sein kleiner Bruder, der Midirock, die Aufmerksamkeit bekommen sollten, die sie verdienen.

Von Carolin Nett Lüdeke

Élégance et Esprit

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© f1rstlife / Carolin Lüdeke

Seit 2011 haben sich die langen Röcke wieder auf den Laufsteg zurück gekämpft, wie die Modezeitschrift „Cosmopolitan“ berichtete. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Farben, Schnittmustern und Stoffen. Einen eleganten und gleichzeitig verspielten Akzent stellen die Maxi’s in einer Welt voller Hosen und Miniröcke dar. Maxikleider und -röcke sind mittlerweile zu einem „Must have“ geworden. Ein steiler Karriereaufstieg.

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Außer Frage steht wohl, dass Mode stilsicher getragen werden muss. Ob mit einer Bluse, einem Shirt oder einem Blusentop kombiniert, Maxiröcke sind schlichtweg trendy und feminin. Ob klassisch oder leger, Vintage oder Streetwear – der Maxirock kommt immer gut an. In dem Modemagazin „Glamour“ ist er als „Trend-Piece“ verschrien, weil er sich so gut wandeln lässt. Für eine Frau ist das wohl einer der wichtigsten Aspekte, wenn sie shoppen geht.

Keine Grenzen

Die Trendsetter überwinden alle Grenzen. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Generationen: Sowohl Jugendliche als auch 30-jährige Mütter können, dem jeweils eigenen Stil entsprechend, den richtigen Rock finden, ohne sich dem Mainstream anpassen zu müssen. Der Maxirock ermöglicht es, individuell zu bleiben. Mit einem langen Rock kann man nie etwas falsch machen – egal ob im Alltag, beim Theaterbesuch oder auf einer Hochzeit.

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Kunst, Geschmack, Manieren und Mode: Stilfragen, um besser zu werden

Hinter Kunst, Geschmack, Manieren und Mode steht ein Begriff, der in bester Weise all dies vereint und etwas erschafft, was ohne Bildung nur schwer zu fassen ist. Neugierig?! Hier geht es zu deiner Portion Kultur für den Alltag.

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© f1rstlife / Renata Crnoja

von Renata Crnoja

Einst sagte eine der größten französischen Modeschöpferinnen und Visionärinnen Coco Chanel:„fashion fades, only style remains the same.“ Wenn nun also Mode vergeht und nur der Stil ein Bleiberecht hat – wie können wir ihn uns zu eigen machen? Was macht ihn überhaupt aus? Wann ist oder wird Stil stilecht und gut?

„Ihre Frage ist nicht Sein oder Nichtsein, sondern ist zugleich Sein und Nichtsein. Sie steht immer auf der Wasserscheide von Vergangenheit und Zukunft und gibt uns, solange sie auf der Höhe ist, ein so starkes Gegenwartsgefühl, wie wenige andere Erscheinungen“ (Simmel).

Die Beschäftigung mit Mode war schon immer kontrovers und bleibt es. Die Begeisterung für das oftmals nur als oberflächlich geschimpfte Phänomen ist eine ständige Gradwanderung zwischen dem Anspruch, sie sei eine Kunstform oder gar Kunst, und der völligen Ignoranz ihrer Bedeutung für die Kultur und das postmoderne Selfie-Individuum. Keine Frage, sie ist wohl das schnelllebigste Phänomen unserer Zeit und doch ist sie – und war es schon  immer – ein Ausdruck und Indikator, ein sensibler Seismograph sozikultureller Strömungen und aktueller Zeitgeschehnisse.

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Der «himmlische» Gentleman

Fragen Sie sich auch manchmal, wo er geblieben ist, oder was ihn von anderen Männern unterscheidet?

