Religion und Moderne (Teil 3): Warum die Religion verliert und wie sie gewinnen kann

Ob man sich als religiös bezeichnet oder nicht, unabhängig von der eigenen Zuschreibung ist kaum bestreitbar, dass Religion einen massiven Bedeutungsverlust erfährt. Besonders seit den letzten Jahrzehnten findet ein stetiger Rückgang statt. Doch dieser hat seine Gründe. Warum verliert und die Religion und wie kann sie wieder gewinnen?

5486890633_295f76e99a_o

von Josef Jung

Religion verliert, wo sie im Gegensatz zur Moderne steht

Was ist Moderne? Für den Bereich den Bereich der Religion kann man sagen: Religion wird als eine Angelegenheit der individuellen Sinn- und Bedürfnisorientierung betrachtet. Verschwunden sind weitgehend objektive Kriterien, Disziplin und Vergesellschaftung. Damit einher geht, dass Fragen nach Moral und Glaubensführung nicht mehr von außen vorgegeben werden können. Wenn Religion mit Lebens- und Moralansprüchen herantritt, die dem widersprechen, was eigene Bedürfnissen und Vorstellungen sind, wird Religion mit dem Argument der „Heteronomie“, also der Fremdbestimmung, zurückgewiesen. Modern hingegen heißt von „Autonomie“ zu sprechen, vom „moralischen Gesetz in mir“, wie es Kant nennt.

Nun bietet das 21. Jahrhundert eine Fülle an Entfaltungsmöglichkeiten, die zwar von traditionellen religiösen Normen abweichen – in Bereichen der Sexualität, Familie, Lebensführung, Identiät usw. – aber dennoch gesellschaftlich vollkommen akzeptiert werden. Dies ist so, weil sich die abweichenden Positionen auf eine Art „säkulares Naturrecht“  berufen, nämlich auf die  „Autonomie“ oder auf etwas wie die „conditio humana“ und diese gelten als unaufgebbare Errungenschaften. Es geht um die Selbstwerdung nach dem, was im Inneren als das Ureigene, das eigentliche Selbst wahrgenommen wird. Hier verbittet man sich einen Verweis auf Gott, Kirche usw. da dies als unberechtiger, fremder Eingriff gegen die eigene Entfaltung, das eigene Glück gesehen wird.

„Religion und Moderne (Teil 3): Warum die Religion verliert und wie sie gewinnen kann“ weiterlesen

Advertisements

Ist mit dem Beginn des neuen Jahres Weihnachten vorbei?

Mit Edith Stein und ihrem Vortrag „Das Weihnachtsgeheimnis“ ins Jahr 2017

von Rut Müller

ahsfhsaofsaho
Bei vielen wird nach den Weihnachtsfeiertagen ein wehmütiges Bedauern Einzug eingenommen haben, dass die Zeit des Advents und der Erwartung auf das Fest vorüber ist.

Für viele mag spätestens mit der Silvesterparty, in der das alte Jahr verabschiedet und das neue Jahr ausgiebig begrüßt wurde, die Weihnachtszeit beendet sein. Beim Einkauf bemerkte ich bereits, dass die Weihnachtsdekoration aus den Regalen entfernt wurde. Schon eine Woche (wir feierten gestern den 8. Tag der Geburt des Herrn) liegt er zurück, der Heilige Abend und die Erinnerungen an ihn: Viele Stunden des Beisammenseins im Kreis der Familie bei Plätzchen, Glühwein und feiner Weihnachtskost. Einige Leser werden froh sein, dass ihnen der Balanceakt zwischen der eigenen Familie und den Schwiegereltern am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag geglückt ist. Andere Leser sind vielleicht nach all dieser Feierei erschöpft und im Stillen froh darüber, dass es vorüber ist. Wiederum andere spürten trotz des üppigen Essens eine innere Leere umgeben vom äußeren Schein weihnachtlicher Familienidylle.

