Gedicht zum Sonntag – „Stets kommt zu seinem Leben der Vater allen Lichts“

„Morgenlied“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Die Sterne sind erblichen
mit ihrem güldnen Schein;
bald ist die Nacht entwichen,
der Morgen dringt herein.

Noch waltet tiefes Schweigen
im Tal und überall;
auf frisch betauten Zweigen
singt nur die Nachtigall.

Sie singet Lob und Ehre
dem hohen Herrn der Welt,
der überm Land der Meere
die Hand des Segens hält.

Es hat die Nacht vertrieben;
ihr Kindlein fürchtet nichts!
Stets kommt zu seinem Leben
der Vater allen Lichts.

hoffmann_von_fallerslebenAugust Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) wurde am 2. April 1798 in Fallersleben in der Nähe von Braunschweig geboren. Nach dem Abitur begann Hoffmann ein Studium der Theologie, dann der Germanistik und deutschen Philologie in Göttingen. 1821 nahm er ihn Berlin eine Stelle als Bibliothekar an; 1823 folgte eine Anstellung als Kustos der Zentral-Bibliothek in Breslau. 1830 wurde er außerordentlicher Professor in Breslau und habilitierte sich 1835 zum ordentlichen Professor der deutschen Sprache und Literatur. Nachdem Hoffmann wegen seiner liberalen Haltung aus dem Staatsdienst entlassen worden war, begab er sich auf Reisen. Von 1860 bis zu seinem Tod war er als Bibliothekar des Herzogs von Ratibor zu Corvey tätig. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben starb am 19. Januar 1874.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org

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Gedicht zum Sonntag – Omnia vincit amor

„Die Liebe“ von Matthias Claudius (1740-1815)

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel,
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich.

portrait_claudiusMatthias Claudius (1740-1815) wurde am 15. August 1740 in Reinfeld in Holstein geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule in Plön studierte er zunächst Theologie in Jena, wechselte dann zum Fach Rechtswissenschaften. Ab 1768 war er als Journalist tätig. 1772 heiratete Claudius; aus der Ehe gingen zwölf Kinder hervor. Die Familie lebte in Wandsbeck. Zwischen 1775 und 1812 veröffentlichte er zahlreiche Texte und Gedichte. Ein freundschaftliches Verhältnis verband Claudius mit Johann Gottfried Herder (1733-1803). Während einer Reise nach Kopenhagen 1764/1765 lernte er Friedrich Gottfried Klopstock (1724-1803) kennen, dessen Schaffen tiefen Eindruck auf den Schriftsteller hinterließ.

Matthias Claudius starb am 21. Januar 1815 in Hamburg, wohin er vor den französischen Truppen geflohen war. Er wurde in Wandsbeck bestattet. Er gilt als bedeutender Vertreter der Empfindsamkeit.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org

Gedicht zum Sonntag – „Ich sah das Dunkel schon von ferne kommen“

„Verdammnis 1933“ (23. Mai 1933) von Max Herrmann-Neiße (1886-1941)

Ich sah das Dunkel schon von ferne kommen,
als das Gebirg noch schimmernd sichtbar blieb,
und bangte mich und wartete beklommen,
daß Gott uns aus dem Paradies vertrieb.

Noch lag der See in friedlichem Verweilen,
verliebt nur streichelte ihn leis der Wind,
die Boote schaukelten sich an den Seilen,
und Möwen kreisten spielerisch geschwind.

Ich aber konnte aus den Vogelchören
und aus der Wellen flüchtigem Geraun
bedrohlich eine düstre Mahnung hören
und hatte zu dem Frühling kein Vertraun.

Schon hatte sich der Horizont umzogen
und alles Strahlende versank und schwand,
zwischen der Erde und dem Himmelsbogen
stand plötzlich störend eine schwarze Wand.

Für immer war das Friedliche vernichtet,
nicht mehr vergönnt den Möwen Flug und Laut,
aus dichten Finsternissen aufgeschichtet
war etwas vor das Licht der Welt gebaut.

Aus Lustgefilden wurde eine Wüste,
kein Gärtchen schlichter Eintracht blieb verschont.
Kein Licht vom Berg den Wanderer mehr grüßte,
kein Abendwald, in dem das Märchen wohnt.

Aus der Umnachtung schien kein Pfad zu führen,
und nirgends dämmerte ein Morgen hell,
das Herz des Himmels war nicht mehr zu rühren
von Lerchenliedern und gesprächgem Quell.