Von Ulrike Walker

Gehört der Gentleman zur Spezies «englischer Mann», der antiquiert und emotionslos nicht mehr so recht ins 21. Jahrhundert passen möchte? Oder ist er ein Mann von Welt, ein Lebemann, der in massgeschneiderten Anzügen, rahmengenähten Schuhen und mit Louis Vuitton Taschen in 80 Tagen um die Welt jettet? Oder traf König Jakobs II. den Nagel auf den Kopf mit der Bemerkung, die Schaffung eines Gentlemans sei dem Allmächtigen vorbehalten?

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Elegant man in a suit with glass of beverage and cigar in vintage room. Fashion. Foto: Standart Lizenz von fotolila. Alle Rechte vorbehalten!

Verehrte Leser, ich kann Sie indes beruhigen, eine einheitliche und allgemeingültige Definition des Gentlemans gibt es nicht, und nein, auch Ihr Seelenheil hängt nicht davon ab, ob Sie als Gentleman eine Art Lebenskunst zelebrieren oder als ungehobelter Kauz durchs Leben stolpern. Nichtsdestotrotz – en vogue ist er wieder. Selbst ein Filmemacher wie Quentin Tarantino favorisiert eindeutig die Haltung des Gentlemans.

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Wer hat hier die Hosen an?

„Ob ihr oder eure Frauen Hosen tragt oder keine Hosen tragt, hindert weder euer Heil noch vergrößert es eure Tugend.“ – Papst Nikolaus I. an den bulgarischen Fürsten Boris I. 

von Tobias Klein

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Trägt Hosen: Cathwalk-Topmodel Kristina Ballova

Hin und wieder begegnet man – wenn nicht im wirklichen Leben, dann aber wenigstens im Internet – Christen (und ja, darunter auch Katholiken), die den Eindruck erwecken, sie könnten sich nicht so richtig auf den Himmel freuen, wenn sie dabei nicht die zusätzliche Genugtuung haben, dass möglichst viele andere Leute in die Hölle kommen.

Das ist traurig. Auch wenn es manchmal durchaus eine gewisse Komik hat.

Unlängst stolperte ich in einer katholischen Facebook-Gruppe in eine Diskussion über „anständige Kleidung“ hinein, in deren Verlauf eine nicht mehr ganz junge Dame kundtat, sie habe alle ihre Hosen verschenkt und trage nur noch Röcke – was sie mit dem Hinweis begründete: „Man stelle sich einmal die Jungfrau Maria in Hosen vor! Geht ja gar nicht!“ Ich fand diese Aussage zunächst eher belustigend und fragte scherzhaft an: „Wieso eigentlich nicht?“ – woraufhin ich belehrt wurde, nicht umsonst sei die Jungfrau Maria in Lourdes, Fátima usw. stets in langen Kleidern erschienen. Ah ja.

Wie ich seither feststellen konnte, handelt es sich bei der Ansicht dieser Dame keinesfalls um einen skurrilen Einzelfall. Insbesondere im englischsprachigen Raum gibt es diverse Facebook-Gruppen und sonstige Diskussionsforen, die sich ausschließlich der Frage widmen, wie fromme Katholiken sich zu kleiden hätten. Eine nicht hinterfragbare Grundüberzeugung in solchen Zirkeln ist es, dass Frauen keine Hosen tragen sollen. Hosen sind für Männer da, Röcke und Kleider für Frauen – wer diese schlichte Wahrheit nicht anerkennt, der sei anathema.

„Unsittliche Kleidung“, so liest man in einer einschlägigen Gruppenbeschreibung,  „ist eins der größten Probleme, die die Katholische Kirche seit einigen Jahrzehnten plagen. Unser Klerus spricht zu selten von der Kanzel darüber.“

Aha. Nicht brutale Christenverfolgungen in Asien und Afrika sind das größte Problem der Kirche, auch nicht das Verdunsten von Glaubenswissen und Glaubenspraxis in weiten Teilen der westlichen Welt;  nicht Mangel an Gottesfurcht, an Ehrerbietung gegenüber den Sakramenten der Kirche, nicht zu wenig Gebet und zu wenig Beichte, nicht Synkretismus und New-Age-Spiritualität, nicht Priestermangel, Ehescheidung, Abtreibung oder Euthanasie, nein: Frauen in Hosen sind das, worüber die Kirche sich wirklich Sorgen machen sollte. Okay, das ist nicht das einzige drängende Problem. Es gibt auch noch andere: Tattoos zum Beispiel, oder satanistische und sexualisierende Symbole in Disney-Filmen. Ja, wirklich. Bleiben wir aber zunächst einmal beim Hauptanliegen: Frauen sollen sich sittsam kleiden, und der ultimative Maßstab dafür, was sittsame Kleidung ist, ist – wer? Die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, selbstverständlich.