Bei vielen wird nach den Weihnachtsfeiertagen ein wehmütiges Bedauern Einzug eingenommen haben, dass die Zeit des Advents und der Erwartung auf das Fest, der Moment, in dem in der Kirche das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ erklang, vorüber ist.

saint_edith_stein
Edith Stein um 1920

Die heilige Edith Stein (*1891 – †1942 im KZ Auschwitz-Birkenau) hielt Jahre 1931 einen Vortrag mit dem Thema: „Das Weihnachtsgeheimnis“. Zu einem Zeitpunkt, der aus heutiger und auch damaliger Sicht überrascht: am 13. Januar. Liturgisch gesehen befanden sich die Zuhörer des Vortrages zwar noch inmitten der Weihnachtszeit. (Das Ende der Weihnachtszeit markierte damals nicht das Fest Taufe des Herrn, sondern das Fest Darstellung des Herrn oder auch bekannt unter Maria Lichtmess). Und dennoch konnte Edith Stein sich kein besseres Thema vorstellen, als das Weihnachtsgeheimnis im Vortrag zu betrachten. Die Weihnachtsfeiertage vorbei und der Jahreswechsel vollzogen, so befinden wir uns – wie die Zuhörer ihres Vortrages – in einer sehr ähnlichen Situation.

Schon die Wahl des Wortes Geheimnis drückt auf treffende Weise aus, dass Weihnachten offenbar doch kein sich so einfach erschließendes Fest ist.

„Ja, wenn am Abend die Lichterbäume brennen und die Gaben getauscht werden, …die Glocken zur Christmette läuten…“ „Solches Weihnachtsglück hat wohl jeder von uns schon erlebt. Aber noch sind Himmel und Erde nicht eins geworden. Der Stern von Bethlehem ist ein Stern in dunkler Nacht, auch heute noch.“

Es mag den den Kirchgänger verwundern, weshalb schon am 2. Weihnachtsfeiertag Stephanus, der erste christliche Märtyrer, gefeiert wird. Und auch das Fest der Unschuldigen Kinder, welches an den brutalen Kindermord des Herodes erinnert, ist alles andere als idyllisch. Diese beiden Feste tragen einen scheinbaren Widerspruch in sich: „Was will das sagen? Wo ist nun der Jubel der himmlischen Heerscharen, wo die stille Seligkeit der Heiligen Nacht? Wo ist der Friede auf Erden“, fragt Edith Stein in ihrem Vortrag.

Spätestens als wir in den Weihnachtsfeiertagen die Nachrichten verfolgt und uns die Tagesschau angesehen haben, tat sich der Widerspruch auch in der Gegenwart auf: das passte so gar nicht in das friedvolle Weihnachtsfest. Diesen Widerspruch nehmen wir allerdings resigniert hin. Nicht selten versuchen wir umso verkrampfter wenigstens in der Familie Weihnachten als ein harmonisches Fest auf höchstem kulinarischem Niveau zu bewahren, reagieren empfindlich auf jegliche Disharmonien und Streitigkeiten oder verhindern diese längst auf mannigfaltige Weise vorsorglich.

Liest man das Buch Das Weihnachtsgeheimnis von Edith Stein, wird man als Leser aufgerüttelt. Hat man das Weihnachtsfest in seinem eigentlichen Kern eigentlich verstanden und wahrhaftig gefeiert?

„Ist mit dem Beginn des neuen Jahres Weihnachten vorbei?“ weiterlesen

Über den Augenblick, der nie verweilt und dennoch schön ist

Eine Buchbesprechung von Hannes Kirmse

Der 1988 geborene Malte Opermann legt uns mit seinem im Berliner Wolff-Verlag erschienen Aphorismenband „Die schöne Philosophie“ nicht nur eine Referenz an die katholische Geistesgröße Nicolás Gómez Dávila vor, sondern eröffnet den Blick auf eine ganze Menagerie von Sinn und Sinnlichkeit.

umschlag_vorderseite

Mit dem Schreiben von Aphorismen geht man heute ein Risiko in gleich mehrfacher Hinsicht ein. Man riskiert mißverstanden zu werden, was etwa die Causa Friedrich Nietzsche auf sehr tragische Art und Weise gezeigt hat. Man riskiert aber auch, mit dem, in das man sein Herzblut gegeben hat, in der Öffentlichkeit zu scheitern, wobei dann jede Kritik zu einer erheblichen Verletzung werden kann. Doch ist das Aphorismenschreiben notwendig, um die gute Tradition des nie abebbenden Gespräches der Geister über die Zeiten hinweg nicht aussterben zu lassen und den geneigten Leser sich auf sich selbst und sein Menschsein besinnen zu lassen. Die Gesprächspartner der schönen Philosophie Oppermanns waren u.a. Platon, Goethe, aber auch der Waldgänger Ernst Jünger und selbstverständlich Don Nicolás Gómez Dávila, den Klonovsky etwa als den „Nietzsche der Anden“ bezeichnete. So wird hier auf ganz eigentümliche Weise die nahezu inhalierte Katholizität Dávilas mit dem ständigen im Fragen begriffenen Platon und dem Waldgängerischen Ernst Jüngers miteinander verwoben.

