Religion und Moderne (Teil 3): Warum die Religion verliert und wie sie gewinnen kann

Ob man sich als religiös bezeichnet oder nicht, unabhängig von der eigenen Zuschreibung ist kaum bestreitbar, dass Religion einen massiven Bedeutungsverlust erfährt. Besonders seit den letzten Jahrzehnten findet ein stetiger Rückgang statt. Doch dieser hat seine Gründe. Warum verliert und die Religion und wie kann sie wieder gewinnen?

5486890633_295f76e99a_o

von Josef Jung

Religion verliert, wo sie im Gegensatz zur Moderne steht

Was ist Moderne? Für den Bereich den Bereich der Religion kann man sagen: Religion wird als eine Angelegenheit der individuellen Sinn- und Bedürfnisorientierung betrachtet. Verschwunden sind weitgehend objektive Kriterien, Disziplin und Vergesellschaftung. Damit einher geht, dass Fragen nach Moral und Glaubensführung nicht mehr von außen vorgegeben werden können. Wenn Religion mit Lebens- und Moralansprüchen herantritt, die dem widersprechen, was eigene Bedürfnissen und Vorstellungen sind, wird Religion mit dem Argument der „Heteronomie“, also der Fremdbestimmung, zurückgewiesen. Modern hingegen heißt von „Autonomie“ zu sprechen, vom „moralischen Gesetz in mir“, wie es Kant nennt.

Nun bietet das 21. Jahrhundert eine Fülle an Entfaltungsmöglichkeiten, die zwar von traditionellen religiösen Normen abweichen – in Bereichen der Sexualität, Familie, Lebensführung, Identiät usw. – aber dennoch gesellschaftlich vollkommen akzeptiert werden. Dies ist so, weil sich die abweichenden Positionen auf eine Art „säkulares Naturrecht“  berufen, nämlich auf die  „Autonomie“ oder auf etwas wie die „conditio humana“ und diese gelten als unaufgebbare Errungenschaften. Es geht um die Selbstwerdung nach dem, was im Inneren als das Ureigene, das eigentliche Selbst wahrgenommen wird. Hier verbittet man sich einen Verweis auf Gott, Kirche usw. da dies als unberechtiger, fremder Eingriff gegen die eigene Entfaltung, das eigene Glück gesehen wird.

Religionen argumentieren zwar damit, dass ihre Vorstellungen mehr Glück und Erfüllung bringen würden, als die Selbstvorstellungen einzelner Personen, können damit aber nicht überzeugen, da es sich dabei um Behauptungen handelt, die allgemein aufgestellt werden und nicht die Konkretheit und Individualität der Person erfassen. Damit bleiben die Argumentationen der Religionen Thesen, die sich vor der Empirie messen lassen müssen und es bisher nicht ausreichend geschafft haben zu überzeugen.

Religion kann nicht dauerhaft gegen die Moderne agieren

Viele religiöse Traditionen in Judentum, Islam und Christentum haben antimodernistische  Traditionen. Sie funktionieren meist dann, wenn sie in geschlossenen Systemen fernab der Mehrheitsgesellschaft praktiziert werden, als Mikrokosmos jenseits der modernen Welt, die abgelehnt wird und zur Aufrechterhaltung einer Anti-Identität auch abglehnt werden muss. Vergessen wird dabei aber meist, dass mit der Moderne oft auch eine größere Entfaltung der Person möglich wird, also ein „mehr“ an Vielfalt und Lebensmöglichkeiten, sodass man auch von einer Erweiterung des Horizonts reden kann.

Letztlich ist die Moderne  jedoch die Epoche, die da ist, die, in der  die Gesellschaft lebt und atmet. Selbst eine „antimoderne“ Ausrichtung kann nur wegen und in der Moderne existieren. In Medizin, Naturwissenschaft und Technik weiß die Moderne zudem eine gewaltige Erfolgsgeschichte vorzuweisen und selbst der Kritiker wird bei einer Krankheit eher zum Arzt gehen als sich mit religiösen Praktiken heilen. Eine Ablehnung der Moderne führt die Religionen in eine Ghetto-Mentalität der Abkapslung, die gefährlich wird. Diese Mentalität kann  die Integration in die Mehrheitsgesellschaft verhindern und zu Konflikten mit dieser führen, die sich im Extremfall in Gewalt entladen. Antimoderne Religion läuft die Gefahr wie ein Schatten aus vergangen Zeiten in die Gegenwart zu greifen. Sie existiert nur noch als dunkle Fläche, die nicht überzeugt sondern abschreckt.