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Von Ozzy Osbourne katholisch lernen! – Unsere Weihnachtsbotschaft

Das Pflegen und Propagieren einer genussvollen katholischen Lebenskultur ist weder „bourgeois“ oder „dekadent“ noch moralisch verwerflich, sondern ein wichtiger Akt der gesellschaftlichen Emanzipation und der gelebten Nächstenliebe.

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Voller Einsatz für Cathwalk: Chefredakteur Matthias Jean-Marie Schäppi

Liebe Leserinnen und Leser,

heute ist der Tag, Ihnen ein großes Dankeschön auszusprechen für ihre Treue und Loyalität, aber auch für die kritische Begleitung unserer publizistischen Tätigkeit. Es ist eine Ehre für uns, Woche für Woche neue Cathwalk-Artikel für Sie zu veröffentlichen. Ihr reges Interesse an unserem Onlinemagazin hat all unsere Erwartungen um Längen übertroffen.

Seit nunmehr drei Monaten publizieren wir an unserem donnerstäglichen „Cathwalkday“ einen Artikel über ein Thema rund um den katholischen Lifestyle. Schon mit unserem ersten Beitrag, dem mittlerweile legendären Interview mit Dr. Maximilan Krah, hat sich unser Portal in der katholischen Blogoszese herumgesprochen und einen ungewohnten, ja kometenhaften Aufstieg genommen. Für kurze Zeit waren wir sogar unter den ersten 20 Plätzen der schnellstwachsenden Blogs in Deutschland. Mit einer regelmäßigen Leserschaft von über 30’000 bedienen wir mittlerweile Interessenten aller Kontinente, aus 110 Ländern. Auch unsere FB-Seite sowie unser Twitter Account mit täglichen Updates und Tipps erfreut sich vieler Followers.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unterhaltsam, amüsant und provokativ, hoffentlich anregend und möglichst relevant uns mit Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, über katholischen Lifestyle zu verständigen.

Aus den Rückmeldungen können wir entnehmen, dass wir mit unseren Themen regelmäßig den Nerv der Zeit treffen. Die vielen negativen Kommentare deuten darauf hin, dass die Meinungen zum Thema Mode bereits zementiert sind. Umso mehr haben uns in den vergangenen drei Monaten die Kommentare gefreut, die den Kurs unserer Cathwalk-Redaktion stützten. Hunderte von Likes und zahlreiche private Zuschriften zeigen, dass unsere Position von Bedeutung ist.

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Augustinus und der Chloe-Skipullover 2016

Wer Gott, der auch die Schönheit ist, auf die rechte Weise liebt, wird nicht nur Moralsünden meiden, sondern auch Modesünden.

von Deborah Görl

Jede Saison aufs Neue wundert man sich über die seltsamen Kombinationen, die uns die Designer präsentieren. Letztes Jahr fiel besonders die pinke, löchrige Jogginghosen-Maxi-Bouclémantel-Kombination von Karl Lagerfeld bei Chanel auf.

Für die Saison Spring 2016 geht mir die Maxi-Blümchenrock-mit-Bändern-Retro-Skipullover-Kombination bei Chloé nicht mehr aus dem Kopf. Da fragt man sich automatisch, was das eigentlich soll.