„Über den Augenblick, der nie verweilt und dennoch schön ist“ weiterlesen

Religion und Gewalt

Ein Plädoyer die Symbolsprache der Bibel wieder zu entdecken

von Dr. Robert Harsieber

jesus_heals
Die Bibel ist nicht zu lesen wie ein historischer Roman, sondern wie meine eigene Geschichte. Ich selbst bin der Lahme, der nicht weiterkommt, der Blinde, der unfähig ist zu sehen und der Taube, der nicht hört.

Im Koran steht irgendwo über die Ungläubigen: „Tötet sie, wo immer ihr sie trefft!“ Nicht-Moslems beziehen das auf sich und plustern sich auf.

„Wenn er die Vergeltung sieht, freut sich der Gerechte; er badet seine Füße im Blut des Frevlers.“ So heißt es in Psalm 58. Und Psalm 137 endet mit den Worten: „Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!“ Das steht in den so genannten Rachepsalmen des Alten Testaments. Und auch im Neuen Testament gibt es so manche Sätze, die oberflächlich gesehen nicht sehr friedlich klingen.

Der Vollständigkeit halber sei daran erinnert, dass gegen Ende vorigen Jahrhunderts gewisse ansonsten zurechnungsfähige Geister verlangt haben, Märchen zu entrümpeln oder umzuschreiben, weil sie so grausam wären.

„Religion und Gewalt“ weiterlesen

Ein „Interview“ mit der Heiligen Edith Stein über Gender

Was die große Kirchenlehrerin, Frauenrechtlerin, Philosophin über die Thesen von „Gender“ sagen würde – Von und mit Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Was würde diese große Intellektuelle und Heilige über die umstrittene “Gender”-Theorie sagen? Diese wird zwar verurteilt von allen Päpsten seit ihrem Aufkommen, von zahlreichen Kardinälen und Bischöfen sowie jüngst den Berichten der Familiensynode – auch dem der deutschen Gruppe. Aber Gender wird trotzdem von manchen Theologen und sogar in einer von der Deutschen Bischofskonferenz publizierten Broschüre vertreten, die behauptet, dass “Gender katholisch gelesen” werden könne.

„Ein „Interview“ mit der Heiligen Edith Stein über Gender“ weiterlesen

Kritik des reinen Unverstands

Amoris laetitia und der antikatholische Reflex

Ein Kommentar von Anna Diouf

376753e454ce8dac7_720x600Was würden die Physiker dieser Welt sagen, wenn ich mich erdreistete, einfach mal ohne jegliche Expertise darüber zu räsonieren, wie Physik eigentlich sein sollte? Was würde ein Facharzt sagen, wenn ich ihm reinquatschen würde, wie er seine Arbeit eigentlich auszuführen hätte? Und wie würde ein Profifußballer reagieren, wenn ich ihm erklären würde, wieso die Abseitsregel überholt ist und man eigentlich das gesamte Regelwerk des Fußball überarbeiten müsse, es sei doch viel besser, mit den Händen zu spielen?

Richtig, man würde mich entweder auslachen oder etwas ungehalten reagieren.

Nur bei einer komplexen Lehre, die 2000 Jahre kontinuierliche Vertiefung und Entfaltung erfahren hat, da kann jeder Hinz und Kunz sagen, was besser wäre, ohne auch nur den geringsten Schimmer zu haben, worum es geht.

Kaum ist amoris laetitia heraus, sind schon wieder alle möglichen selbstermächtigten Propheten unterwegs, die uns Katholiken erklären, wie Katholizismus sein müsse.

Dabei möchte man, mit den Worten des Augustinus und des Salafisten auf dem Marktplatz diesen Menschen zurufen: LIES! Und zwar nicht das postsynodale Schreiben. Mein Vorschlag: Lies zuerst 150 Seiten der Summa des Thomas von Aquin und verstehe sie. Dies ist mit dem üblichen relativistisch-unphilosophischen Mindset des Menschen von heute praktisch umöglich. Ziel ist auch nicht das Verstehen der Textpassage, sondern das Entwickeln wenigstens der rudimentären Einsicht, dass man viel weniger weiß und versteht, als man so gemeinhin annimmt, und dass es selbst im finsteren Mittelalter extrem schlaue Leute gegeben hat, die komischerweise meistens ziemlich katholisch waren. Ist dieser erste Lernerfolg erzielt, nimm den Katechismus der Katholischen Kirche zur Hand und tritt ein in die faszinierend andere Welt des Katholizismus.

