Die Geburt der christlichen Kunst

Im entferntesten Winkel Syriens liegt zwischen Euphratschlamm und Sand die antike Stadt Dura Europos. Hier, am Schnittpunkt Syriens und Mesopotamiens, steht die älteste archäologisch nachweisbare Kirche der Welt. Nicht nur wegen der syrischen Totenklage des Christentums, sondern auch der bilderfeindlichen Kritik der Reformatoren lohnt im Lutherjahr ein Blick auf die Wurzeln christlicher Ästhetik.

von Marco F. Gallina

Der Sand der Zeit rieselt unbarmherzig. Er verweht die Erinnerungen an vergangene Reiche, erstickt diejenigen, die Zeugnis ablegen könnten und begräbt Städte unter Lawinen aus Staub. Der Vordere Orient bleibt den Europäern fremd. Schon Alexander der Große fand von der Pracht des alten Babylons nur noch die Trümmer des legendären Turmes vor. Heute reihen sich neben den Ruinen der Mesopotamier jene der Parther, Römer und Christen ein; der christliche Niedergang ist dabei der längste, zäheste und tragischste Prozess. Die Reiche der Alten zerfielen, aber die Anhänger des Nazareners blieben ihrer Religion treu. Seit der Kreuzigung kennt das Christentum die Verfolgung und hat Einzug in die Offenbarung des Johannes gefunden – so wie jetzt und vielleicht in alle Ewigkeit.

Von den zwei großen Strömen, die Mesopotamien ihren Namen geben, ist der Euphrat traditionell der fruchtbarere. Vom kleinasiatischen Gebirge flutet er hinab in das Syrische Becken, bevor es ihn gen Persischen Golf drängt. Die Parther, die in Zentralasien das Perserreich beerbten, sahen den großen Fluss als ihre natürliche Westgrenze an. Das gefürchtete Reitervolk herrschte drei Jahrhunderte lang über das Zweistromland. Einer der bedeutendsten Orte an dieser Westgrenze war Europos, eine Gründung der Seleukiden – jener Nachfolger Alexanders, die das Griechentum zur vorherrschenden kulturellen Kraft des Altertums machten.

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Don Camillo und die Madonna

von Marco F. Gallina
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Wer sich mit der Filmreihe um Guareschis berühmteste Figuren auskennt, der weiß, dass es zwei Versionen gibt: Gino Cervi und Fernandel spielten ihre Rollen gleich zweimal, die Filme wurden doppelt abgedreht. Warum? Die Frage ist bis heute nicht völlig geklärt, denn Cervi sprach auch in der französischen Version Italienisch, Fernandel Französisch im italienischen Pendant. Fakt bleibt, dass einige Szenen anders modelliert sind; die Aufzählung der Details würde die Bandbreite sprengen. So singen die Kommunisten bei den Franzosen die „Internationale“, bei den Italienern „Bandiera rossa“.
Neben gestalterischen Kleinigkeiten gibt es aber auch Dialoge und ganze Szenen, die der italienischen Version fehlen. Ironischerweise ist die französische die werktreuere, und beinhaltet Aufnahmen, die der italienischen Zensur zum Opfer fielen. Ein Beispiel ist die Beerdigung von Signora Cristina – die alte Königsflagge war noch in den Fünfzigern ein Politikum, weswegen diese nur ganz kurz gezeigt wird; in der französischen Beerdigungsszene wird dem Tuch und dem Leichenzug größerer Platz eingeräumt. Ebenso erschien der Selbstmordversuch des Liebespaares Gino und Mariolino im ersten Film den Sittenwächtern unangemessen; und der Kreuzweg Don Camillos im zweiten Film wurden von einigen Kritikern als mögliche Parodie (und damit: Blasphemie) gewertet, weswegen dieser in der italienischen Version deutlich kürzer ausfällt.
Wer des Italienischen oder Französischen mächtig ist, kann kurz einen Blick in dieses halbstündige Video werfen, welches einige prägnante Beispiele bezüglich des Unterschieds der beiden Filmversionen zeigt:

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Don Camillo würde sein Kreuz auf dem Tempelberg tragen!