Noch ward kein gutes Menschenwort vernommen,
das um den Nächsten gütig sich bemüht.
Vielleicht wird nach der Flut die Kunde kommen,
daß paradiesisch neu die Welt erblüht.

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Der Nonkonformist, der Katholik ist – eine Reportage

und ewig läuft der Spießer…!

Ein Archivbeitrag (Mai, 2015) von Deborah Görl

Die Betrachtung der katholischen Kirche in Deutschland deprimiert. Fast täglich liest man von Verunstaltungen von Kirchen durch ästhetisch fragwürdige Raumgestaltungskonzepte, die meist sogar die Umbaumaßnahmen im Zuge der Liturgiereform an Geschmacklosigkeit weit übertreffen. Einige Zeilen weiter wird vom Abriss einer Kirche mangels Gläubigen berichtet. An anderer Stelle glänzen kirchliche Würdenträger durch Aussagen, die – euphemistisch ausgedrückt – selbst eine Herausforderung für die eingefleischtesten Kritiker darstellen. Manchmal versteht man sie auch überhaupt nicht, denn sie klingen zu sehr nach Corporate-Social-Responsibility-Broschüre eines beliebigen Dax-Unternehmens – hohl und leer. Und nicht selten fragt man sich einfach nach den Gründen für die Vielzahl von Hirten, denen ihr Priestertum sichtlich unangenehm ist und die eigentlich lieber politikerartige Wesen oder irgendetwas anderes wie NGO-Pressesprecher wären.

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Gedicht zum Sonntag – „Und der Fluß erfriert in seinem Bette“

Ein Gedicht von Max Dauthendey (1867-1918)

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Eisschollen schwimmen im Fluß jeden Morgen,
Sie drücken das Wasser wie gefrorene Sorgen,
Als legt sich einer schwer auf des Flusses Rücken,
Und der Wasserspiegel geht in Stücken.
Und die Scherben schwimmen und rollen,
Die dem Fluß das Leben forttragen sollen.
Sie schwimmen hin unter den Brücken
In langer Kette hinunter den Fluß,
Und der Fluß erfriert in seinem Bette, –
Das Wasser wird zum Weg für eines jeden Fuß.
Und das Wasser steht an den Ufern wie Stein,
Und keiner sieht ihm mehr ins Herz hinein.
Vorher war am Ufer ein Kommen und Gehen,
Jetzt ist dort eine Totenstille und ein totes Stillestehen.
Die Gedanken frieren, die den eisgrauen Fluß anschauen.
Ich küsse meine Geliebte, sie kann meine Gedanken auftauen.

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Gedicht zum Sonntag – „Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht“

„Ein Lied hinterm Ofen zu singen“ von Matthias Claudius (1740-1815)

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
er krankt und kränkelt nimmer,
weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
und läßt’s vorher nicht wärmen
und spottet über Fluß im Zahn
und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
haßt warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn’s Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich‘ und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
dann will er sich tot lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

So ist‘ er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.

matthiasclaudiusMatthias Claudius (1740-1815) wurde am 15. August 1740 in Reinfeld in Holstein geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule in Plön studierte er zunächst Theologie in Jena, wechselte dann zum Fach Rechtswissenschaften. Ab 1768 war er als Journalist tätig. 1772 heiratete Claudius; aus der Ehe gingen zwölf Kinder hervor. Die Familie lebte in Wandsbeck. Zwischen 1775 und 1812 veröffentlichte er zahlreiche Texte und Gedichte. Ein freundschaftliches Verhältnis verband Claudius mit Johann Gottfried Herder (1733-1803). Während einer Reise nach Kopenhagen 1764/1765 lernte er Friedrich Gottfried Klopstock (1724-1803) kennen, dessen Schaffen tiefen Eindruck auf den Schriftsteller hinterlassen sollte.

Matthias Claudius starb am 21. Januar 1815 in Hamburg, wohin er vor den französischen Truppen geflohen war. Er wurde in Wandsbeck bestattet. Er gilt als bedeutender Vertreter der Empfindsamkeit.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org.