Die Lösung liegt in einer Rückbesinnung auf den Kern

Wenn erkannt wird, was der Kern der Religion ist und was von zeitlichen Umständen und gesellschaftlich-kulturellen Bedinungen abhängt, kann die Religion antimoderne Kampfplätze und unnötige politische Auseinandersetzungen sein lassen. Dabei kann Martin Bubers Erkenntnis helfen: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“- Wie sehr gilt das nicht auch für die Religion: Alle wirkliche Religion ist Begegnung. Es geht, wie Paul Tillich bemerkte, „im weitesten und tiefsten Sinne [um] das, was uns unbedingt angeht“. Religion lebt aus der der Begegnung mit Gott, in der erfahren wird, dass hier etwas stattfindet, dass mich unbedingt angeht. Man kann dies mit Karl Rahner als Mystik bezeichnen, die er als notwendig für das zukünftige Leben des Christen bezeichnete:“Der Christ des 21. Jahrhunderts wird Mystiker sein – oder er wird nicht sein.“ Was diese Mystik kennzeichnet ist Begegnung, Personalität und Transzendenz. Daraus kann eine Religiosität erwachsen, die das Leben trägt.

Der Artikel erschien zuerst auf hinsehen.net.

Advertisements

2 Gedanken zu “Religion und Moderne (Teil 3): Warum die Religion verliert und wie sie gewinnen kann

  1. Nepomuk

    Also das ist natürlich im Ergebnis grundfalsch.

    Teil I dieser Serie befaßt sich mit dem Begriff des Modernismus und beschreibt ihn mit der Definition „Die Essenz des Modernismus beansprucht, Gott aus dem ganzen sozialen Leben zu beseitigen. Da nach der modernen Idee der Mensch sich selbst sein eigener Gott und der souveräne Herr der Welt ist, muss in der Gesellschaft alles durch ihn und die alleinige Autorität des Gesetzes, die er trägt, gemacht werden.“

    Ich würde übrigens bestreiten, daß diese Definition genau erfaßt, was Pius X. in Pascendi meinte, und behaupten, daß „Modernismus“, wie ihn die Kirche versteht, primär darin besteht, die objektive göttliche Offenbarung durch das religiöse Gefühl zu ersetzen. Aber sei’s drum, ein gewisses Ineinanderspielen dieser Dinge wird faktisch nicht zu leugnen sein, und nehmen wir die Definition einmal so, wie sie da steht.

    Da ist zunächst einmal festzuhalten, mit dieser Essenz der Modernismus nuneinmal grundfalsch liegt, weil die besagte moderne Idee, daß der Mensch sein eigener Gott sei, grundfalsch liegt und obendrein schon in sich selbst widersprüchlich ist, da es Den Menschen als kollektive Identität so nicht gibt; „das Gesetz“, von dem hier die Rede ist, ist das staatliche (ein Gesetz, das von einer Einzelperson für sich selbst allein gegeben würde, wäre nicht das, was wir „Gesetz“ nehmen); daß aber der Untertan einer Obrigkeit gehorcht, und auch das Gehorchen des Minderheitlers oder Meinung-Geändert-Habenden in der Demokratie gegenüber dem vergangenen Mehrheitsbeschluß ist nichts anderes, ist damit, daß der Mensch sein eigener Gott sei, nicht in Einklang zu bringen.

    Halten wir das also einmal so fest: dieser Modernismus ist tatsächlich falsch.

    >>Es ging damals um die grundlegenden theologischen Fragen wie die Gottessohnschaft Jesu, die Faktizität von Wundern, das Eingreifen Gottes und die Stellung der Bibel. Aber auch Fragen nach der Entstehung der Bibel, nach der Sexualmoral und der Demokratie wurden darunter auch gefasst und spielen noch heute eine Rolle.

    Genau. Die im Tonfall teilweise angedeutete grundsätzliche Kritik am päpstlichen Vorgehen – natürlich mögen Übertreibungen, die eher noch zur Verhärtung der Gegner geführt haben, vorgekommen sein, insofern ist Kritik natürlich nicht verboten, aber die grundsätzliche – ist deshalb völlig fehl am Platze.

    >>Vor einem ähnlichen Problem steht heute der Islam vor allem im Westen, da dort säkualre Auffassungen mainstream sind.

    Ich hätte nichts gesagt zu dem Satz, wenn der Teil 3 anders ausgefallen wäre. Aber dieser Versuch, bei den häufig islamfeindlich eingestellten Anhängern der traditionellen Religion Sympathie für die sogenannte „moderne Religion“ zu heischen, entspricht nicht fairer Argumentationsführung.

    Richtigerweise muß selbstverständlich gesagt und betont und darauf bestanden werden: Bei den Herren Islamisten ist nicht die Tatsache das Problem, daß sie eine religiöse Gesellschaft wollen!
    Nur daß diese bei den Islamisten eine islamische, bei uns aber eine christlich-katholische sein sollte und der Islam eine falsche, die christlich-katholische Religion aber die richtige ist, das ist der Unterschied und das ist bei den Islamisten das Problem. (Und gewisse Methoden des Kampfes dafür natürlich auch. Auch wenn der Zweck gut wäre, er heiligte nicht verwerfliche Mittel.)