Guareschi, das Kreuz und der Tempelberg

von Marco F. Gallina

483x309In Guareschis Werk und den Verfilmungen von „Don Camillo und Peppone“ spielt das berühmte Holzkreuz mit dem Heiland eine große Rolle. Die Dispute zwischen dem Priester und Jesus sind legendär. Im Streit zwischen dem „reaktionären“ Dorfpfarrer und dem kommunistischen Bürgermeister ist es letztendlich Christus selbst, der Don Camillo immer wieder auf den rechten Pfad bringt.

Protestanten mögen sich damit schwer tun, da man missverständlicherweise denken könnte, Don Camillo spräche nur über das Kreuz in seiner Heimatkirche mit Jesus. Guareschi hat jedoch mehrmals genau dieser Interpretation Beispiele entgegengesetzt. So warnt Jesus seinen Schützling beim brennenden Munitionslager vor der Explosion; und als Don Camillo darum bittet, in einen Boxkampf einzugreifen, meint Christus fast empört: „Aber Don Camillo, ich bin doch kein Catcher!“

Im zweiten Film, „Don Camillos Rückkehr“, macht Guareschi sehr klar, dass es im Grunde nicht um das Kreuz, sondern das Herz geht, über das Mensch und Gott miteinander korrespondieren. Der Reverente befindet sich in der Verbannung, irgendwo in einem verschneiten und vernebelten Gebirgsdorf, wo er sich nach der warmen, grünen Ebene sehnt – und nach seiner alten Kirche, mit dem Kreuz. Jesus hat in dieser Episode kein einziges Mal gesprochen, und Don Camillo sehnt sich so sehr nach diesem Erlebnis, dass er in seine Heimatgemeinde Brescello zurückkehrt, und das Kreuz von dort mitnimmt. Die Rückkehr ins Bergdorf wird zur Passion: der Priester schleppt das schwere Kreuz den Pass hinauf und gerät in einen Schneesturm. Zuletzt bricht Don Camillo im Wind und Schnee vor Erschöpfung zusammen, fällt unter das Kreuz. Erst jetzt meldet sich Jesus wieder; der Gefallene freut sich trotz aller Mühen, dass er endlich wieder die Stimme des Herrn hört. Der erwidert aber nur, dass er der ganzen Zeit bei ihm gewesen wäre. Don Camillo habe ihn nur nicht gehört, da sein Herz verhärtet gewesen wäre.

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Italien: das kleine, gallische Dorf der Esskultur

Kulturimperialismus findet auch auf dem kulinarischen Feld statt. Dort widersetzt sich der italienische David tapfer dem amerikanischen Goliath der Globalisierung. Ein paar Gedanken darüber, wie Amerika und Rom sich gleichen – und weshalb die USA scheitern (werden).

von Marco F. Gallina

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Quelle: http://www.mein-italien.info

Wer Imperien verstehen will, muss Rom begreifen. Die eigentliche Macht Roms bestand nicht im Militär, sondern im Licht seiner Kultur. Als Rom seinen Rivalen Karthago unterwarf, war es der Hegemon des Mittelmeers geworden; aber erst, da Rom das östliche Mittelmeer erobert hatte, war es eine Weltmacht. Der Vorgänger der römischen Weltmacht bildet die alexandrinische Weltmacht, die jedoch schnell zerfiel. Was von Alexander dem Großen blieb, waren die griechischen Teilreiche, in denen die griechischen Eliten das Heft in der Hand hatten und die griechische Kultur und Sprache verbreiteten – noch im Römischen Reich galt Griechisch als Amtssprache des Ostens.

Diese Hellenisierung beendete erst die Romanisierung. Die Römer übernahmen auch Teile der griechischen Kultur, keine Frage; dennoch erfolgte hier eine Zäsur, in dessen Folge Rom unangefochten für 400 Jahre den Status einer antiken Weltmacht hatte. Umliegende Völker wurden romanisiert, obwohl sie offiziell nicht zum Reich gehörten. Selbst die Germanen, die in Deutschland noch immer als Widerständler dargestellt werden, waren eher Verbündete denn Feinde. Im regen Handelsaustausch übernahmen tributpflichtige Nachbarn und die Vertreter von Klientelstaaten die römische Kultur. Die Romanisierung war damit Zeichen eines „weichen Imperialismus“.

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Die große Seeschlacht von Lepanto

Am 7. Oktober jährt sich die Schlacht von Lepanto zum 445. Mal. Eine Geschichte von gehäuteten Festungskommandanten, christlicher Revanche, einem einarmigen Dichter und dem Beginn des Rosenkranzfestes.