J.R.R. Tolkien: „Die Versuchung zum ‚Unglauben‘ ist immer in uns“

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Quelle: giantbomb.com

J.R.R. Tolkien oder ausgeschrieben: John Ronald Reuel Tolkien ist den meisten bekannt als Autor von Der Herr der Ringe und Der Hobbit. Unbekannt ist den meisten jedoch, dass er neben seiner Passion für Fantasy-Geschichten noch eine andere Identität hatte: Tolkien war ein tiefreligiöser Katholik. Eine Auseinandersetzung mit seinem Glauben, seinen Zweifeln und Ratschlägen in seinen Briefen.

von Josef Jung

Tolkiens traditionelle katholische Frömmigkeit

Traditionelle Vorstellungen von Kirche und Gesellschaft ziehen sich durch die gesamten veröffentlichten Briefe Tolkiens. Tolkien war ein Freund der Natur und des konservativen Lebensstils. Im kirchlichen Bereich lobte er Papst Pius X., der vor allem durch seinen Kampf gegen moderne theologische Ansätze bekannt ist und einen Eid gegen den „Modernismus“ einführte:

„Ich denke, die größte Reform unserer Zeit war die, die vom hl. Pius X. ausgeführt wurde. Sie überbietet alles, was das Zweite Vatikanische Konzil, mag es auch nötig sein, erreichen wird.“ (Brief an seinen Sohn Michael, Nr. 250, 1963)

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Den alten Meistern auf der Notenspur: Jeppe Nörgaard Jacobsen (2/2)

Ein Cathwalk-Interview in zwei Teilen von Hannes Kirmse

 

Im Teil 1 sprachen wir über den Klassischen Kanon der Musik, die Architektur der Antike, die Aufgabe der Kunst und Jeppe Nörgaard Jacobsens Verhältnis zur Kirche. Hier folgt nun der zweite Teil.

Tugenden und Laster

The Cathwalk: Gibt es so etwas wie eine katholische Kunst? Was macht Ihrer Auffassung nach eine katholische Kunst aus, wenn man denn von so einer sprechen kann?

Eine katholische Kunst ist eine Kunst, die in erster Linie danach strebt, so schön und edel wie nur möglich zu sein. Sie enthält keine niedrigen Elemente, sondern versucht, den Ausdruck der gottgegebenen schöpferischen Fähigkeiten der Menschen würdig wiederzugeben. Die weltliche Kunst, um jetzt irgendwo anzusetzen, muß da die christlichen Tugenden veranschaulichen, sei es nun auch in Bildhauerei, Malerei, der Poesie oder dem Theater. Oft veranschaulicht man am wirkungsvollsten eine Tugend durch die Darstellung des korrespondierenden Lasters. Dies geht natürlich nicht in der Bildhauerei, denn dann müßte man ja eine unschöne Skulptur erschaffen, aber sehr wohl etwa in Poesie und Theater, wo wir das sehr oft sehen. Denn was ist die Ilias anderes als eine Darstellung der Konsequenzen des Zornes von Achilleus und Agamemnon, der Entführung der Frau des Menelaos, usw.? Das Ilias-Epos gibt die Tugenden der griechischen Gesellschaft zu Zeiten Homers im achten Jahrhundert vor Christus wieder. – Wenn also heute eine klassische Kunst geschaffen wird, muß sie, um als katholisch zu gelten, die christlichen Tugenden aufgreifen.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen vor dem Mozartdenkmal mit dem Salzburger Dichter Maximilian von Kurz zum Thurn und Goldenstein bei einem Fernsehdreh und Aufführung eines neuen Streichquartetts 2015.

The Cathwalk: Welcher Zusammenhang besteht nun zwischen Ihrem eigenen Schaffen und dem katholischen Glauben?

Im höheren Sinne gesprochen: Ich habe mein Leben dem aufrichtigen Versuch gewidmet, einer Weiterführung der klassischen Kunst das Fundament zu legen. In den letzten zehn Jahren habe ich jede wache Stunde meines Lebens in diese langfristige Arbeit investiert. Ob ich damit erfolgreich sein werde, mögen dann andere beurteilen. Auf jeden Fall habe ich mein Bestes gegeben und alles eingesetzt und mehr kann man von einem Menschen wohl nicht verlangen. Viele haben unendliche Mühe geopfert, um dann letztlich nicht erfolgreich gewesen zu sein. Das kann bei uns allen zutreffen. Darum sollten wir uns fragen, ob die Sache, für die wir uns einsetzen, auch die Mühe wert ist. Die gründliche Gewissensprüfung, die darauf abzielt, seine gottgeschenkten Talente bestmöglich zu verwirklichen, ist da die Grundlage. Ist meine Arbeit nun die Mühe wert? Da denke ich, die Zukunft wird es zeigen.