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Bildquelle und Bildrechte by: http://assets.vogue.com

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Von Mode und Moral

Warum eine religiöse Bewegung, die ihre Glaubensinhalte durch den Kult tradieren will, in ihrer Pastoral besonders die Kultur betonen sollte.

von Dr. Maximilian Krah, Dresden

Das Thema Mode und Moral ist ein Dauerbrenner im konservativen katholischen Milieu. Wie ich zu der fast immer verklemmten, teilweise grotesken, oft abstoßenden Diskussion stehe, habe ich nie verheimlicht. Entsprechend direkt habe ich auf die Fragen von Matthias für „The Cathwalk“ geantwortet. Die Wellen, die ich damit geschlagen habe, überraschen mich dennoch; offensichtlich beschäftigt das Thema tatsächlich viele Christen im Inneren, wirft Fragen auf und schafft Probleme. Ich will deshalb das, was ich im Format des Interviews notwendigerweise kurz, knapp und kontrovers gesagt habe, im Format des Essays differenzieren, begründen und fortführen.

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Die Wellen, die Maximian Krah mit seinem Interview geschlagen hat, überraschen ihn: „Offensichtlich beschäftigt das Thema tatsächlich viele Christen im Inneren, wirft Fragen auf und schafft Probleme.“

Wer sich entscheidet, einen Teil seines Vermögens in Aktien zu investieren und sich in das Abenteuer der Börse stürzt, tut gut daran, im Vornherein die Kurse festzulegen, bei denen er wieder aussteigt – denn ist er einmal drin, geht ihm die Nüchternheit verloren, die er hat, wenn er noch nicht investiert ist. Ob Hoffnung auf die Kurskorrektur oder Gier nach einem noch höheren Gewinn – es gibt viele Ursachen dafür, den klaren Blick zu verlieren. Nichts anderes gilt auch, wenn man sich auf das katholische Abenteuer einlässt. Man sollte zuvor definieren, was unverhandelbar ist. Denn in unserer säkularen Gesellschaft ist das religiöse Milieu eine eigene Welt, und es besteht das Risiko, sich nur mehr nach deren Koordinatensystem auszurichten und die umfassenden Maßstäbe aus den Augen zu verlieren.

Ich habe für mich drei Grenzen definiert: meine Freunde sind nicht verhandelbar, meine politischen Überzeugungen stehen nicht zu Disposition und mein Kleidungsstil ebenso wie der meiner Familie geht niemanden etwas an. In allen drei Punkten gab es Konflikte mit religiösen Eiferern: Das Misstrauen gegenüber meinen jüdischen Freunde bescherte mir 2010/11 einen globalen Shitstorm unter dem lächerlichen Namen „Krahgate“. Meine politische Meinung – ich bin in gesellschaftspolitischen Fragen ein klassischer kontinentaleuropäischer Konservativer, ökonomisch ein angelsächsisch geprägter Neoklassiker und außenpolitisch ein Realist im Sinne Henry Kissingers – galt den zahlreichen Anhängern der verschiedensten, durchweg hanebüchenen und sich untereinander munter widersprechenden Verschwörungstheorien, zumindest darin waren sie sich einig, als verdächtiges Linksabweicheln. Und hinsichtlich Kleidung, Stil und Geschmack ist der Dissens eine Erkenntnis des ersten Blicks.

"Ich bin in gesellschaftspolitischen Fragen ein klassischer kontinentaleuropäischer Konservativer, ökonomisch ein angelsächsisch geprägter Neoklassiker und außenpolitisch ein Realist im Sinne Henry Kissengers"
„Ich bin in gesellschaftspolitischen Fragen ein klassischer kontinentaleuropäischer Konservativer, ökonomisch ein angelsächsisch geprägter Neoklassiker und außenpolitisch ein Realist im Sinne Henry Kissengers“

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Häresie der Hässlichkeit: Katholische Ästhetik und ihr Feind

The Cathwalk im Gespräch mit Dr. Maximilian Krah, Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.