„Kritik des reinen Unverstands“ weiterlesen

Leseprobe – aus Josef Bordat: Credo (2016)

„Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Und auch nicht an Gott.“ – Das schrieb mir mal ein Diskussionspartner in einem Mail-Wechsel zum Thema Glaube. An einen Gott, der wie der Weihnachtsmann ist, glaube ich auch nicht. Es wäre schlicht unvernünftig, an einen Gott zu glauben, der sich wie der Weihnachtsmann verhält, der einmal im Jahr zu einem festen Termin in unserer Welt auftaucht und dann wieder verschwindet, der konkrete Wünsche erfüllt, der sich an unsere Agenda hält, der im Grunde so ist wie wir, nur etwas schneller und besser, den wir halt brauchen, damit das Leben etwas spannender, spektakulärer und unterhaltsamer wird. Der Weihnachtsmann ist dazu da, unsere ruinöse Lebensform des Konsumismus mit einer feierlichen Fassade zu verkleiden. Und Gott? Der auch? Dieser Vorwurf steckt ja in dem Vergleich. Wie gesagt: An einen solchen Gott könnte ich nicht glauben.

Ich glaube an einen Gott, der sich in unserer Geschichte zeigt, in der jedes einzelnen Menschen, aber auch der ganzen Menschheit, sich aber auch verhüllt und sich gerade dadurch als für den einzelnen Menschen und die ganze Menschheit unverfügbarer Herr dieser Geschichte erweist, an einen Gott also, der sich nur in Paradoxien entäußert, den wir als „ganz Anderen“ (Rudolf Otto) ernst nehmen müssen, auch wenn wir Ihn nie vollständig einplanen können in unser Leben, und dem wir deshalb den notwendigen Raum geben sollten, Seinen Plan nach Seinem Willen für uns und mit uns zu realisieren. Ich glaube an einen Gott, der keine Wünsche erfüllt, sondern vom Wünschen befreit. Der Weihnachtsmann muss immer wieder kommen, immer wieder Geschenke bringen und es dürfen nicht weniger sein als im letzten Jahr, sonst ist die Enttäuschung groß. Gott ist einmal in die Welt gekommen und hat uns „zur Freiheit befreit“ (vgl. Gal 5, 1), auch zur Freiheit von Bedürfnissen. Dafür schenkte Er uns die unendliche Liebe Seiner Barmherzigkeit. Dagegen hat es der Weihnachtsmann schwer.

„Leseprobe – aus Josef Bordat: Credo (2016)“ weiterlesen

Credo. Wissen, was man glaubt

von Josef Bordat

11231041_173395496344167_1179400731351073545_oDas Apostolische Glaubensbekenntnis ist weit mehr als eine Auflistung von zu glaubenden Aussagen über Gott. Es ist ein dichter, vernünftiger und anspruchsvoller Text von tiefer Weisheit, in dem die zentralen Glaubenswahrheiten als Einsichten vieler Generationen von Christen tradiert sind. Zugleich spricht das Credo die philosophischen Grundfragen des Menschseins an, um Sie von Gott her, aus dem Glauben heraus zu beantworten.

Es ist sicher ein gewisses Wagnis, das Credo als Philosoph zu kommentieren, nicht als Theologe. Aber solange man dabei katholisch bleibt, sollte das wohl möglich sein. So nähere ich mich den Glaubenswahrheiten philosophisch an – Zeile für Zeile, Wort für Wort -, getragen von der festen Überzeugung, dass Glaube und Wissen, Herz und Verstand sich nicht ausschließen, wenn es darum geht, das Glaubensbekenntnis in seiner metaphysischen Weite zu durchdringen.

Rasch stößt man dabei auf die Theodizeefrage: Wie verhalten sich der Vater und der Allmächtige zueinander? Das Apostolische Glaubensbekenntnis bindet die Charakterisierungen Gottes ganz eng zusammen und macht aus ihnen schließlich eine Einheit. Zunächst folgt auf „Vater“ gleich der „Allmächtige“, dann ist vom „allmächtigen Vater“ die Rede; den „väterlichen Allmächtigen“ mag man sich hinzudenken. Wer in seiner Gottesvorstellung A sagt (wie allmächtig) und B (wie barmherzig), der muss sich der Theodizeefrage stellen.

