„Don’t shake hands with Lucifer!“ – Eine Dieter Bohlen-Betrachtung zum ersten Fastensonntag

(TheCathwalk.netDieter Bohlen lehrt uns: Um dem Teufel zu widerstehen, muss man nicht verbissen sein. Im Himmel ist auch Platz für Playback-Harfen.

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Der Plot ist alt: Jemand zieht sich zur Reflexion an einen entlegenen Ort zurück und kämpft dort mit dem Teufel, der die Abgeschiedenheit nutzt, um „auf offener Flanke“ angreifen zu können. Das kulturgeschichtliche Vorbild aller Vorbilder ist auch hier Christus, der in der Wüste 40 Tage fastete und vom Teufel versucht wurde. Mit dem Unterschied freilich, dass Christus diese Versuchung von außen zulies, wohingegen die Wüstenväter und mancher Erimit nach ihnen mit Versuchungen konfrontiert wurden, die tatsächlich am Inneren dieser sündigen Menschen anknüpfen konnten.

Anfang der 1990er-Jahre machte sich auch Dieter Bohlen diesen großen abendländischen Topos zueigen. Mit seiner Band Blue System (das war die Bohlen – Formation zwischen den beiden Modern Talking-Ären) sang auch er von einem Duell mit dem Teufel. Wie im Evangelium des ersten Fastensonntags findet dieses Aufeinandertreffen ebenfalls an einem abgelegenen Ort statt:

In room 66 – the devil´s playing against me
At the end of the world – there’s a place called the hell
On flight number 9 – there’s smoke without fire

Im Gegensatz zum Evangelium wissen wir nicht, wie die Geschichte ausgeht – die eindringliche Warnung „Dont’t shake hands“ bleibt aber als Ohrwurm haften. Wir dürfen die Geschichte deshalb als persönlichen Anruf verstehen. Auch wir befinden uns noch in der Lebens-Wüste, wollen mit Christi Hilfe unseren persönlichen Versuchungen widerstehen. Der eindringliche Appell Dieter Bohlens kann uns in Situationen, in denen wir uns bewähren müssen, deshalb auch über die 40 Tage der Fastenzeit hinaus zu einem treuen Begleiter werden:

Don’t shake hands – oh baby don’t shake hands with lucifer
Take your chance – ´cause baby all dreams will be crucified
Oh oh – don’t play with lucifer
He catchs you if you fall

Hear the words from heaven
Don’t play with lucifer
Don’t you hear him call
Can’t you see his raven

Dieter Bohlen lehrt uns: Um dem Teufel zu widerstehen, muss man nicht verbissen sein. Oder gar mit unterdrücktem Ärger auf Gott, weil man eigentlich am liebsten doch sündigen würde, wie es nur allzu oft bei moralinsauren Sittenwächtern rüberkommt. Nein, unser „Don´t shake hands“ können wir auch freud- und lustvoll schmettern. Sollen wir sogar, siehe das Evangelium am Aschermittwoch: „Wenn ihr fastet, so macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler.“

Sie fragen sich jetzt: Ist dem Cathwalk nicht aufgefallen, dass der Bohlen in der Aufnahme aus der ZDF-Hitparade ziemlich überdreht hin und her hüpft? Dass er in weiten Teilen gar nicht ins Mikro singt? Dass er mit seiner E-Gitarre alles mögliche macht außer E-Gitarre spielen? Und das alles soll mich heiliger machen, dieses ganze Gehüpfe und Geschreibsel des Cathwalks dazu?

ANTWORT: Vielleicht sollten gerade Sie verstärkt über das Bibelwort der Narren um Christi willen nachdenken. Und desweiteren: Vielleicht einfach mal auch die einfachen Hilfsmittel annehmen, die uns der liebe Gott schenkt. Es gibt nicht nur Bach-Cantaten, es gibt eben auch wirksame Gedanken von Blue System & Co. Vielleicht sollten gerade Sie bei der nächsten Versuchung schlicht und eingängig intonieren: „Dont´s shake hands!“

Dieter Bohlen kann uns so eine Hilfe sein. Im Himmel ist auch Platz für Playback-Harfen.

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Das große Missverständnis der Romantik

von Marco F. Gallina

Mendelssohn_BartholdyWollte man die romantische Lyrik des beginnenden 19. Jahrhunderts zusammenfassen und ihr ein Gesicht geben, dann käme der junge Mendelssohn-Bartholdy dem recht nahe. Goethe lernte den Jungen bereits früh kennen, und glaubte darin ein neues Wunderkind vom Schlage Mozarts kennenzulernen. Bereits mit 15 Jahren (!) komponierte Mendelssohn seine erste Sinfonie, die in ihrer Vitalität, ihrem Ungestüm und purer Energie so einiges davonfegt, was man sonst aus der Romantik kennt. Da braust und stürmt ein Wind durch, wie man ihn vorher nur von Beethoven kannte, vereint mit mozartesquer Leichtigkeit und Heiterkeit.

Schon in den frühen Werken wird jener stürmische Geist deutlich, der sich in ihrer Ruhelosigkeit in Richtung Romantik aufmacht, und dasselbe rastlose Suchen aufweist wie die Sinfonien Beethovens, in denen man stets das Verlangen und den Kampf des Komponisten selbst fühlt; aber Mendelssohn kämpft nicht mit den Noten, er ringt nicht mit der Musik, sondern sie fließt ihm leicht aus der Feder auf das Papier, eben in jener Leichtigkeit, die Mozart auszeichnete. Mendelssohn steht damit einerseits an der Schwelle zwischen den beiden großen musikalischen Epochen, schafft einen individuellen Klang, und ist doch wieder ganz Sinnbild jener deutschen Romantik, mit der man den Vormärz, den Rhein, den deutschen Wald, Eichendorff und die Sehnsucht nach der Natur verbindet. Denn neben dieser aufbrausenden Romantik stehen auch die lyrischen, langsamen, besinnlichen – und rein-heiteren Momente (ohne Schwermut!), die man bei der späteren deutschen Romantik vergeblich sucht. Das Violinkonzert greift diese Elemente auf und vereint sie.

Weiterlesen „Das große Missverständnis der Romantik“

Den alten Meistern auf der Notenspur: Jeppe Nörgaard Jacobsen (2/2)

Ein Cathwalk-Interview in zwei Teilen von Hannes Kirmse

 

Im Teil 1 sprachen wir über den Klassischen Kanon der Musik, die Architektur der Antike, die Aufgabe der Kunst und Jeppe Nörgaard Jacobsens Verhältnis zur Kirche. Hier folgt nun der zweite Teil.

Tugenden und Laster

The Cathwalk: Gibt es so etwas wie eine katholische Kunst? Was macht Ihrer Auffassung nach eine katholische Kunst aus, wenn man denn von so einer sprechen kann?