Ich glaube, daß die klassische Tradition noch ein unendliches Potential hat…

The Cathwalk: Wie haben Sie Ihr eigenes künstlerisches Potential entdeckt und wie entwickeln sie es fort?

Bei mir war es umgekehrt: 10-jährig habe ich die klassische Musik entdeckt und war augenblicklich ergriffen. Vor allem waren da die Werke der großen Klassiker – in erster Linie Mozart. Da war es, als ob die Stimme Gottes zu mir sprach und ich weiß: Papst Benedikt XVI. und viele andere müßen als Kind das gleiche Erlebnis gehabt haben. Plötzlich aber hatte ich nach ein paar Jahren die gesamte klassische Produktion der größten Komponisten durchgearbeitet und mußte mir sagen: „Das kann doch wirklich nicht alles gewesen sein!“ Da mußte es mehr geben, aber es gab nichts. Ich hatte mich also auf die Suche nach Komponisten unserer jetzigen Epoche begeben, die die große klassische Tradition fortführten. Ich wurde maßlos enttäuscht. Abgesehen von den Werken der bedeutendsten Filmkomponisten, welche ich sehr achte, fand ich in der „Kunstmusik“ nicht ansatzweise etwas Vergleichbares. Die Musik eines Arvo Pärt hat sehr schöne Momente, dennoch muß sie doch als sehr blaß dastehen verglichen mit einer Symphonie eines Mozarts oder eines Beethovens. Ich glaube, daß die klassische Tradition noch ein unendliches Potential hat und so habe ich mich einfach auf den Weg begeben in der Hoffnung, irgendwie noch etwas beitragen zu können, ohne genau zu wissen, wohin dieser Weg mich führen würde. Ich wollte nicht partout als Komponist berühmt werden und will es auch weiterhin nicht. Viel mehr hoffe ich, mit meinem Opernfestival in Dänemark junge Talente zu entdecken, die auch die schöne Tradition der Klassiker in ihrem Schaffen fortführen wollen. Wenn dann einer etwa schöner musiziert, als ich es kann, wäre es für mich die größte Freude. Ich sehe die ganze Angelegenheit als eine Pflichtsache an, wo wir nicht uns selbst, sondern der Kunst dienen sollen. In diesem Sinne steht auch meine Arbeit mit zwei Herren aus Athen, eine neue klassisch illustrierte Edition der Ilias auf Altgriechisch mit Übersetzungen in fünf Sprachen zu schaffen. Der erste Teil ist bereits fertig und geht jetzt in den Druck.1

Die Kunst als eine höhere Sache

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Konzeptseite mit Illustration von Nikolaos Chantzes, aus dem ersten Band des Jacobsen‘schen Ilias, 2016.

The Cathwalk: Welchen Ratschlag würden Sie jungen Künstlern heute geben?

Vorrangig möchte ich einmal der Gesellschaft einen Ratschlag geben: Vielleicht sollte man in Österreich und Deutschland wieder etwas mehr Achtung für junge klassische Dichter und Musiker aufbringen, statt sie auszulachen und Gelder lieber für experimentelle Aktionskunst zu verschwenden. Denn von solcher Kunst bleibt nichts, aber die Poesie eines Homer oder eines Schiller wird auch noch in tausend Jahren Bestand haben. Davon bin ich überzeugt.

Zu den jungen Künstlern an sich: Erstens würde ich alle Menschen dazu aufrufen, sich ein grundlegendes Verständnis für die klassische, auch antike Kunst anzueignen, denn dieses gibt einer jeden Seele eine Tiefe und eine direkte Berührung mit dem Edelsten und Besten, das die Menschheit hervorzubringen imstande ist. Darüber hinaus möchte ich jedem jungen Menschen ans Herz legen, sich nicht selbst immer in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Kunst als eine höhere Sache zu betrachten, zu der wir nach bestem Vermögen beitragen können und der wir eher dienen sollen. Die Kunst soll nie dem eigenen Geltungsdrang oder der eigenen Ruhmsucht dienen, sondern der junge Künstler sollte seine eigenen Fähigkeiten einsetzen, wo er nur kann – um der höheren Sache willen. Wenn das Endergebnis schön ist, hat schließlich jeder, der dazu etwas beigetragen hat, auch Anteil an der Ehre des Ganzen. Auch der, der nur als Statist arbeitet oder der, der nur im Hintergrund dabei war, verdient Anerkennung, sofern er selbstlos und mit der Liebe zur Kunst das seinige beigetragen hat. Dessen sollten sich junge Künstler bewußt sein.