Ich tue dies mit Gottfried Wilhelm Leibniz (dessen 300. Todestag wir in diesem Jahr begehen), aber auch mit Hans Jonas, ehe ich das Golgatha-Ereignis als Antwort auf die Theodizeefrage vorstelle: Aufgrund des Kreuzes können wir „barmherziger Vater“ und „allmächtiger Herr“ in einem Atemzug sagen. Auch in den tiefsten Abgründen des Lebens, in denen wir Verlassenheit spüren, ist Gott da. Gleichzeitig erfährt auch der gekreuzigte Jesus die Gottferne des Menschen. Gott ist in Jesus Christus bei uns, auch, wenn wir leiden. So gibt es kein sinnloses Leid, weil alles im Kreuz aufgehoben ist, im Leid der Gottverlassenheit, das größer ist als jedes andere Leid. „Credo. Wissen, was man glaubt“ weiterlesen

Schönheiten des Glaubens: Heilige bewundern

All-Saints
Die Vorläufer Christi mit Heiligen und Märtyrern, Fra Angelico (1423-24)

Ein Mann hat eine religiöse Begeisterung, will Ordensmann werden. Der erste Orden weist ihn ab – ungeeignet. Der zweite Orden weist ihn ab – ungeeignet. Der dritte, die Trappisten, nimmt ihn schließlich als Novizen auf. Nach ein paar Wochen flieht er aus dem Kloster – er kommt mit dem Leben dort überhaupt nicht zurecht. (Eine Sünde?) Was nun tun? Wird er sich nun doch als landwirtschaftlicher Arbeiter niederlassen oder ins Geschäft seiner gar nicht armen Eltern einsteigen? So würden zweifelsohne viele fromme Morallehrer raten; vielleicht haben sie es ihm damals geraten. – Einige Zeit später erreicht die Eltern ein Brief: Er führe das Leben eines Aussteigers, eines Bettlers, der zwischen christlichen Pilgerstätten hin- und hervagabundiere, und sei, endlich, völlig glücklich. Ein ungewaschener Langhaariger, ein Hippie auf katholisch, ein warnendes Beispiel für Kinder, die nicht brav sein wollen? – Dies ist die Geschichte von Benoît Joseph Labre. Die katholische Kirche zählt ihn zu den kanonisierten Heiligen.

Ein erfolgreicher Anwalt gewinnt jeden Prozeß, ist bei Kollegen und Richtern beliebt. Einen, endlich, verliert er – wegen einer Intrige, heißt es hier; er bringt ein unzutreffendes Argument vor, heißt es dort – und ist dann zutiefst bestürzt: wie konnte ich nur? Der Richter, der ihn mag, beschwört ihn, er möge sich das nicht so zu Herzen nehmen. Sein Versehen, sein Unglück in Demut tragen, ohnehin sind andere viel erfolgloser: weitermachen auf dem Platze, wo Gott ihn hingestellt usw.: wir können die Ratschläge schon hören, und sind sie etwa nicht naheliegend? – Er schmeißt alles hin und stellt sich beim Bischof vor: „ich habdas mit dem Leben in der Welt nicht geschafft, jetzt will ich Priester werden.“ Ein sicherer Kandidat für die Abweisung? – Dies ist die Geschichte von Alfonso Maria Liguori. Die Kirche zählt ihn zu ihren Priestern, Bischöfen, Ordensgründern, Kirchenlehrern; sein Name steht im Verzeichnis der kanonisierten Heiligen.

Ein Mann hat sich buchstäblich dem Teufel verschrieben. Irgendwann bekommt er mit, daß dieser sich vor Christus fürchtet. Sein Stolz ist es, nur dem Stärksten zu dienen, also sucht er halt Christus – und erfährt, als Christ muß man fasten. „Kann ich nicht.“ Na dann wenigstens beten. „Kann ich auch nicht.“ Ein hoffnungsloser Fall? – Dies ist die Legende von Christophorus. Die Kirche zählt ihn zu den kanonisierten Heiligen.

12607188_1046272732102207_882242520_n
„Auch wer den Christen Thomas von Aquin nicht größer als Aristoteles nennen will, ist gezwungen, ihn breiter zu nennen.“ (G. K. Chesterton)

Ein anderer schließlich kann fasten, kann beten; er kann auch dichten, und vor allem kann er denken. Ein Intellektueller also. Ob er, mit Franz Joseph Strauß zu sprechen, jemals einen Schraubenzieher in die Hand genommen hat, ist nicht überliefert.i Auf fällt an ihm sofort seine imposante Körperfülle, was ihn bei den moralisierenden Menschen von heute wohl schon diskreditieren würde. In einzelnen Punkten lehrt die Kirche das Gegenteil seiner Meinung.ii Die Rede ist natürlich von Thomas von Aquin. Die Kirche sieht in ihm quasi ihren himmlischen Chef-Theologen; sie verehrt ihn als kanonisierten Heiligen.