Eine katholische Kunst ist eine Kunst, die in erster Linie danach strebt, so schön und edel wie nur möglich zu sein. Sie enthält keine niedrigen Elemente, sondern versucht, den Ausdruck der gottgegebenen schöpferischen Fähigkeiten der Menschen würdig wiederzugeben. Die weltliche Kunst, um jetzt irgendwo anzusetzen, muß da die christlichen Tugenden veranschaulichen, sei es nun auch in Bildhauerei, Malerei, der Poesie oder dem Theater. Oft veranschaulicht man am wirkungsvollsten eine Tugend durch die Darstellung des korrespondierenden Lasters. Dies geht natürlich nicht in der Bildhauerei, denn dann müßte man ja eine unschöne Skulptur erschaffen, aber sehr wohl etwa in Poesie und Theater, wo wir das sehr oft sehen. Denn was ist die Ilias anderes als eine Darstellung der Konsequenzen des Zornes von Achilleus und Agamemnon, der Entführung der Frau des Menelaos, usw.? Das Ilias-Epos gibt die Tugenden der griechischen Gesellschaft zu Zeiten Homers im achten Jahrhundert vor Christus wieder. – Wenn also heute eine klassische Kunst geschaffen wird, muß sie, um als katholisch zu gelten, die christlichen Tugenden aufgreifen.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen vor dem Mozartdenkmal mit dem Salzburger Dichter Maximilian von Kurz zum Thurn und Goldenstein bei einem Fernsehdreh und Aufführung eines neuen Streichquartetts 2015.

The Cathwalk: Welcher Zusammenhang besteht nun zwischen Ihrem eigenen Schaffen und dem katholischen Glauben?

Im höheren Sinne gesprochen: Ich habe mein Leben dem aufrichtigen Versuch gewidmet, einer Weiterführung der klassischen Kunst das Fundament zu legen. In den letzten zehn Jahren habe ich jede wache Stunde meines Lebens in diese langfristige Arbeit investiert. Ob ich damit erfolgreich sein werde, mögen dann andere beurteilen. Auf jeden Fall habe ich mein Bestes gegeben und alles eingesetzt und mehr kann man von einem Menschen wohl nicht verlangen. Viele haben unendliche Mühe geopfert, um dann letztlich nicht erfolgreich gewesen zu sein. Das kann bei uns allen zutreffen. Darum sollten wir uns fragen, ob die Sache, für die wir uns einsetzen, auch die Mühe wert ist. Die gründliche Gewissensprüfung, die darauf abzielt, seine gottgeschenkten Talente bestmöglich zu verwirklichen, ist da die Grundlage. Ist meine Arbeit nun die Mühe wert? Da denke ich, die Zukunft wird es zeigen.

Ich glaube, daß die klassische Tradition noch ein unendliches Potential hat…

The Cathwalk: Wie haben Sie Ihr eigenes künstlerisches Potential entdeckt und wie entwickeln sie es fort?

Bei mir war es umgekehrt: 10-jährig habe ich die klassische Musik entdeckt und war augenblicklich ergriffen. Vor allem waren da die Werke der großen Klassiker – in erster Linie Mozart. Da war es, als ob die Stimme Gottes zu mir sprach und ich weiß: Papst Benedikt XVI. und viele andere müßen als Kind das gleiche Erlebnis gehabt haben. Plötzlich aber hatte ich nach ein paar Jahren die gesamte klassische Produktion der größten Komponisten durchgearbeitet und mußte mir sagen: „Das kann doch wirklich nicht alles gewesen sein!“ Da mußte es mehr geben, aber es gab nichts. Ich hatte mich also auf die Suche nach Komponisten unserer jetzigen Epoche begeben, die die große klassische Tradition fortführten. Ich wurde maßlos enttäuscht. Abgesehen von den Werken der bedeutendsten Filmkomponisten, welche ich sehr achte, fand ich in der „Kunstmusik“ nicht ansatzweise etwas Vergleichbares. Die Musik eines Arvo Pärt hat sehr schöne Momente, dennoch muß sie doch als sehr blaß dastehen verglichen mit einer Symphonie eines Mozarts oder eines Beethovens. Ich glaube, daß die klassische Tradition noch ein unendliches Potential hat und so habe ich mich einfach auf den Weg begeben in der Hoffnung, irgendwie noch etwas beitragen zu können, ohne genau zu wissen, wohin dieser Weg mich führen würde. Ich wollte nicht partout als Komponist berühmt werden und will es auch weiterhin nicht. Viel mehr hoffe ich, mit meinem Opernfestival in Dänemark junge Talente zu entdecken, die auch die schöne Tradition der Klassiker in ihrem Schaffen fortführen wollen. Wenn dann einer etwa schöner musiziert, als ich es kann, wäre es für mich die größte Freude. Ich sehe die ganze Angelegenheit als eine Pflichtsache an, wo wir nicht uns selbst, sondern der Kunst dienen sollen. In diesem Sinne steht auch meine Arbeit mit zwei Herren aus Athen, eine neue klassisch illustrierte Edition der Ilias auf Altgriechisch mit Übersetzungen in fünf Sprachen zu schaffen. Der erste Teil ist bereits fertig und geht jetzt in den Druck.1

Die Kunst als eine höhere Sache

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Konzeptseite mit Illustration von Nikolaos Chantzes, aus dem ersten Band des Jacobsen‘schen Ilias, 2016.

The Cathwalk: Welchen Ratschlag würden Sie jungen Künstlern heute geben?

Vorrangig möchte ich einmal der Gesellschaft einen Ratschlag geben: Vielleicht sollte man in Österreich und Deutschland wieder etwas mehr Achtung für junge klassische Dichter und Musiker aufbringen, statt sie auszulachen und Gelder lieber für experimentelle Aktionskunst zu verschwenden. Denn von solcher Kunst bleibt nichts, aber die Poesie eines Homer oder eines Schiller wird auch noch in tausend Jahren Bestand haben. Davon bin ich überzeugt.

Zu den jungen Künstlern an sich: Erstens würde ich alle Menschen dazu aufrufen, sich ein grundlegendes Verständnis für die klassische, auch antike Kunst anzueignen, denn dieses gibt einer jeden Seele eine Tiefe und eine direkte Berührung mit dem Edelsten und Besten, das die Menschheit hervorzubringen imstande ist. Darüber hinaus möchte ich jedem jungen Menschen ans Herz legen, sich nicht selbst immer in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Kunst als eine höhere Sache zu betrachten, zu der wir nach bestem Vermögen beitragen können und der wir eher dienen sollen. Die Kunst soll nie dem eigenen Geltungsdrang oder der eigenen Ruhmsucht dienen, sondern der junge Künstler sollte seine eigenen Fähigkeiten einsetzen, wo er nur kann – um der höheren Sache willen. Wenn das Endergebnis schön ist, hat schließlich jeder, der dazu etwas beigetragen hat, auch Anteil an der Ehre des Ganzen. Auch der, der nur als Statist arbeitet oder der, der nur im Hintergrund dabei war, verdient Anerkennung, sofern er selbstlos und mit der Liebe zur Kunst das seinige beigetragen hat. Dessen sollten sich junge Künstler bewußt sein.