The Cathwalk: Wie arbeiten Sie persönlich? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich stehe um sechs Uhr in der Frühe auf und fange an zu arbeiten und wenn ich müde bin, gehe ich schlafen. Immersion, das Eintauchen in den Arbeitsrhytmus ist für mich da die Hauptdevise und ich glaube, daß diese Vorstellung, man müße viel Freizeit oder ein regelmäßiges Divertissement haben von Menschen kommt, die eine Sache berufsmäßig ausführen, ohne wirklich selbst daran zu glauben. Aber ohne ein Pflichtbewußtsein kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich glücklich fühlen kann – also, wenn man den Wert seiner täglichen Anstrengungen nicht in einem größeren Zusammenhang, in einer höheren Ordnung sehen kann.

The Cathwalk: Was sind die Hauptziele Ihres Schaffens?

Wir haben jetzt in Dänemark 2015 ein Opernfestival ins Leben gerufen, wo meine Oper „Der Sonnenkreis“ in einer neuen Fassung aufgeführt wurde. Es gab zahlreiche neukomponierte Stücke und Verbesserungen. Das Festspielhaus in der dänischen Stadt Skive wurde erst vor zehn Jahren gebaut und faßt über eintausend Personen. Dort gibt es ein enormes Potential, wirklichen einen Anlaufspunkt und einen sicheren Hafen für eine neue klassische Kunst zu schaffen. Wissen Sie, ich arbeite nun seit über zehn Jahre daran, ein solches Großprojekt zu verwirklichen. Aber in einer Zeit, wo es keine kunsttragende Gesellschaftsschicht wie zu Haydns Zeiten mehr gibt, die sich der Förderung einer klassischen Kunst verpflichtet sah, ist das eine fast unmögliche Aufgabe. Der Mensch will heute mit dem Geist seiner Epoche gehen und vor alle anderen Dinge sein persönliches Vergnügen setzen. Er ist eben nicht willig, irgendwelche Opfer für ein derartiges Projekt zu erbringen. Das heißt, daß die Kunst in der Gesellschaft heute eine immer geringere Priorität bekommt, es sei denn, mit ihr ist ein über die Maße hoher finanzieller Gewinn zu erwirtschaften. Meine Motivation aber bleibt wie Aristoteles sagt: „Der Zweck des Staates ist nicht das bloße und gute Zusammenleben, sondern gute und schöne Handlungen.“ Im heutigen Staate ist es unklar, wer denn genau für diese schönen Handlungen verantwortlich ist.

Der bloße Wille einiger weniger Künstler

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Der große Konzertsaal des Kulturzentrums in Skive, 2015. Auf der Bühne dirigiert Waku Nakazawa die Partitur der neukomponierten Ouvertüre zum zweiten Akt der Oper „Der Sonnenkreis“. Der Komponist lernte mit besonderer Dankbarkeit und Bewunderung die Arbeit des japanischen Dirigenten schätzen.

The Cathwalk: Wie beurteilen Sie da den Stand der Gegenwartskunst?

Nun ja, es werden Theater mit Subventionen aus dem Staatshaushalt bedacht, aber diese Theater werden dann allzu oft zu Inszenierungsplätzen für Regisseure und Intendanten, die hauptsächlich sich selbst inszenieren und nicht der Kunst dienen wollen. Das Problem kann gelöst werden, wenn man diesen korrumpierten öffentlichen Einrichtungen private Initiativen gegenüberstellt. Jemand wie ich ist dann also in der unmöglichen Situation, Künstler, Autor, Organisator, Publizist und „Fundraiser“ in einem sein zu müßen. Es ist klar, daß da das ein oder andere darunter zu leiden hat, wenn man alles gleichzeitig zu sein hat. Manchmal sind die privaten Verhältnisse dadurch ein Chaos, Projekte müßen auf Eis gelegt werden, bis andere Sachen geklärt sind. Es hängt alles zusammen, aber ein Projekt wie beispielsweise die neue Ilias-Edition beweist, daß mit viel Durchhaltevermögen ein anständiges Ergebnis geschaffen werden kann, auch wenn man zwischendurch am liebsten aufgeben würde. Wenn also ständig Menschen vielleicht mit aufrichtiger Begeisterung und mit wohlwollenden Versprechen sich engagieren wollen, dann aber, nicht liefern auf ihre Versprechen, weil ihnen die Sache dann doch nicht so wichtig erscheint, dann kann man sich vorstellen, wie das eine solche Arbeit erschweren kann. Dennoch habe ich selbst aber immer weitergemacht und dann etwa zu sehen, wie diese Bemühungen 2015 in Dänemark fruchteten, war für mich eine ganz besondere Freude. Wir haben damit bewiesen, daß es doch geht, ein solches Festival aus der Erde zu stampfen. Dafür ist hauptsächlich der bloße Wille einiger weniger Künstler, die völlig mittellos angefangen haben, verantwortlich. Ein weiteres Beispiel dafür ist auch das Opernfestival „Oper im Berg“ hier in Salzburg.2