Die Heiligen! Wir mögen sie alle; wir verehren sie; wir bestürmen sie mit Anliegen – speziell den hl. Antonius von Padua übrigens mit Anliegen, die uns jeder Protestant sofort um die Ohren hauen würde, und sagen, wir sollten unsere Schlampereien gefälligst selbst ausbaden –; irgendwann aber kommt der typische wohlmeinende Zeitgenosse und betont das „et conversatione exemplum“iii (auch wenn in der Heiligenpräfation noch einiges andere steht, die Betonung kann sich der Antwortende nicht aussuchen…) Und es stimmt ja: Sie sollen uns auch ein Vorbild sein. Sie haben es geschafft – wenn wir genauso werden, schaffen wir es auch…

– Moment mal. –

„Schönheiten des Glaubens: Heilige bewundern“ weiterlesen

Licht statt Finsternis

Aus diesem Grund ist es auch ein Fauxpas oder bösartige Absicht zu denken, dass der überzeugte Katholik am Sonntag immer mit einer versteinerten, halbseitig depressiven Miene zum Gottesdienst geht, denn das genaue Gegenteil ist der Fall.

MG_6186_8_7

Spätestens, wenn die Zahl der Sonnenstunden und die Tageshöchsttemperaturen im gleichen Aufzug nach unten fahren, begreift vielleicht auch der letzte Kalenderverweigerer, welche Jahreszeit angebrochen ist. Selbst wenn der sehnliche Wunsch nach einem sogenannten „Indian Summer“ für viele nicht immer in Erfüllung geht, so muss man doch niemandem ernsthaft erklären, dass auf den Sommer unweigerlich eine rauere, kältere und ungemütlichere Zeit folgt. Wenn man nun aber eben im Herbst, besser gesagt im November beim Gräbergang auf dem Friedhof steht und in so manche weniger traurige als vielmehr ängstlich-unsichere Gesichter blickt, dann weiß man, dass vielleicht über eine ganz andere Unausweichlichkeit öfter gesprochen werden sollte.

Sicher, der Tod kann in all seinen Variationen Ausgangspunkt unsäglicher Tragödien sein und es wäre herzlos, nur zu sagen, dass sich die Zurückgebliebenen doch nicht so anstellen sollten. Auf der anderen Seite zeigt sich jedoch nirgends sonst die Qualität des eigenen Glaubensfundaments derart deutlich als beim Umgang mit dem Sterben. Und auch mit keinem anderen Thema kann man die lautesten Atheisten zum Schweigen und argumentativ ins Wanken bringen als mit der Frage nach dem eigenen „day after tomorrow“.

„Licht statt Finsternis“ weiterlesen

Schön und gut

Eine philosophisch-theologische Reflexion zur Bischofssynode 2015

In seinem vor drei Wochen erschienenen Cathwalk-Interview sagte Dr. Maximilan Krah einen interessanten Satz, der mich zum Nachdenken brachte: „Die katholische Lehre assoziiert das Gute mit dem Schönen.“ Um das „Gute“ wird auf der Bischofssynode gerade schwer gerungen. Wenn das Gute und das Schöne aber ja zusammengehören, dann müsste die katholische Lehre von Ehe und Sexualität am Ende vor allem eines sein: schön!

Benjamin Kalkum hat in Bonn Theologie studiert. Er hat danach sowohl in einer Werbeagentur gearbeitet als auch als Priesterkandidat in einer Gemeinde. Er findet, dass die Kirche das Evangelium zu leise und zu schlecht verkündet. Zur Zeit arbeitet er als Journalist in Budapest und denkt darüber nach, was man anders machen könnte.
Benjamin Kalkum hat in Bonn Theologie studiert. Er hat danach sowohl in einer Werbeagentur gearbeitet als auch als Priesterkandidat in einer Gemeinde. Er findet, dass die Kirche das Evangelium zu leise und zu schlecht verkündet. Zur Zeit arbeitet er als Journalist in Budapest und denkt darüber nach, was man anders machen könnte.

von Benjamin Kalkum

Im Alltag sind das Schöne und das Gute intuitiv assoziiert. Schöne Menschen werden u.a. für ehrlicher gehalten. Und nicht ohne Grund werden die Sprüche in sozialen Netzwerken immer mit einem schönen Hintergrundbild gepostet. Oder warum stecken Unternehmen tausende von Euros in gutes Design und die Qualität ihrer Druckerzeugnisse? Schönheit schafft nicht nur Aufmerksamkeit, sondern die Aussagen erscheinen wahrer. Man glaubt sie leichter. Das hat wohl etwas mit der Verarbeitungsflüssigkeit  zu tun, schöne Dinge kann unser Gehirn einfach leichter verarbeiten.