The Cathwalk: Wie arbeiten Sie persönlich? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich stehe um sechs Uhr in der Frühe auf und fange an zu arbeiten und wenn ich müde bin, gehe ich schlafen. Immersion, das Eintauchen in den Arbeitsrhytmus ist für mich da die Hauptdevise und ich glaube, daß diese Vorstellung, man müße viel Freizeit oder ein regelmäßiges Divertissement haben von Menschen kommt, die eine Sache berufsmäßig ausführen, ohne wirklich selbst daran zu glauben. Aber ohne ein Pflichtbewußtsein kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich glücklich fühlen kann – also, wenn man den Wert seiner täglichen Anstrengungen nicht in einem größeren Zusammenhang, in einer höheren Ordnung sehen kann.

The Cathwalk: Was sind die Hauptziele Ihres Schaffens?

Wir haben jetzt in Dänemark 2015 ein Opernfestival ins Leben gerufen, wo meine Oper „Der Sonnenkreis“ in einer neuen Fassung aufgeführt wurde. Es gab zahlreiche neukomponierte Stücke und Verbesserungen. Das Festspielhaus in der dänischen Stadt Skive wurde erst vor zehn Jahren gebaut und faßt über eintausend Personen. Dort gibt es ein enormes Potential, wirklichen einen Anlaufspunkt und einen sicheren Hafen für eine neue klassische Kunst zu schaffen. Wissen Sie, ich arbeite nun seit über zehn Jahre daran, ein solches Großprojekt zu verwirklichen. Aber in einer Zeit, wo es keine kunsttragende Gesellschaftsschicht wie zu Haydns Zeiten mehr gibt, die sich der Förderung einer klassischen Kunst verpflichtet sah, ist das eine fast unmögliche Aufgabe. Der Mensch will heute mit dem Geist seiner Epoche gehen und vor alle anderen Dinge sein persönliches Vergnügen setzen. Er ist eben nicht willig, irgendwelche Opfer für ein derartiges Projekt zu erbringen. Das heißt, daß die Kunst in der Gesellschaft heute eine immer geringere Priorität bekommt, es sei denn, mit ihr ist ein über die Maße hoher finanzieller Gewinn zu erwirtschaften. Meine Motivation aber bleibt wie Aristoteles sagt: „Der Zweck des Staates ist nicht das bloße und gute Zusammenleben, sondern gute und schöne Handlungen.“ Im heutigen Staate ist es unklar, wer denn genau für diese schönen Handlungen verantwortlich ist.

Der bloße Wille einiger weniger Künstler

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Der große Konzertsaal des Kulturzentrums in Skive, 2015. Auf der Bühne dirigiert Waku Nakazawa die Partitur der neukomponierten Ouvertüre zum zweiten Akt der Oper „Der Sonnenkreis“. Der Komponist lernte mit besonderer Dankbarkeit und Bewunderung die Arbeit des japanischen Dirigenten schätzen.

The Cathwalk: Wie beurteilen Sie da den Stand der Gegenwartskunst?

Nun ja, es werden Theater mit Subventionen aus dem Staatshaushalt bedacht, aber diese Theater werden dann allzu oft zu Inszenierungsplätzen für Regisseure und Intendanten, die hauptsächlich sich selbst inszenieren und nicht der Kunst dienen wollen. Das Problem kann gelöst werden, wenn man diesen korrumpierten öffentlichen Einrichtungen private Initiativen gegenüberstellt. Jemand wie ich ist dann also in der unmöglichen Situation, Künstler, Autor, Organisator, Publizist und „Fundraiser“ in einem sein zu müßen. Es ist klar, daß da das ein oder andere darunter zu leiden hat, wenn man alles gleichzeitig zu sein hat. Manchmal sind die privaten Verhältnisse dadurch ein Chaos, Projekte müßen auf Eis gelegt werden, bis andere Sachen geklärt sind. Es hängt alles zusammen, aber ein Projekt wie beispielsweise die neue Ilias-Edition beweist, daß mit viel Durchhaltevermögen ein anständiges Ergebnis geschaffen werden kann, auch wenn man zwischendurch am liebsten aufgeben würde. Wenn also ständig Menschen vielleicht mit aufrichtiger Begeisterung und mit wohlwollenden Versprechen sich engagieren wollen, dann aber, nicht liefern auf ihre Versprechen, weil ihnen die Sache dann doch nicht so wichtig erscheint, dann kann man sich vorstellen, wie das eine solche Arbeit erschweren kann. Dennoch habe ich selbst aber immer weitergemacht und dann etwa zu sehen, wie diese Bemühungen 2015 in Dänemark fruchteten, war für mich eine ganz besondere Freude. Wir haben damit bewiesen, daß es doch geht, ein solches Festival aus der Erde zu stampfen. Dafür ist hauptsächlich der bloße Wille einiger weniger Künstler, die völlig mittellos angefangen haben, verantwortlich. Ein weiteres Beispiel dafür ist auch das Opernfestival „Oper im Berg“ hier in Salzburg.2

Die ganze elektrisch aufgeladene Atmosphäre

The Cathwalk: Worum geht es bei „Oper im Berg“ genau?

Dieses Festival hat sich von einer Idee, einmalig das Lebenswerk des großen und sehr beliebten Tenors Luciano Pavarotti zu ehren, zu etwas viel Weiterreichendem entwickelt, nämlich nicht nur zu einem hochwertigen Opernfestival, sondern auch zu einer Schulungsstätte für junge Talente aus der ganzen Welt. Herr Ingo Kolonerics aus Salzburg hat da etwas sehr Wertvolles geschaffen. Er hat de facto eine Akademie für junge Gesangsstimmen gegründet, in der oft gänzlich mittellose Künstler die Möglichkeit erhalten, ihre extraordinären Talente, ihr künstlerisches Potential tatsächlich zu verwirklichen. Da hat immer nur die Fähigkeit eines Einzelnen die Rolle gespielt und darauf kommt es schließlich in der Kunst auch an. Denn was nützt es, wenn jemand hübsch aussieht und gut schauspielern kann, wenn am Ende das Ergebnis auf der Bühne den besten Intentionen der Komponisten und Autoren nicht entspricht? Die Stimmqualität ist das Alpha und Omega in der Oper und in aller gesungenen Musik. Damit steht und fällt die ganze elektrisch aufgeladene Atmosphäre, die bei wirklich hochwertigen musikalischen Aufführungen im Saal entstehen sollte.