Die ganze elektrisch aufgeladene Atmosphäre

The Cathwalk: Worum geht es bei „Oper im Berg“ genau?

Dieses Festival hat sich von einer Idee, einmalig das Lebenswerk des großen und sehr beliebten Tenors Luciano Pavarotti zu ehren, zu etwas viel Weiterreichendem entwickelt, nämlich nicht nur zu einem hochwertigen Opernfestival, sondern auch zu einer Schulungsstätte für junge Talente aus der ganzen Welt. Herr Ingo Kolonerics aus Salzburg hat da etwas sehr Wertvolles geschaffen. Er hat de facto eine Akademie für junge Gesangsstimmen gegründet, in der oft gänzlich mittellose Künstler die Möglichkeit erhalten, ihre extraordinären Talente, ihr künstlerisches Potential tatsächlich zu verwirklichen. Da hat immer nur die Fähigkeit eines Einzelnen die Rolle gespielt und darauf kommt es schließlich in der Kunst auch an. Denn was nützt es, wenn jemand hübsch aussieht und gut schauspielern kann, wenn am Ende das Ergebnis auf der Bühne den besten Intentionen der Komponisten und Autoren nicht entspricht? Die Stimmqualität ist das Alpha und Omega in der Oper und in aller gesungenen Musik. Damit steht und fällt die ganze elektrisch aufgeladene Atmosphäre, die bei wirklich hochwertigen musikalischen Aufführungen im Saal entstehen sollte.

The Cathwalk: Was sind Ihre damit verbundenen weiteren Pläne?

Das Ziel ist es, diese Arbeit in den kommenden Jahren in Dänemark, Deutschland und Österreich fortzusetzen. Es wird dabei zur Entstehung zehn neuer Opern und Oratorien kommen. Ich habe eine kolossale Sammlung an vollgeschriebenen Notenbögen im letzten Jahrzehnt angehäuft mit Musik für Opern, deren Textbücher nie fertig wurden. Gerade das Volk der „Dichter und Denker“ scheint da nicht mehr sehr viele Dichter und vielleicht auch nicht so viele Denker hervorzubringen. Für mich als Skandinavier, der achtzehnjährig nach Salzburg gekommen ist, um genau diese Tradition des Dichtens und Denkens ausfindig zu machen, ist es nicht ganz klar, wohin diese verschwunden ist. Cicero erklärt uns sehr richtig, daß Ehre die Künste nährt, und alle durch Ruhm zu Anstrengungen angespornt werden. Das hingegen liegt immer brach, was von den Nationen nicht gebilligt wird. Demnach entsteht in unserer Epoche kaum hochwertige Kunst, weil Dilettanterie gebilligt wird. Streben nach dem Edlen wird in unserer Epoche als hochtrabend angesehen, und Kunst degradiert folglich zu etwas, das unedel und ruhmlos ist, und in erster Linie unterhalten oder schockieren muß. Das Edle wird durch den Dreck gezogen, das Streben wird ausgelacht. Die gesamte westliche Zivilisation beruht aber auf solchem Streben, anfangend mit der Ilias. Für mich ist Deutschland ohne Dichter nicht der Rede wert. Wenn es also noch irgendwo einen Dichter gibt, der eine klassische Oper tatsächlich vollenden kann, und zu einer neubelebten klassischen Tradition mit Poesie beitragen kann, dann würden wir uns natürlich sehr freuen, wenn er sich bei uns melden würde. Bis dahin machen wir weiter, wie bisher.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen in Delphi am Fuße des Parnassos, in Verbindung mit seinem Ilias-Projekt, 2016.

The Cathwalk: Herr Jacobsen, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen für die Suche und darüber hinaus viel Erfolg und Gottes Segen!

Mit Jeppe Nörgaard Jacobsen sprach Hannes Kirmse  für The Cathwalk 

„Die Weihe der Nacht“ von Christian Friedrich Hebbel (1813-1863)

Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichem Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher.