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Die Schlacht von Lepanto, Andrea Vicentino

Elf zehrende Monate lastet die Belagerung auf der Festungsstadt Famagusta auf Zypern. Das Banner des Markuslöwen hängt in roten Fransen über den Zinnen. Seit dem September 1570 belagern die Osmanen die letzte Stadt, die von der venezianischen Herrschaft auf Zypern übriggeblieben ist. Mitten im Frieden hatten die Türken die größte venezianische Kolonie des Mittelmeers überfallen; die Hauptstadt Nikosia fiel Plünderung und Zerstörung anheim. Zwanzigtausend Menschen sollen beim türkischen Blutrausch ihr Leben verloren haben. Ein Grund dafür, warum viele der venezianischen Festungen, welche zu den größten und modernsten des Mittelmeerraumes gehören, den Invasoren Tür und Tor geöffnet haben. Niemand will ein zweites Massaker riskieren.

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Der Veganer

Eine Bewandtnis von Marco F. Gallina

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Es war an einem Frühlingstag, irgendwann zwischen Nieselregen und zahmen Mittagssonnenlicht, dass ich auf einer Bank der Bonner Hofgartenwiese saß, und ein nur wenige Minuten zuvor gekauftes Süßmandelrosinenbrot verspeiste. Den Schirm hatte ich noch in der anderen Hand, da das Wetter sich als äußerst wechselhaft erwies, was insbesondere zwei junge Frauen auf der anderen Seite des Parks immer wieder erfahren durften, wenn plötzlich für Sekunden der Eisregen neuerlich ausbrach. Nun könnte der Leser an dieser Stelle mein selten ungentlemanhaftes Verhalten rügen, was so ganz und gar nicht zum Typus des hier Schreibenden passen wollte; allein, bei Studentinnen bin ich mittlerweile der Ansicht, dass, wer auf Gleichberechtigung pocht, auch einen gleichberechtigten Verstand besitzt, und ein solcher bei Regenwetter durchaus einen irgendwie gearteten Regenschutz mitnehmen kann. Doch dergleichen soll hier nicht das Thema sein.

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Beim Kaufen der Agnolotti

Ich esse, also bin ich. Was Sie schon immer über Agnolotti und die italienische Glockenturmmentalität erfahren wollten, aber niemals zu fragen wagten

von Marco F. Gallina

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Bildquelle: http://rk.wsimgs.com

Agnolotti sind eine durchaus problematische Pastasorte. Diese piemontesische Teigware ist zwischen Ravioli und Tortellini anzusiedeln; sie zeichnet sich durch eine quadratische Form mit gezackten Rändern und einer rundlichen Erhöhung im Zentrum aus, in welcher die jeweilige Füllung ruht. Von verschiedenen Fleischsorten und Pilzen bis hin zu Gemüse kennt der Variantenreichtum keine Grenzen. Dabei existiert neben der Version im Montferrat und in der Langhe des südlichen Piemonts auch noch eine im Südwesten der Lombardei, namentlich in Pavia. Der Begriff „Agnolotto“ soll sich entweder vom lateinischen anellus (Ring) oder einem Koch aus dem Montferrat herleiten.

Um die Wissenschaft abzurunden: die Herstellung von Agnolotti gestaltet sich etwas einfacher als die von Tortellini oder Ravioli. So wird bei der Herstellung ein großer Teigstreifen ausgebreitet, dann mit Füllung bestrichen und ein weiterer darüber geklappt. Anschließend schneidet man aus diesem Teig die einzelnen Agnolotti heraus; Tortellini dagegen fertigt man stattdessen Stück für Stück an, eine Arbeit, welche früher eine gute emilianische Hausfrau auszeichnete und von Können, Beharrlichkeit und Fleiß zeugte.

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Die Welt ist keine Scheibe – sondern ein Kunstwerk

von Marco F. Gallina

Einer der verbreitetsten historischen Irrtümer handelt von der Vorstellung, die Menschen des Mittelalters hätten an eine Erde in Scheibenform geglaubt. Oder in der noch extremeren Variante: die Kirche hätte eine solche gelehrt. Letzteres ist schon allein deswegen verfehlt, weil die mittelalterliche Scholastik sich weiterhin auf Aristoteles bezog. Der lehrte die Kugelgestalt der Welt; ein Konzept, das u. a. Thomas von Aquin zitierte.