The Cathwalk: Was sind Ihre damit verbundenen weiteren Pläne?

Das Ziel ist es, diese Arbeit in den kommenden Jahren in Dänemark, Deutschland und Österreich fortzusetzen. Es wird dabei zur Entstehung zehn neuer Opern und Oratorien kommen. Ich habe eine kolossale Sammlung an vollgeschriebenen Notenbögen im letzten Jahrzehnt angehäuft mit Musik für Opern, deren Textbücher nie fertig wurden. Gerade das Volk der „Dichter und Denker“ scheint da nicht mehr sehr viele Dichter und vielleicht auch nicht so viele Denker hervorzubringen. Für mich als Skandinavier, der achtzehnjährig nach Salzburg gekommen ist, um genau diese Tradition des Dichtens und Denkens ausfindig zu machen, ist es nicht ganz klar, wohin diese verschwunden ist. Cicero erklärt uns sehr richtig, daß Ehre die Künste nährt, und alle durch Ruhm zu Anstrengungen angespornt werden. Das hingegen liegt immer brach, was von den Nationen nicht gebilligt wird. Demnach entsteht in unserer Epoche kaum hochwertige Kunst, weil Dilettanterie gebilligt wird. Streben nach dem Edlen wird in unserer Epoche als hochtrabend angesehen, und Kunst degradiert folglich zu etwas, das unedel und ruhmlos ist, und in erster Linie unterhalten oder schockieren muß. Das Edle wird durch den Dreck gezogen, das Streben wird ausgelacht. Die gesamte westliche Zivilisation beruht aber auf solchem Streben, anfangend mit der Ilias. Für mich ist Deutschland ohne Dichter nicht der Rede wert. Wenn es also noch irgendwo einen Dichter gibt, der eine klassische Oper tatsächlich vollenden kann, und zu einer neubelebten klassischen Tradition mit Poesie beitragen kann, dann würden wir uns natürlich sehr freuen, wenn er sich bei uns melden würde. Bis dahin machen wir weiter, wie bisher.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen in Delphi am Fuße des Parnassos, in Verbindung mit seinem Ilias-Projekt, 2016.

The Cathwalk: Herr Jacobsen, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen für die Suche und darüber hinaus viel Erfolg und Gottes Segen!

Mit Jeppe Nörgaard Jacobsen sprach Hannes Kirmse  für The Cathwalk 

Den alten Meistern auf der Notenspur: Jeppe Nörgaard Jacobsen

Ein Interview in zwei Teilen von Hannes Kirmse

Daß Salzburg im Grunde die ideale Kulisse für ein eigenes künstlerisches Schaffen bildet, kam mir in den Sinn, als ich mich auf dem Weg zu Jeppe Nörgaard Jacobsen, einem dänisch-österreichischen Komponisten befand, der eben jene Residenzstadt zu seiner geistigen Heimat erklärt hat. Das Haus seiner Ahnen in Wien steht nicht mehr. Ich durfte eine Künstlernatur kennenlernen, die um der Kunst willen keine Kompromisse duldet. Da konnte ich erfahren, wie jemand einen aufrichtigen Versuch unternimmt, dieser pittoresken Salzburg-Kulisse zwischen Erich Kästners „Kleinem Grenzverkehr“ und touristischer Mozart-Verehrung, ein neues Leben im Geiste der Klassik einzuhauchen. So durfte ich ihn und einen Dichter Salzburgs, Maximilian von Kurz zum Thurn und Goldenstein an einem Novemberabend kennenlernen. Es wäre allerdings dem Verständnis des nachstehenden Gespräches abträglich, wenn man die allgemeinen Lebensdaten Jacobsen außer Acht ließe. Er wurde 1988 in Dänemark geboren und entschied sich für ein Studium der Komposition am Mozarteum in Salzburg. Um seine künstlerische Begabung zu weiten, setzte er mit Studien der Kunstgeschichte und der Philosophie an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg fort. Aktuell beschäftigt er sich mit einer neuen, illustrierten Gesamtausgabe der Ilias (inklusive der ersten originaltreuen Audioaufnahme des Altgriechischen – ein Novum!), sowie deren Übersetzungen in fünf moderne Sprachen. Der  erster Band erscheint in Kürze.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen in Delphi am Fuße des Parnassos, in Verbindung mit seinem Ilias-Projekt, 2016.

The Cathwalk: Gibt es einen Kanon an klassischer Musik? Wenn ja, wie sähe dieser aus? Was muß ein Komponist vorweisen, um als »klassisch« zu gelten bzw. um in der klassischen Tradition zu stehen?

Jeppe Nörgaard Jacobsen: Es gibt einen solchen Kanon, und er ist allegorisch vergleichbar mit dem Kanon an klassischer Architektur, der streng genommen zwischen 700 vor Christus und 500 nach Christus entstand. Nur entstand die klassische musikalische Tradition zwischen 1770 und 1825 – man nennt sie in leicht mißverstanden im Volksmund auch Wienerklassik – also durch etwa 55 Jahre, kontrastiert mit 1200 Jahren im Falle der Architektur. Gemeinsame Merkmale sind in erster Linie Klarheit in Orchestrierung, Klangsprache und Struktur, Gleichgewicht zwischen den einzelnen Strukturkomponenten auch im Verhältnis zum Ganzen, Ökonomie und Standardisierung der Ornamentik. Man kann das Tempo als das Fundament der Musik betrachten, die Orchestrierung sollte frisch, poliert und farbenmäßig gesättigt sein wie die Marmorkomponenten des Tempels, die Klangsprache darf aber weder zu viele Dissonanzen oder Klangwechsel aufweisen sodaß die musikalische Linie beeinträchtigt wird, aber auch nicht zu viele Consonanzen, damit die musikalische Fläche und Linie banal erklingen oder stagnieren. Die erhabene Ruhe und Ergriffenheit, die wir beim Betreten eines wahrhaft klassischen Gebäudes verspüren, sollte auch der gefühlsmäßige Gesamteindruck einer klassischen Musik sein.

Die Ornamentik sollte sparsam eingesetzt werden um das Gleichgewicht zu justieren wo es billig erscheint, oder um die Linie zu bereichern. Das Hauptziel muß sein, eine klare Melodie und dazugehörige Stimmführung mit regelmäßigen aber nicht zu häufigen Abwechslungen zu einem balancierten Ganzen zu vereinen. Das gilt bei kleinen Stücken genauso wie bei größeren Werken, wobei das klassische Charakteristikum bei den größeren Werken immer die abgeglichene klare Einteilung in kleineren, miteinander abgestimmten Sätzen ist. Das sind im Grunde die hauptsächlichen Charakteristika der Klassik in der Musik. Wenn man andere Ideale verfolgt, schafft man eine andere Art von Musik, die schön sein kann, aber eben etwas Anderes ist, also nicht klassisch.