Was da lebte,
Was aus engem Kreise
Auf ins Weitste strebte,
Sanft und leise
Sank es in sich selbst zurück
Und quillt auf in unbewußtem Glück.
Und von allen Sternen nieder
Strömt ein wunderbarer Segen,
Daß die müden Kräfte wieder
Sich in neuer Frische regen,
Und aus seinen Finsternissen
Tritt der Herr, so weit er kann,
Und die Fäden, die zerrissen,
Knüpft er alle wieder an.

 

„„Die Weihe der Nacht“ von Christian Friedrich Hebbel (1813-1863)“ weiterlesen

Gedicht zum Nikolaustag von Franz Graf von Pocci (1807-1876)

Der Pelzemärtel

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Die Winde sausen um das Haus,
es stürmt daher der Winter.
Nun schaut Pelzmärtel Nikolaus
nach euch sich um, ihr Kinder.
Da will ich sehen, was er sagt,
wenn er nun Vater und Mutter fragt,
ob ihr auch brav gewesen.

Horch! Kommt er nicht die Trepp‘ herauf?
Hört ihr nicht poltern und schnaufen?
Jawohl, er ist’s! – Die Tür geht auf. –
Ihr braucht nicht fortzulaufen
und dürft auch nicht erschrecken
vor Ruten und vor Stecken,
sieht er auch gleich zum Fürchten aus!

Nun schaut er rings die Kleinen an
und spricht: „Ihr frommen Kinder,
ihr sollt mir alles Gute han!
Ich bring euch für den Winter
hier Äpfel und Birnen und Mandelkern,
Lebkuchen und Nüsse und Zuckerstern;
da füllt euch Kappen und Taschen!

Die Kinder klauben und freuen sich sehr;
doch finster brummt der Alte:
„Nun gebt mir die bösen Buben her,
die trag ich mit fort zum Walde!“
Der Vater spricht: „Sie sind alle brav
und brauch weder Zank noch Straf‘;
sie folgen und lernen mit Freuden!“

Da sagt der Märtel: „’s freut mich doch,
dass wir euch Freude machten.
Seid nur recht brav, dann gibt’s auch noch
recht fröhliche Weihnachten!
Ade, ihr Kinder! Bleibt nur hier!“ –
Nun schlürft er wieder hinaus zur Tür
und stolpert die Stiege hinunter.

Doch horch, wie schrein im Nachbarhaus
die bösen Knaben und Mädchen!
Ha, sieh! Der Nikolaus kommt heraus,
im Sack den Fritz und das Gretchen.
Nun hilft kein gutes, kein böses Wort;
der Pelzmärtel trägt sie fort
zu den Wölfen und Bären im Wald.

Gedicht zum Sonntag -„Alles still!“ von Theodor Fontane (1819 – 1898)

Alles still! es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht –
Heiße Tränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.

„Gedicht zum Sonntag -„Alles still!“ von Theodor Fontane (1819 – 1898)“ weiterlesen

Leseempfehlungen für die Advents- und Weihnachtszeit 

Wunschvorschläge an den wundertätigen Bischof von Myra und das Christkind

Christoph Matthias Hagen, Innsbruck

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Saint-Nicolas in Bourcq/Frankreich Foto: Vassil 2007

Schon mit dem November sind die Tage kürzer, die Abende früher dunkler geworden. Spätestens mit dem Anbruch des Advents, vor allem, wenn es damit einhergehend draußen auch kälter geworden ist, empfindet man in Verbindung mit dem Duft der vorbereitenden Weihnachtsbäckerei und dem beginnenden Kerzenschein, der am Adventkranz mehr und mehr sich steigert, die eigene Stube und Wohnung von neuem und anders als sonst als wohlig-gemütlichen Rückzugsort.

Diese Zeit ist still, oder sie sollte es zumindest sein: still und konzentriert. Wer, anders als der Schreiber dieser Zeilen, mit entsprechenden Begabungen gesegnet ist, nutzt sie vielleicht für Handarbeiten, die alle Sorgfalt und Aufmerksamkeit erfordern, damit Nikolaus und Christkind pünktlich den selbstgestrickten Pullover oder das filigrane Stickbild bringen können.