Maximilian Krah, *1977, Deutscher, lebt in Dresden, hat in Dresden Jura (Dr. iur.) und in London und New York Betriebswirtschaft studiert (M.B.A.), interessiert sich für Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie, Mode und Politik. Verheiratet, fünf Kinder, katholisch.
Maximilian Krah *1977, Deutscher, lebt in Dresden, hat in Dresden Jura (Dr. iur.) und in London und New York Betriebswirtschaft studiert (M.B.A.), interessiert sich für Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie, Mode und Politik. Verwitwet, fünf Kinder, katholisch, Christdemokrat.

Herr Doktor Krah, Sie prägten einst den Ausdruck „lange Wickelröcke sind unmoralisch, weil hässlich“ – durch welche Milieubeobachtungen sind Sie zu diesem Schluss gekommen?

Mir scheint, dass manchen Protagonisten dieses sonderbaren Hangs zu langen Röcken überhaupt nicht klar ist, wie abstoßend sie die ganze katholische Traditionsbewegung erscheinen lassen. Es erzeugt bei geistig gesunden Menschen einen innerlichen Widerstand, sich zu einer so demonstrativ hässlich auftretenden Gruppe hinzu zu gesellen. Die katholische Lehre assoziiert das Gute mit dem Schönen; Gott ist schön, Ästhetik, Stil, Geschmack sind deshalb positiv. Umgekehrt ist das Hässliche schlecht. Eine Moral, die zu hässlicher Kleidung aufruft, ist Widermoral.

Dr. Maximilian Krah mit Familie: Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.
Dr. Maximilian Krah mit Familie: Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.

Als Kenner der katholischen Szene verurteilen Sie scharf einen präpotenten, frauenfeindlichen und auf seine eigene Art und Weise unschamhaften Moralismus. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Wurzeln dieses pathologischen Phänomens?

Es gibt viele. Wir müssen uns klar machen, dass die religiöse Welt vieler Katholiken mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammengebrochen ist. Diese Leute halten einfach an dem fest, was bis dahin war. Das ist nicht falsch. Aber sie dehnen es auf alle Bereiche des Lebens aus. Vor 1960 trugen Frauen keine Hosen oder kurze Röcke – also lehnen wir es auch jetzt ab. Man macht einfach aus pastoralen oder geschmacklichen Fragen dogmatische. Das ruiniert die Dogmatik, die Pastoral und den Geschmack. Schauen Sie, die Modernisten erklären jede Wahrheit zu etwas zeitabhängigem. Damit ist letztlich ein seiender Gott nicht mehr zu begründen. Die falsche Antwort zu vieler Konservativer ist es nun, jede Angelegenheit zu unveränderlichen Wahrheiten zu erklären. So wird aus Mode, die schon dem Wort nach zeitabhängig ist, plötzlich ein dogmatisches Problem. Das ist intellektuell unterirdisch und in der praktischen Konsequenz hässlich.

Hinzu tritt eine generelle Verklemmtheit Frauen gegenüber. Bis in die 1950er war wirtschaftlicher Wert eine Konsequenz aus Muskelkraft und damit männlich. Heute ist wirtschaftlicher Wert eine Konsequenz aus Intelligenz und Kommunikation, und darin sind Frauen nicht schlechter als Männer. Also hat sich auch das Rollenverhältnis neu justiert. Das vermögen aber nicht alle nachzuvollziehen und erklären nun das frühere Rollenbild zu einem Dogma, weil sie nicht begreifen wollen, dass Mode, Stil, auch Geschlechterrollen ganz praktische, irdische Ursachen haben.

Und schließlich spielt unerfüllte Sexualität eine Rolle, gerade im konservativen religiösen Milieu mit seiner Überbetonung des Sechsten Gebotes. Wer sich als Mann zu viele Gedanken über die Kleider fremder Frauen macht, sollte beichten gehen und sich eine Freundin suchen.