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Der Komponist beim Erforschen neuer musikalischen Welten, hier in Mozarts Arbeitszimmer in Villa Bertramka, Prag, 2016.

The Cathwalk: Ist die Architektur der Antike, die Sie zum Vergleich genommen haben, auch eine Inspirationsquelle für Sie?

Am meisten inspirieren mich die Rekonstruktionen, wenn sie gut gemacht sind. Das gilt genauso für die Skulpturen. Ruinen können schön sein, aber wir haben hier jene antike Zivilisation, welche Geschichtsschreibung, Mathematik, Staatsphilosophie, Naturwissenschaft, hochavancierte Technologie – denken Sie an den Antikythera Mechanismus – und Demokratie, und tausend andere Sachen erfunden hat. Sie werden sich etwas gedacht haben bei ihrer Architektur und Kunst. Das kann man nur spüren, wenn man das ganze Ensemble so erlebt, wie es von den Architekten und Künstlern gedacht war. Wer in Athen vor der Fassade des Akademiegebäudes steht, begreift mehr von der antiken Welt als in einhundert Museumsbesuchen. Ab 1447, wo der Architekt Alberti in Rimini wieder ein christlicher Tempel nach klassischen Prinzipien errichtete, entstand im Westen Europas nur sechs Jahre vor dem Fall des oströmischen Reiches die klassische Architektur neu. Die Renaissance ist in Wirklichkeit nur der Anfang der organischen Fortsetzung der Antike. Wenn man sich die Meisterwerke der folgenden fünf Jahrhunderten anschaut, von der Petrusbasilika in Rom bis Schinkel und Klenze bei Ihnen in Deutschland, oder mein doppelter Landsmann Theophilos von Hansen in Wien, dann kann man sich vorstellen, was für ein riesiges Potential die klassische musikalische Tradition noch hat. Ich glaube es gibt noch rund 1145 gute Jahre, bis man mit dem klassischen Kanon in der Musik fertig ist. Für mich sind Palestrina, Bach, Händel, Mozart, Beethoven in der Musik das, was Theodoros, Chersiphron, Metagenes, Kallikrates und Kallimachos in der Architektur waren. An diejenigen die meinen, die klassische Tradition sei schon nach Beethoven erschöpft und nicht mehr relevant für junge Komponisten heute, kann ich nur sagen: Das hätte man dem Kallimachos und seinen Nachfolgern doch sagen sollen im 5. Jahrhundert! Dann hätten wir heute weder Dionysostheater noch Triumphbögen, noch Colosseum, noch Kelsosbibliothek, noch Pantheon. Solche Ignoranz verdient es nicht einmal, kommentiert zu werden.

Das Produkt einer gründlichen klassischen Bildung

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In Dänemark entstand 2015 das „Skive Opera Festval“, wo vor über 900 Zuschauern eine neue Fassung der Oper „Der Sonnenkreis“ uraufgeführt wurde. Hier bei einer Besprechung mit Festvalintendant und Librettist Ingo Kolonerics.

The Cathwalk: Welche Aufgabe sehen Sie in der Kunst?

Für mich hat die Kunst in erster Linie einen erzieherischen Charakter. Das war schon im alten Griechenland so: Die Musik formt den Mensch. Cicero etwa erklärt uns deutlich, welchen Stellenwert die Musik bei den Griechen hatte – „in Graecia musici floruerunt“, es blühten in Griechenland die Musiker, alle studierten Musik, und wer die Kunst der Musik nicht verstand und achtete, wurde in der Öffentlichkeit als ein grober und ungebildeter Mensch angesehen. – Für mich ist der Beitrag der Kunst zur Gesellschaft an dem Maßstab zu messen, welchen direkten Einfluß sie auf den Menschen hat. Nehmen wir das Theater. Es entwickelte sich von Chorgesängen im achten Jahrhundert vor Christus zu jener großen Kunstform, die dann in den großen Tragikern gipfelte. Es veranschaulicht auf der Bühne das Schicksal der Menschen und lädt ein zur Betrachtung über die Konsequenzen der menschlichen Handlungen für den Einzelnen, wie für die ihn umgebende Gesellschaft und letztlich auch für den Staat. Diese hochentwickelte Form des Theaters ist eine rein europäische Erfindung und gehört zu den höchsten Errungenschaften der Griechen. Ich hatte selbst vor einigen Monaten die Möglichkeit, die älteste erhaltene musikalische Komposition in Delphi zu betrachten, und in Athen die Bühne zu betreten, wo diese Tradition wirklich entstand.

The Cathwalk: Wie können wir in der heutigen Zeit diese hohe Errungenschaft noch spüren?

Man muß da in erster Linie an die Kirche denken. Sie wurde zum Erbträger dessen, was nun allmählich das Abendland genannt wird – ein Begriff, der heute so oft schlecht verstanden wird. Die Kirche trägt bis in unsere heutige Epoche fast sämtliche Grundelemente der westlichen Zivilisation, in erster Linie eine Tugendlehre, die schon von den griechischen und römischen Philosophen intensiv untersucht wurde. Aus der Sicht des christlichen, katholischen Menschen ist das Neue Testament die Vervollkommnung dieser Untersuchungen. Selbst der Heilige Johannes Chrysostomos, so oft er gegen die heidnischen Unterhaltungsstätten seiner Zeit wetterte, weil dort Prostituierte die Männer verführten und so die Familien auseinanderrissen, ist doch wie alle Kirchenväter das Produkt einer gründlichen klassischen Bildung. Was die katholische Kirche in Bezug auf die abendländische Bildung leistete, ist nichts weniger als die vollkommene Erhaltung der intellektuellen, lebendigen Tradition der Antike. Die Kirche hat die antike Kultur getauft.

The Cathwalk: Bleiben wir bei der Kirche. Was bewegt Sie da besonders heute?