Derjenige, der solche Fähigkeiten nicht hat, ist hoffentlich alphabetisiert. An ihn richten sich die folgenden Leseratschläge, die, rechtzeitig deponiert, im diesjährigen Nikolausstiefel landen oder im Schatten des Christbaumes auf dem weihnachtlichen Gabentisch greifbar sein könnten:

„Leseempfehlungen für die Advents- und Weihnachtszeit „ weiterlesen

Gedicht zum Sonntag – „Es gibt so wunderweiße Nächte“ (1896) von Christian Morgenstern (1871-1914)

Allen einen gesegneten ersten Advent!

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumsgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

morgenstern-h420Christian (Otto Josef Wolfgang) Morgenstern (1871-1914) wurde am 6. Mai 1871 in München geboren. Im Kindesalter erkrankte er an Tuberkulose; seine Mutter war bereits 1881 an der Krankheit verstorben. Nach dem Abitur besuchte Morgenstern auf Wunsch des Vaters eine Militär-Vorbildungsschule. Kurze Zeit später verließ er jedoch die Einrichtung. Ein in München begonnenes Studium musste Morgenstern wegen seines schlechten Gesundheitszustandes abbrechen. Er entschloss sich, fortan als Schriftsteller tätig zu sein. Im April 1894 zog Morgenstern nach Berlin, wo er eine Anstellung in der Nationalgalerie annahm. In dieser Zeit war er außerdem für verschiedene Zeitschriften tätig. Im Frühjahr 1895 veröffentlichte Morgenstern sein erstes Buch, „In Phantas Schloß“. In der Folgezeit unternahm er Reisen an die Nordsee und nach Salzburg. Er unterzeichnete einen Vertrag mit dem S. Fischer-Verlag für die Übersetzung von Werken Henrik Ibsens. 1900 verbrachte Morgenstern einen Kuraufenthalt in Davos. Weitere Reisen führten ihn nach Italien, u.a. nach Rom. 1903 kehrte er nach Berlin zurück. Er wurde literarischer Lektor im Verlag Bruno Cassirers. In den Folgejahren unternahm Morgenstern weitere Reisen aus gesundheitlichen Gründen. 1909 lernte Morgenstern Rudolf Steiner kennen, mit dem ihn eine enge und lange Freundschaft verband. Morgensterns Gesundheitszustand war immer wieder sehr geschwächt; im Frühjahr 1911 begab er sich in das Deutsche Krankenhaus in Rom. Morgenstern lebte damals zwischen Davos und Arosa. Christian Morgenstern starb am 31. März 1914. Der Nachwelt ist er vor allem für seine komischen Gedicht bekannt, die aber nur einen Teil seines Werks ausmachen.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org

Gedicht zum Sonntag – „November“ von Max Dauthendey (1867-1918)

„Hab‘ ich in toten Blättern noch Lieder gelesen“

Bin heut im erstarrten Garten gewesen,
Wo ich in deinem Auge einst Lieder gelesen;
Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog
Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.

Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,
Wie ein Herz, das sich von der Erde hob,
Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,
Hab‘ ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.

max_dauthendey_by_nicola_perscheid_c1910Max(imilian Albert) Dauthendey (1867-1918) wurde am 25. Juli 1867 in Würzburg geboren. Bis 1891 lebte und arbeitete er in Würzburg, wo er eine fotografische Ausbildung bei seinem Vater, einem Pionier der Fotografie in Deutschland, absolvierte. Danach zog Dauthendey zunächst nach Berlin; als weitere Stationen folgten München, Paris und ein Aufenthalt in Skandinavien. 1893 erschien sein erster Roman, „Josa Gerth“. In diesem Jahr lernte er Stefan George und Richard Dehmel kennen. Er veröffentlichte die Prosagedichtsammlung „Ultra Violett“. 1905/06 unternahm er eine erste Weltreise, die ihn nach Ägypten, Japan, Indien, Honolulu und Amerika führte. 1914 folgte die zweite Weltreise nach Sumatra, Java und ins damalige Deutsch-Neu-Guinea. Max Dauthendey sollte von der Reise nicht mehr zurückkehren. Er starb, von Tropenkrankheiten geschwächt, am 29. August 1918 interniert in Malang auf Java. Der posthum erschienene Band „Letzte Reise. Aus Tagebüchern, Briefen und Aufzeichnungen“ (1925) berichtet von den Erlebnissen seiner letzten Lebensjahre. Erst 1930 konnten die sterblichen Überreste des Dichters in seine Heimatstadt Würzburg überführt werden.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org

Gedicht zum Sonntag – „Vereinsamt“ von Friedrich Nietzsche (1844-1900)

„Bald wird es schnein. – Weh dem, der keine Heimat hat“

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Weh dem, der keine Heimat hat.

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