Vielleicht haben die Mitglieder des deutschsprachigen Arbeitsgruppe auf der Bischofssynode in der ersten Zusammenfassung ihrer Ergebnisse  deshalb angeregt, „am Beginn des ersten Kapitels einen Abschnitt einzufügen, der die Schönheit der Ehe und den Auftrag der Ehen und Familien umschreibt“. Bei der Redaktion des Gesamtdokuments solle hingegen „eine negativ abgrenzende und normativ verurteilende Sprache [..] (forensischer Stil)“ vermieden werden, zugunsten einer „positive[n], die christliche Position entfaltende[n] Sprache, die damit implizit zur Sprache bringt, welche Positionen christlich inkompatibel sind.“
Die FAZ reagierte mit einer ungewöhnlich scharfen Polemik  auf dieses allzu durchschaubare Manöver, bloß niemandem wehtun zu müssen. Denn „de gustibus non est disputandum“, über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten – und so scheint die Konzentration auf das Schöne und Positive sich als billiger Kompromissweg anzubieten.

Oder kann es vielleicht doch mehr sein?

„Schön und gut“ weiterlesen

Distributismus – Die katholische Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus

von Simon Bannwart

G. K. Chesterton
„Das Problem mit dem Kapitalismus ist, dass es nicht genügend Kapitalisten gibt.“ – G. K. Chesterton

Papst Franziskus wird von den Medien zum Papst der Armen hochgejubelt. Im November 2013 veröffentlichte er seine Antrittsenzyklika Evangelii gaudium, welche weitgehend von seinem Vorgänger Benedikt XIV. vorbereitet wurde. Während der Schwerpunkt auf der Neuevangelisierung liegt, wird im 2. Kapitel die Wirtschaft, Vergötterung und Regierung des Geldes sowie die soziale Ungleichheit angeprangert. Die Kritik an der gängigen Wirtschaftsordnung hat eine lange Tradition. Vor dem Hintergrund der katholischen Soziallehre haben katholische Denker bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Antwort auf die Ungerechtigkeiten das eher unbekannte Konzept des Distributismus entwickelt.

1891 begründete Papst Leo XIII. in der Enzyklika Rerum Novarum, auch bekannt als „Mutter aller Sozialenzykliken“, die katholische Soziallehre. Der Papst beschreibt die Ausgangslage im Allgemeinen so: das Kapital ist in den Händen einer geringen Zahl angehäuft, während die große Menge verarmt; die einstigen Genossenschaften der arbeitenden Klassen wurden durch die Umwälzung im Rahmen der Industrialisierung zerstört; Sozialisten stacheln die Arbeiter gegen die Reichen auf, indem sie das Recht zum Besitz privaten Eigentums in Frage stellen.

Papst Leo XIII. ist der Ansicht, dass der Mensch sich die durch körperlichen Fleiß und geistige Sorge bearbeitete Natur gerechterweise als Eigentum anschafft. Dieses Eigentum ist dazu notwendig, dass der Familienvater den Lebensunterhalt für seine Kinder sicherstellen kann – wie es dem Gesetz der Natur entspricht. Die Ausbeutung Notleidender und das Vorenthalten eines gerechten Lohnes verurteilt die Enzyklika als eine himmelschreiende Sünde (vgl. Jak 5,4). Ungleichheiten seien aufgrund der Ungleichheit in den Anlagen, im Fleiß, der Gesundheit und der Kräfte unumgänglich und treiben den Menschen an, eine Leistung zu erbringen. Da der Reichtum dem Seelenheil jedoch tendenziell schadet, (vgl. Mt 19,23 f.) verpflichtet die Kirche den Reichen zur Wohltätigkeit und Almosen, also dem gerechten Gebrauch des Besitzes. Die Aufgabe des Staates ist, es dem Arbeitenden zu ermöglichen, durch Sparsamkeit seinen Besitz zu vermehren. Papst Leos Sicht des Staates als Rechts- und Wohlfahrtsstaat widerspricht der liberalistischen Auffassung, welche im Staat nur den Wächter der Rechtsordnung erblicken will. Wenn es den niederen Klassen gelänge, kleinen Grundbesitz zu erwerben und selbst zu bewirtschaften, würden die Gegensätze von äußerster Armut und aufgehäuftem Reichtum mehr und mehr verschwinden. Das Rundschreiben schließt mit dem Aufruf an Arbeitgeber und -nehmer, gemeinsam bei Maßnahmen und Einrichtungen mitzuwirken, um als Mitglied derselben den Notstand zu lindern und die Klassen innerhalb der Gesellschaft einander näherzubringen. „Distributismus – Die katholische Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus“ weiterlesen