Es gibt viele Herausforderungen, aber ich bin sehr optimistisch, und betrachte die vielen Kirchenaustritte als eine notwendige Phase, durch die wir durch müßen. Es ist zugleich eine Möglichkeit, das auszusortieren, was der Kirche schadet. Das Motu proprio Summorum Pontificum von Benedikt XVI hat in diesem Zusammenhang einen besonderen Stellenwert. In meinen Augen kann man das gar nicht hoch genug schätzen. Es hat für mich einen historischen Stellenwert. Ich glaube, daß man in zweihundert Jahren zurückblicken wird, und sagen wird: „Das War Benedikt XVI! Er hat erkannt, daß mit der Liturgiereform etwas verändert wurde, was man nicht hätte verändern sollen. Er gab uns die Messe aller Zeiten zurück.“ Am Ende wird eine stärkere Kirche dadurch zurückbleiben. Jesus sprach von zwei Geboten, die für Christen über alle anderen stehen sollten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Vielerorts wird heute die Messe ohne Würde gefeiert, man wendet sich gegen das „Hochtrabende“, gegen das „Pompöse“. Aber wann ist Pracht jemals angebrachter, als bei der Feier der heiligen Messe? Geht es hier nicht um den Schöpfer des Universums, um den Erlöser der Menschheit? Wenn wir wirklich Gott über alles lieben, dann müßen wir die Messe mit größtmöglicher Majestät oder Würde gestalten. Mag die Gemeinde auch aus Bettlern bestehen, das Beste und das Schönste an Kunst und Musik, was sie zu schaffen vermag, muß für Gott her. Wir haben im vergangenen Jahrhundert gesehen, was passiert, wenn der Mensch sich über Gott stellt, und sich selbst versucht, zum Gott zu machen. Versuche, die Kirche „zu erneuern“, anzupassen mit Alltagssprache und Alltagskleidung und Alltagskunst und Alltagsmusik, führen zum Untergang der Kirche überall, wo man sie findet. Unser Zufluchtsort in dieser Zeit, wo rund um uns herum die Säulen der von desperat anpassenden, sich dem Zeitgeist scharenweise unterwerfenden Priestern und Bischöfen geführten Tempel zusammenstürzen, und wo die Millionen der ausgetretenen Katholiken ziellos durch Chaos tasten, ist die Messe aller Zeiten. Das hat uns Benedikt XVI gegeben, wie ein kleiner Schatz überfüllt mit unzähligen größeren Schätzen, und wir müßen all das demütig und ohne Selbstgerechtigkeit tragen, und schützen, bis die Epoche der Verwirrung vorbei ist und wieder bessere Zeiten kommen.

The Cathwalk: Wie sieht Ihr persönliches Verhältnis zur Kirche aus?

Nach meiner Konversion vor gut 10 Jahren hier in Salzburg fand ich meine Heimat innerhalb der Kirche bei St. Sebastian, wo Mozart so oft zur Messe ging und auf der Orgel spielte und wo seine Ehefrau und sein Vater begraben liegen. Was dort die Priesterbruderschaft St. Petrus leistet, ist etwas ganz Besonderes. Nirgends fand ich eine wärmere Aufnahme und einen für mich würdigeren Ausdruck dieser über tausendjährigen Tradition. – Die Kirche vereinigt ja in sich auch die wertvollen Leistungen der griechischen Kirche, die noch in der Epoche des sogenannten „dunklen Mittelalters“ in Westeuropa die großen Dichter und Denker von Hellas lebendig hielt, und zwar nicht nur durch das erste Jahrtausend, sondern auch nach der Trennung von Rom und Byzanz. Kardinal Bessarion brachte wie so viele byzantinische Geistliche seiner Zeit kurz vor dem Fall Konstantinopels ungeheure Schätze in Form von Wissen und Manuskripten nach Venedig und Rom. Was ich also höre, wenn ich sonntags in die „Alte Messe“ gehe, ist nicht nur eine für mich aus der geistlichen Perspektive höchstheilige Überlieferung, sondern auch wahrlich die lebendige Geschichte und Tradition des ganzen Kontinents Europa. Wir finden da eine ungebrochene Überlieferung in Form von Ritual, Musik und Sprache, und so ist es, als würde die Ära der Kirchenväter und der griechischen und römischen Denker jedes Mal aufs Neue lebendig zu uns sprechen. Überall begegnet man der Antike nur in Form von Ruinen oder Fragmenten im Museum. Die meisten Menschen sind sich dessen gar nicht bewußt, daß die Geistlichen in der Kirche um die Ecke beim Schreiben ihrer Predigten regelmäßig auf griechische und lateinische Originaltexte aus der Antike Rekurs nehmen, um die Bedeutung der Schriftstellen für die Christen heute zu erklären. Das gilt zumindest so gut wie überall, wo nach der alten Form des Römischen Ritus gefeiert wird, wo die griechische und lateinische Sprache auch wirklich lebt. Eine Tradition von zweitausend Jahren ist erst dann wirklich lebendig, wenn die Weisheit und Reflexionen eines Clemens oder eines Gregorios noch 1800 Jahre nach ihrer Entstehung die Menschen beeinflussen in ihrem Verständnis der Welt aus christlicher Perspektive, in unserer Epoche. Nur wer die Geschichte der katholischen Kirche begreift, kann verstehen, wie unaufgeklärt die Behauptungen sind, die heute vor allem von Jugendlichen zu leicht geglaubt werden, daß etwa die Kirche ein großes Hindernis für die Entwicklung der Wissenschaft oder Zivilisation in Europa gewesen wäre. Es ist natürlich leicht, das alles jemandem einzubilden, der in der Schule kein Wort Latein oder Griechisch gelernt hat, weil das für „nicht relevant“ gehalten wurde. Aber man braucht nicht mehr als die Oberfläche anzukratzen, bevor das ganze Konstrukt zusammenstürzt, und die Wahrheit hervorscheint. Man schaue sich beispielsweise nur die wissenschaftliche Arbeit der Architekten der Hagia Sophia Kathedrale an, zu der nichts weniger als die Überlieferung und Zusammenstellung zentraler Schriften des Archimedes zählt, dem genialsten Mathematiker und Erfinder der Antike. Eintausend Jahre später wurden sie von Galilei und Kopernikus gelesen. Galilei zitiert und erwähnt Archimedes über einhundert Mal, und Kopernikus, dessen Hauptwerk dem Papst gewidmet war, erfuhr von dem Heliozentrischen Weltbild aus griechischen Quellen. Im 9. Jahrhundert ließ der Erzbischof von Thessalonike die einzige Kopie der „Sandrechnung“ schreiben, die nicht verloren ging, ohne dieses Manuskript wüßten wir nicht, daß Aristarchos die heliozentrische Theorie dreihundert Jahre vor Christus entdeckt hatte. Da muß man auch nicht gläubig sein, um den Wert davon zu verstehen.

The Cathwalk: Welchen Platz nimmt der Glaube generell in Ihrem Leben ein?