Auch außerhalb der kirchlichen Lehranstalten war diese Vorstellung üblich. In Dantes Göttlicher Komödie reisen der Dichter und sein Führer Vergil durch die Hölle quer durch die Erde, bis sie auf der anderen Seite wieder hervorkommen, wo sich der Läuterungsberg befindet. Dass es sich dabei nicht um einen Erdteller handeln kann, bezeugt einer der Höllengesänge, nämlich der des Odysseus; dieser hatte den Läuterungsberg bereits auf einem fremden Kontinent entdeckt. Gemäß dem Fall, dass Odysseus nicht über den Scheibenrand gefallen sein kann, spricht dies für eine Kugelgestalt, die Dante dem Leser gar nicht erklären muss. Ähnlich macht auch Marco Polo nirgendwo in seinem Reisebericht Andeutungen, Angst davor zu haben, über den Rand der Scheibe zu fallen. Der Reichsapfel der mittelalterlichen Kaiser ist das wichtigste politische Zeichen, das von einem Erdenglobus kündet.

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Beethovens Credo

von Marco F. Gallina

beethoven-missa_solemnis.._karl_boehm._berliner_philhLudwig van Beethovens Verhältnis zur Religion ist ein endloses Thema. Gesichert ist: der Komponist stand der Amtskirche äußerst skeptisch gegenüber. Kirchgänge sind so gut wie keine verbürgt. Eine Anekdote erzählt, noch auf seinem Sterbebett hätte Beethoven nach Erhalt des Sterbesakraments ironisch applaudiert – und verwies damit auf Kaiser Augustus‘ berühmtes „Plaudite amici, comedia finita est!“ Mittlerweile konnte diese Erzählung zwar widerlegt werden,* aber sie entspricht dem Bild, das bezüglich des Meisters der großen europäischen Sinfonien kursierte. Josef Haydn, praktizierender Katholik und eifriger Rosenkranzbeter sollte seinen talentiertesten Schüler gar einen „Atheisten“ schimpfen.

Der maßgebliche Punkt bei Beethovens Ansichten ist sein von aufgeklärten und demokratischen Idealen geprägtes Weltbild. Weniger die Kirche als solche, als prinzipiell jede Art von Autorität waren ihm zuwider – seine adligen Gönner und Bekannten hatten darunter im Übrigen weitaus mehr zu leiden als der Klerus. Gleichzeitig hatten Fürsten wie Bischöfe aber keinerlei Berührungsängste mit dem Freigeist; Künstlerfreiheit war damals noch ein unausgesprochenes Privileg, das man (noch) nicht wegen falscher politischer Gesinnung verlor. Für grandiose Musik nahm man auch die eine oder andere Marotte in Kauf.

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Wo antike Wurzeln und christlicher Glaube Arm in Arm gehen, atmet die europäische Geistesgeschichte

Nel mezzo del cammin di nostra vita – Umkehr und Buße bei Dante Alighieri 

von Marco F. Gallina

Die Göttliche Komödie von Dante Alighieri ist der Beginn eines der größten Epen Europas. Dennoch erscheint Dante nicht als Held, sondern als Sünder – und damit als Mensch. Aus dem Dreiklang von Reue, Umkehr und Buße zieht der erste Gesang des Meisters der italienischen Poesie bis heute seine Aktualität.

»Nel mezzo del cammin di nostra vita

mi ritrovai per una selva oscura,

ché la diritta via era smarrita.«

»Auf halbem Weg des Menschenlebens fand

Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,

Weil ich vom graden Weg mich abgewandt.«

(Übersetzung nach Streckfuß 1876)

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Statue in den Uffizien, Florenz

Auch wer Dante Alighieri und seine Divina Commedia nicht kennt; wer keine Ahnung von mittelalterlicher Poesie hat; und selbst wer kein Wort Italienisch spricht – dürfte allein vom Ton der epochalen Sprache dieses größten Werkes italienischer Poesie aus dem Munde Vittorio Gassmans her erkennen, dass es sich bei Dantes Schaffen um Großes handelt, was die Völker und Seelen dieser Welt bewegt. Bereits der Klang von Gassmans Stimme, verbunden mit der Dichtkunst des „Poeta“ lässt uns erahnen: hier spricht nicht der Zeitgeist von 140 Zeichen, sondern die geistige Tiefe von dreizehn Jahrhunderten.