Woher wir wissen, was moralisch richtig ist

von David Maria Ernst, DGW-Journalistenpreisträger 2011 

Anfang der 1980er-Jahre des vorigen Jahrhunderts schrieb der Ethiker Alasdair MacIntyre das bemerkenswerte Buch Der Verlust der Tugend, das gewissermaßen eine immer noch zunehmende Hinwendung zur klassischen Tugendethik einleitete. In diesem Buch stellte er ein Versagen der neuzeitlichen, näherhin der aufklärerischen Bemühungen fest, eine Ethik zu entwerfen, die von einer Teleologie (Lehre von den Zielen und Zwecken) gänzlich frei ist und sich auch nicht auf irgendeine höhere Autorität als den Menschen stützt. Im Folgenden möchte ich versuchen zu analysieren, warum es zu dieser Ablehnung gekommen ist und was die Folgen davon sind. Anschließend soll auch ein Blick auf die klassische Ethik von Aristoteles und Thomas von Aquin geworfen werden. Besonderes Augenmerk wird auf die Wichtigkeit der Naturerkenntnis in der Ethik, die vor allem eine Erkenntnis der Ziele und Zwecke ist, gelegt. Zum Abschluss wird versucht, eine kurze Antwort auf die Frage zu geben, warum wir letztlich moralisch handeln sollen.

Leider kann hier aufgrund des beschränkten Rahmens dieses wichtige und interessante Thema nur in einer beinahe sträflichen Kürze behandelt werden. Nichtsdestotrotz ist es ein lohnendes Unterfangen, zumindest einen Überblick zu geben. „Woher wir wissen, was moralisch richtig ist“ weiterlesen

Dietrich von Hildebrand – Über die Natur der menschlichen Sexualität

Auszüge zitiert nach der auf der Homepage des FMG veröffentlichten deutschen Übersetzung seiner Stellungnahme zur Schulsexualkunde (von Dr. Inge Köck, in: „Der Fels“, 1971, S. 180–183 und S. 240–242), wobei die dort eingefügten hilfreichen Zwischenüberschriften mit übernommen wurden.

Leider geht Hildebrand in seiner Analyse nicht auf den ersten Zweck der christlichen Ehe ein, nämlich den an der göttlichen Schöpferliebe teilhabenden Auftrag der Nachkommenzeugung, sondern er analysiert vor allem die bräutliche Liebe und Hingabe in der Ehe, die natürlich zugleich Voraussetzung und gottgewollter verbindlicher Rahmen für das Geschenk eines Kindes sind. Nichtsdestoweniger eröffnet er einen Blick auf die von Gott geschaffene Geschlechtlichkeit, die deren Adel erahnen lässt, auch wenn sie durch die Erbsünde – genau wie alle anderen Aspekte der menschlichen Natur – verletzt und erlösungsbedürftig geworden ist. Ein solches Verständnis der Geschlechtlichkeit trägt ebenso dazu bei, etwa Kleiderregeln und moralische Vorschriften von ihrem Wesen her besser zu verstehen und dann auch gerne zu akzeptieren.

Von der Natur der Sexualität – als Grundlegung zur Beurteilung der schulischen SE

„Wenn wir den durch die angebliche Sexualerziehung in der Schule den Seelen der Kinder zugefügten Schaden ermessen wollen – Schaden nicht nur vom sittlichen Gesichtspunkt aus, sondern auch von dem der Unversehrtheit des Menschen und der geistigen Gesundheit –, gilt es zunächst, die Natur der Sexualität selbst zu erfassen.“ „Dietrich von Hildebrand – Über die Natur der menschlichen Sexualität“ weiterlesen