Die katholische Religion steht vor allen anderen Dingen. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme an seiner Seele Schaden? (Markus 8,36) Man muß die Menschen lieben und so gut behandeln, wie man kann, und man muß immer ehrlich sein, auch wenn es einem schadet! Ich fragte mich immer, wie Menschen gut schlafen können, die Unwahrheiten sagen, und ich glaube, daß wenn man nicht eine strikte Ablehnung eines jeglichen Mitmachens bei Intrigen und dergleichen bewußt für sich selber einhält, daß es sich dann irgendwann rächt. Wie Jesus sagt, die Wahrheit wird uns befreien (Johannes 8,32). Als Kind hat es mich sehr geprägt, was in der Offenbarung des Johannes steht, was mit denen passieren soll, die Unwahrheiten sprechen, und das ist mir immer bewußt gewesen schon seitdem wir sonntags in Dänemark in der Kirche im Chor sangen. Bachkantaten und Mozart und Palestrina, erste Berührungen mit dem Latein, das war auch in dieser Zeit. Und ich merkte es später dann, als ich mit fünfzehn Jahren die Orgel bei den Gottesdiensten spielte, daß irgendetwas nicht stimmt in der protestantischen Kirche. Da wurde aus der Heiligen Schrift vorgelesen, aber gepredigt wurden ganz andere Dinge, als die von Jesus erwähnten. Es stellte sich dann heraus, daß man nicht in der Kirche von den unbequemen Stellen sprach, weil dann die Menschen alle fernblieben vom Gottesdienst. Da dachte ich an das Ende des neuen Testaments, wo geschrieben steht, was passiert wenn wir etwas entfernen oder dazudichten. Ich denke auch, daß die Integrität dadurch geschützt wurde historisch, persönlich nehme ich die Stelle sehr ernst, auch im weiteren Sinne. Im folgenden Jahr waren wir dann in Rom mit dem Jahrgang im Gymnasium, ich war sechzehn und wollte das Römische Reich entdecken. Plötzlich waren wir dann in der Petrusbasilika und alles war anders.

Ich sah mit einmal die ganze Welt wie mit neuen Augen. Ich dachte mir „Das konnten wir im 16. Jahrhundert bauen? Welch ein Zeugnis für die schaffende Kraft des Menschengeschlechts! Welch ein Zeugnis für das menschliche Genie, für die Fähigkeiten, die Gott den Menschen gab. Was ist das für ein Glauben, der Menschen dazu treibt, wegen eines gekreuzigten Juden einen solchen Tempel zu errichten? Wenn das erste große Gebot jemals in Kunst ausgedrückt wurde, dann hier.“ Oft höre ich die Menschen sagen, es zeige doch alles die Dekadenz und Verschwendung der katholischen Kirche. Aber kein Mensch wohnt ja dort, jeder Stein und jede goldene Verzierung dient einzig der Verherrlichung Gottes, des Allschöpfers. Dort wirft sich selbst der Papst vor dem Altar zu Boden, jedes Jahr am Karfreitag. Und um mich herum waren Menschen aus aller Welt, und sie knieten nieder und schauten mit Hoffnung auf das Kreuz, sie hatten ihre Kinder mit Lähmungen neben sich, und es war wie eine Festung, wo nichts Böses zu ihnen durchdringen konnte. Ich stand lange vor der Pietà des Michelangelo. Ein unaussprechliches Meisterwerk! Mir lief im Kopf vor dem inneren Ohr das Crucifixus aus Mozarts Missa Longa. Er hatte es mit zwanzig Jahren geschaffen, Michelangelo war vierundzwanzig Jahre gewesen. Da war es schon passiert.

Fortsetzung folgt.

Mit Jeppe Nörgaard Jacobsen sprach Hannes Kirmse  für The Cathwalk

Warum George Michael MEHR als „der Sänger von Last Christmas“ war

Ein Nachruf von Stefan Ahrens

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George Michael (1963-2016)

Vor ziemlich genau vier Wochen veröffentlichte The Cathwalk freundlicherweise einen Artikel von mir – und das passend zur alljährlichen Advents- und Glühweinstandzeit: „Warum Last Christmas KEIN Weihnachtslied ist!

In diesem Artikel versuchte ich – durchaus mit spitzer Feder, aber vielleicht nicht ganz grundlos – aufzuzeigen, warum ich diesen polarisierenden Wham!-Dauerbrenner und Longseller weder für kein klassisches Weihnachts- beziehungsweise Winterlied noch für ein textlich immer geschmackssicheres Stück halte.

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Warum „Last Christmas“ KEIN Weihnachtslied ist!

Von Stefan Ahrens

(Wham!: „Last Christmas“- Originalvideo)

Kein Glühweinstand, kein Shoppingcenter, kein Radio und erst recht keine Ohrmuschel ist Jahr für Jahr im Advent vor “Last Christmas“ sicher. Für viele gehört der von George Michael geschriebene und vom britischen Pop-Duo „Wham!“ 1984 erstmals veröffentlichte Song in der Vorweihnachtszeit einfach dazu, für andere stellt er einen klaren Verstoß gegen die Antifolterkonvention der Vereinten Nationen dar.

Auf den Punkt gebracht: Last Christmas ist sowohl der meist geliebte und gleichzeitig meist gehasste „Weihnachtssong“ aller Zeiten – und einer der erfolgreichsten und meistgecoverten obendrein. Jahr für Jahr veröffentlichen George Michael und sein früherer Wham!-Partner Andrew Ridgeley rechtzeitig zum Jahresende den Dauerbrenner neu, alleine in Deutschland verbrachte der Song insgesamt bereits rund 120 Wochen in den Single-Charts – und kam 1997(!) sogar bis auf Platz 4. Seit der Erstveröffentlichung ist fast immer ein Platz unter den Top 20, wenn nicht gar den Top 10, drin – und Schätzungen zufolge bringen George Michael die Rechte an Last Christmas jährlich insgesamt sage und schreibe acht Millionen (!) Euro ein.

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80´s Pop Thatcherism in Vollendung: Andrew Ridgeley und George Michael von „Wham!“

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50 Jahre „Good Vibrations“ (The Beach Boys): Goodbye Surfing, Hello God

von Stefan Ahrens

good_vibrations_singleWer schon 1966 regelmäßig Radio gehört hat, wird vermutlich unzweifelhaft einen eklatanten Unterschied zu heutigen Zeiten feststellen können: Denn wenn 2016 im Radio die Nachrichten aufregend sind und die Musik eher langweilig ist, so war es vor 50 Jahren noch genau umgekehrt.

Wie es sich wohl angefühlt haben muss, die jeweils „neueste“ Single der Beatles, Rolling Stones oder Bob Dylan zu hören? Und wie muss es wohl für damalige Hörgewohnheiten erst gewesen sein, zum allerersten Mal das Popmeisterwerk „Good Vibrations“ von den „Beach Boys“ zu Gehör zu bekommen – einen Song, der im Gegensatz zum sonst üblichen „Strophe-Refrain-Strophe“-Popsongprinzip aus mehreren „Sections“ (Fragmenten) bestand und sowohl die Beatles beeinflussen als auch die gesamte Musikproduktion nachhaltig revolutionieren sollte.

Heute vor genau 50 Jahren wurde „Good Vibrations“ am 10. Oktober 1966 veröffentlicht.