„Nel mezzo del cammin di nostra vita“, der erste Vers von Dantes Göttlicher Komödie, gilt bis heute in Italien als geflügeltes und vertrautes Wort, so wie manche Wendung aus Goethes Faust im Deutschen Fuß gefasst hat. In Zeiten, in denen Lehrinstitute noch nicht auf den Erwerb von Kompetenzen, sondern klassische Bildung gerichtet waren, hatten Schüler einst die erste Canzone noch auswendig lernen müssen.

Das sind immerhin 136 Zeilen Text. Und sie gehörten einst zum Kanon der Weltliteratur, weil dieser erste Gesang antikes Denken und christlichen Erlösungsgedanken miteinander verband.

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Beim Schneiden der Tomaten

Warum Küche, Kunst und Kultur als Teil unserer Identität zusammenhängen

Tomatenschneiden gilt mit Sicherheit nicht als eine der unterhaltsamsten Beschäftigungen. Aber muss alles, was gut und schön ist, zugleich unterhaltsam sein? Ist Caravaggios Ungläubiger Thomas unterhaltsam? Beethovens 7. Sinfonie ist es mit Sicherheit. Aber Michelangelos Pietà?

von Marco F. Gallina

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„Stillleben mit Spargel und Tomaten“ von Paul LaCroix

Irgendwie erscheint heute alles, was keinen „Spaß“ macht, grundsätzlich weniger wertvoll. Ich habe mir sagen lassen, dass mittlerweile Tomatenschneidemaschinen existieren oder andere, die Arbeit erheblich verkürzende Mittel. Und mit Recht wird man die Frage stellen, weshalb ich eine solch redundante Zweckarbeit wie das Tomatenschneiden auf eine Stelle mit Meisterwerken der europäischen Zivilisation stelle.Die Frage kann nur jemand stellen, der entweder nicht aus dem romanischen Kulturkreis stammt, oder – noch schlimmer – aus dem romanischen Kulturkreis stammt und keinerlei Bezug zu seinen Wurzeln hat. Vielleicht kann sie auch bei einem Nicht-Romanen vorkommen, der überdies seine Wurzeln verloren hat.

Die Antwort ist simpel: Kochen ist eine Kunst und so ein immanenter Teil jeder Kultur, sodass Tomatenschneiden dieselbe Bedeutung besitzt, wie für einen Maler das Mischen seiner Farben, bevor er den Pinsel auf der Leinwand ansetzt.

Unsere traditionelle Kochkultur ist ein offensichtliches Bindeglied zur Geschichte unserer Vorfahren und mit deren Leben. Wir stehen damit in Kontinuität zu unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, wenn wir ihr Erbe forttragen – und mag es nur ein Rezept sein, das sich in Familienbesitz befindet. Auf der nächsten Ebene folgt die Kultur, ob nun regional oder national; und wer einen Sinn hat für das eigene Sein, das auf dieser Ebene besteht, der kocht prinzipiell anders als die Veggie-Lifestyle-Fraktion.

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Don Camillo-Autor Guareschi und seine Prophezeiung

Giovannino Guareschi, der Erfinder des streitbaren Priesters Don Camillo und seines kommunistischen Widersachers Peppone, gilt bis heute als populär. Insbesondere die politische Linke, welche die damaligen Medien dominierte, feindete ihn an. Seine Bücher galten als naive Märchen ohne Tiefgang. Aber hat der Mann aus den Tiefen der norditalienischen Po-Ebene der Nachwelt wirklich nichts zu sagen?

Ein Einspruch von Marco F. Gallina

„Den Schriftsteller Guareschi gibt es überhaupt nicht“ – das war nur eine der vielen Spitzen, die Giovannino Guareschi zu Lebzeiten ertragen durfte. Kollegen und Literaturkritiker übergingen seine Werke; die Geschichten über einen Landpfarrer und seiner Fehde mit dem kommunistischen Bürgermeister erschienen den Redakteuren der italienischen Feuilletons als unwürdig. Noch in seiner Jugend hatte man Guareschi jegliches Schreibtalent abgesprochen. Man empfahl ihm, auf den väterlichen Hof zurückzukehren, und wie dieser Landwirt zu werden.

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Glücklicherweise hatte der geistige Vater Don Camillos einen ebenso ausgeprägten Dickkopf wie seine bekannteste Figur und ließ sich nicht beirren.

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