3. Wie könnte ein sozusagen katholisch-barocker Gegenentwurf zu derlei jansenistischen Engführungen aussehen?

Ich mochte den Versuch des Papstes Benedikt XVI. Er betonte die Vernunftmäßigkeit des Glaubens. Das ist sicher nicht für jeden ein Ansatz, aber in unserer Zeit hat er das Potential, zumindest die tonangebenden Schichten zu erreichen. Und ich würde ihn ausdehnen; nicht nur die Vernunft, auch die Ästhetik sollte Kennzeichen des Katholizismus sein. Ästhetik schützt dabei auch vor Vulgarität, und zwar viel besser als starre Kleidungsregeln, die ja nur solange halten, wie sie auch durchgesetzt werden, aber nie innerlich Wurzeln schlagen.

Die Religion hat die Kultur geschaffen, deshalb kann auch über die Kultur der hinter ihr stehende Glaube wieder erstrahlen. Gerade angesichts des Islam, der keine Musik, keine Bilder, keinen Wein und keine Miniröcke haben will, vermag der Verweis auf die katholische Hochkultur doch überzeugend die Größe unseres Gottes demonstrieren. Wer aber diese Kultur auf Sektenniveau reduziert, der reduziert auch Gott. Das ist die Häresie der Hässlichkeit.

"Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen."
„Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen.“

4. Verfechter eines engherzigen Moralismus verweisen immer wieder auf das Kirchenrecht als Argumentationsgrundlage. Wie bewerten Sie aus juristischer Sicht diese Berufung?

Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen. Und kirchenrechtlich gibt es ja nicht einmal mehr das Gebot der Kopfbedeckung in der Messe, das bereits in den 1950ern in Westeuropa keiner mehr praktiziert hat. Zu recht, denn das Christentum ist gerade keine Gesetzes-Religion, sondern eine der Liebe, Vernunft und Schönheit. Man sollte sich mit diesen Haarspaltereien auch nicht zu lange befassen, es ist verlorene Zeit. Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte. Und mit Sektierern lohnt es nicht zu diskutieren.

5. Sie vertreten die Meinung, wer ein Problem mit aufreizender Kleidung hat, habe ein Problem in seiner Hose hängen, mehr nicht – eine bewusste Pauschalisierung?

Nein, die schlichte Wahrheit. Schon als Schüler fiel mir immer auf, dass Jungs immer die Mädchen als „Schlampe“ beschimpften, bei denen sie abgeblitzt waren. Wer sich als Mann an Schönheit, und dazu gehört nunmal ein gewisser Sex Appeal, nicht still erfreuen kann, muss an sich arbeiten. Weder aggressives Anmachen noch aggressives Ablehnen sind angemessene Reaktionen, beide sind aber Ausdruck der selben persönlichen Unreife.

"Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte."
„Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte.“

Wer mehr über Maximilian Krah erfahren will: https://maximiliankrah.wordpress.com

The Cathwalk – Der katholische Weg

Unser neues Onlinemagazin The Cathwalk stellt sich vor

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Vom heiligen Paulus stammt der wunderbare Ausspruch „Alles aber prüfet, das Gute behaltet“ (1. Thess 5,21). In den letzten 2000 Jahren haben viele danach gehandelt und segensreich gewirkt. Eine christliche Kulturgeschichte ist ohne diesen Ausspruch nicht denkbar und dennoch scheint man ihn zugunsten eines unreflektierten Dualismus vergessen zu haben. Die Welt ist böse – Punkt. Das Ergebnis einer solchen einseitigen Perspektive sind Sonntagskatholiken und Kulturpessimisten, die beide an ihrem eigenen Dualismus zu Grunde gehen. Sie haben verlernt den katholischen Glauben als eine alle Lebensbereiche umfassende Realität zu leben und zu denken.

Wir von The Cath(olic)walk wollen diesen Tendenzen entgegentreten und solche eindimensionalen Perspektiven durch die Katholische zu ersetzen. Wir gehen den katholischen Weg. Themengrenzen kennen wir nicht; katholisch heißt schließlich allumfassend. Wir prüfen alles und behalten das Gute. Papstenzyklika, moderne Architektur, Fashion Week – wir schreiben ab den 1. Oktober einmal wöchentlich darüber und freuen uns Sie als Leser bei uns begrüßen zu können.