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Dignare me laudare te, Virgo sacrata

Eine Buchbesprechung von Christoph Matthias Hagen

Freunde des Gregorianischen Chorals, besonders solche, die selbst in einer Schola singen, werden mit dem Buch, auf das ich heute hinweisen möchte, viel Freude haben. Kenner der Geschichte der Choralforschung sind mit dem Namen P. Joseph Pothier OSB (1835-1923) wohlvertraut. Der amerikanische Theologieprofessor, Kirchenmusiker und Komponist Peter Kwasniewski hat das Verdienst, Pothiers Sammlung Cantus Mariales in einer schönen Faksimileausgabe neu zugänglich gemacht zu haben.

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Links die Originalausgabe (1903), rechts daneben die Faksimile Ausgabe (2016)

Viele Scholen und Chöre, die sich der Pflege der Gregorianik verschrieben haben, klagen, ihnen stünden relativ wenige Gesänge zu Ehren Mariens zur Verfügung. Freilich gibt es die berühmten marianischen Antiphonen, die dem Gang des Kirchenjahres zugeordnet sind, die bekannteste sicher das Salve Regina, doch gregorianische Gesänge, die sozusagen detaillierter und damit abwechslungsreicher auf die zahlreichen Marienfeste des liturgischen Kalenders abgestimmt sind, sind wirklich eher selten. Das gleiche gilt für Mariengesänge, die ad libitum in liturgische Feiern eingewoben werden können, etwa, nachdem der Offertoriumsvers gesungen ist, die Zurüstung des Altares und der Gaben aber noch andauert.

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Judith triumphans – oder was vom Sieg gegen die Türken bei Korfu vor 300 Jahren bleibt

Die Belagerung von Korfu vor 300 Jahren lebt heute musikalisch weiter. In der Form eines christlichen Oratoriums verewigt Venedigs berühmtester Komponist den Sieg seiner Heimat über die Türken. Juditha triumphans ist Vivaldis Vermächtnis einer christlichen Republik, die weniger durch ihr Militär, als durch ihren Kunstsinn als Mythos fortbesteht.

von Marco F. Gallina

Die Morea ist ein unwirtliches Land. Raue Felsen wechseln sich mit Schluchten ab. Wälder sind selten. Ruinen längst vergangener Größe spenden Schatten in der Sonne, die das Gras goldbraun färbt. Das Inland zeichnen verstreute Dörfer, nur an den Küsten verbinden Hafenstädte diese Region mit dem Rest der Welt. Hirten treiben ihre Herden an antiken Denkmälern vorbei; sonst sind einzig die gewaltigen Festungen von Modoni, Korone und Napoli di Romagna mit ihren trotzigen Steinwänden Zeugnisse menschlicher Zivilisation.

Eigentlich heißt Napoli di Romagna Nafplion. Modoni und Corone, die als gegenüberliegende Festungen auf einer Landzunge liegen, werden von den Einheimischen Methoni und Koroni genannt. Morea, das ist im Mittelalter und der Frühen Neuzeit der Name jener griechischen Halbinsel, die in der Antike Peloponnes hieß. Doch von den Poleis des klassischen Altertums, von Sparta, Korinth oder Argos ist ebenso wenig übrig wie von dem legendären Arkadien, das im Zentrum des Landes einst als diesseitiges Elysium galt. Im 18. Jahrhundert ist jene Wiege der hellenischen Welt eine europäische Randregion – und umkämpft. Hier grenzen die Republik Venedig und das Reich der Osmanen am Isthmus von Korinth aneinander.

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Beethovens Credo

von Marco F. Gallina

beethoven-missa_solemnis.._karl_boehm._berliner_philhLudwig van Beethovens Verhältnis zur Religion ist ein endloses Thema. Gesichert ist: der Komponist stand der Amtskirche äußerst skeptisch gegenüber. Kirchgänge sind so gut wie keine verbürgt. Eine Anekdote erzählt, noch auf seinem Sterbebett hätte Beethoven nach Erhalt des Sterbesakraments ironisch applaudiert – und verwies damit auf Kaiser Augustus‘ berühmtes „Plaudite amici, comedia finita est!“ Mittlerweile konnte diese Erzählung zwar widerlegt werden,* aber sie entspricht dem Bild, das bezüglich des Meisters der großen europäischen Sinfonien kursierte. Josef Haydn, praktizierender Katholik und eifriger Rosenkranzbeter sollte seinen talentiertesten Schüler gar einen „Atheisten“ schimpfen.

Der maßgebliche Punkt bei Beethovens Ansichten ist sein von aufgeklärten und demokratischen Idealen geprägtes Weltbild. Weniger die Kirche als solche, als prinzipiell jede Art von Autorität waren ihm zuwider – seine adligen Gönner und Bekannten hatten darunter im Übrigen weitaus mehr zu leiden als der Klerus. Gleichzeitig hatten Fürsten wie Bischöfe aber keinerlei Berührungsängste mit dem Freigeist; Künstlerfreiheit war damals noch ein unausgesprochenes Privileg, das man (noch) nicht wegen falscher politischer Gesinnung verlor. Für grandiose Musik nahm man auch die eine oder andere Marotte in Kauf.

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Kirchenmusik als Klanggewand der Liturgie

von Christoph Matthias Hagen

Gleich eingangs möchte ich die folgenden Gedankengänge als einen assoziativen Impuls bezeichnen, der folglich nicht erschöpfend zu sein beansprucht und auch nicht eine vollentfaltete Theorie oder gar Theologie der Kirchenmusik vorlegen möchte. Der skizzenhafte Charakter dieses Beitrags ist also gewissermaßen unabgeschlossen offen und kann vielleicht gerade dadurch das Weiterdenken, auch das Weiterfühlen und -empfinden über und von Musik in Kirche und Gottesdienst beim Leser anregen und stimulieren.

In der Überschrift habe ich den Ausdruck „Klanggewand“ der Liturgie verwandt und damit eine Begrifflichkeit Johannes Laas‘ aufgenommen, dessen Arbeiten zur Theorie und Praxis der Kirchenmusik, insbesondere in ihrer Beziehung zur überlieferten Gestalt Römischer Liturgie, meinen Überlegungen nicht unwesentlich im Hintergrund stehen und auf die ich empfehlend verweisen möchte, falls meine Anstöße ein weiterführendes Interesse wecken sollten.

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Das Bild zeigt den Blick auf das Hauptwerk der Hill-Orgel in der Berliner St.-Afra-Kirche. Sie wurde in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts von William Hill (1789–1871) erbaut und stand bis 2011 im mittel-englischen Burton-upon-Trent, wo sie vom Institut St. Philipp Neri erworben wurde.

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Das Exsultet – Gregorianik vom Feinsten

Das Exsultet, welches das Erlösungsgeheimnis der Auferstehung Jesu Christi besingt,  gehört zu den ältesten und schönsten Texten des römischen Messbuchs. Es hat seinen genuinen Platz in der Osternacht, der Mutter aller Vigilien und dem ältesten und wichtigsten Fest der Christenheit.

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