    Darauf stellt der Teil I der Serie noch die Frage: „Kann man aufgeklärt denken und dennoch katholisch sein?“

    An und für sich wäre die ganz interessant – wenn auch nicht *so* interessant, wie sich manch einer vorstellt. Wie in dem Kommentar unter diesem Teil selbst schon erwähnt: auch wenn man beides kann, kann es sein, daß man einfach nicht *will*:

    Katholisch sein muß man, außerdem macht es Spaß; modern sein muß man nicht, außerdem ist es anstrengend.

    Dennoch: Eine Erörterung, wie genau man katholisch sein und modern sein gleichzeitig könnte, wenn man das denn unbedingt wollte, wäre sicherlich durchaus nicht ohne Interesse; wie nur-theoretisch das Interesse auch immer wäre.

    Das Versprechen wird allerdings von dieser Serie, ich bedauere, nicht eingelöst. Gar nicht.
    Anschließend macht der erste Teil noch ohne rechten Zusammenhang (aber da kann ich mich täuschen) einen Abschwenker in die Welt der Naturwissenschaften:

    >>In der Wissenschaft scheint schon lange eine Methode Verwendung zu finden, die man als naturalistisch und „so-als-wenn-es-Gott-nicht-gäbe“ bezeichnen kann. Es wird geforscht, manipuliert und optimiert, und ein allmächtiger Schöpfergott spielt keine Rolle.

    Ja. Und? Wenn der Herrgott bei allem außer der Schöpfung aus dem Nichts und außer Wundern im strengen Sinn (und außer gewissen Ereignissen der Heilsgeschichte, für die das Wort „Wunder“ noch zu schwach erscheint, aber lassen wir das) sich der natürlichen Mittel bedienen *kann* (und das ist Glaubenslehre) und wohl sehr häufig auch tatsächlich *bedient*, dann erfüllt der Naturwissenschaftler *genau so* die höchst fromme Aufgabe, das wißbegierige Kind zu spielen, daß dem Vater in der Werkstatt beim Schrauben zusieht und ihn dafür bewundert. „So-als-ob-es-Gott-nicht-gäbe“ ist nur ein unfreundlicher Ausdruck, sei er ursprünglich von atheistischer, sei er von sagen-wir kreationistischer Seite erfunden worden, für das bekannte und völlig richtige Prinzip, ein Wunder (im strengen Sinn) nur dann anzunehmen, wenn man zwingend darauf schließen kann – aber das Prinzip war schon in der christlichen Philosophie des Mittelalters anerkannt und wird von der Heiligungsprechungskongregation zu Rom weiterhin so angewandt.

    >>Auf die Frage, ob der naturwissenschaftliche Weg, für den Gott in praktischer Hinsicht irrelevant ist, vielleicht einem Irrtum unterlege, wenn aus der Methode eine atheistische Lehre wird, wird oft entgegnet, dass die Annahme eins Gottes keine Probleme löse und irrelevant sei. Es zählt nur das, was Erfolg bringt, was der Forschung nützt und Krankheiten heilt.

    Sorry für den sprachliche Kritik, aber wenn der Verfasser schon das Instrument „indirekte Rede“ kennt, die wir im Deutschen Gott-sei-Dank mit einer fast schon lateinischen Präzision ausdrücken können (man stelle sich das einmal im englischen vor, muß man da vor jeden Satz ein „that“ setzen?), dann müßte er sie auch durchhalten. Oder meint er denn auf einmal selber, daß nur das „zählt“, was Erfolg bringt? Aber selbst wenn er das täte – was von vornherein hanebüchen wäre – dann wiederum hätte er es deutlicher sagen müssen.

    —–

    Der Teil II befaßt sich dann mit der „Religion der Moderne“. Er beschreibt aber nicht, wie ich nach dem ersten Teil noch halb gehofft hatte, eine mögliche Ausprägung katholischer Religiosität, die z. B. moderne Elemente soweit irgend möglich integriert – sicherlich, wie gesagt, keine besonders angenehme Art der Religiosität, aber doch von zumindest theoretischem Interesse, und die Geschmäcker der Geschlecker sind ja hinieden wirklich sehr verschieden. Er kritisiert besagte „Religion der Moderne“ auch nicht, aber dafür hätte es ja noch den Teil III gegeben. Nur daß das im Teil III dann nicht kam.

    Für die – als wertungsfrei sich vorzustellende – Beschreibung dieser „Religion der Moderne“ verweise ich allerdings durchaus auf den Teil II, gehe nur auf folgende Behauptung noch einmal explizit ein:

    >>Der modernen Religion wird sowohl von Atheisten, wie denen der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), als auch von traditionellen Gruppen der Vorwurf gemacht, sie sei unecht, verfäscht und stehe im Widerspruch zu dem, was sie eigentlich sei.

    Das bestätigt wieder einmal das alte Sprichwort: was von zwei unterschiedlichen Seiten angegriffen wird, muß deshalb nicht richtig sein.

    Gut, ich habe das Sprichwort eben erfunden. Stimmen tut’s trotzdem.

    —–

    Was nun den Teil III (hier oben) betrifft, so ist es glaube-ich nicht zu kurz gegriffen, daß da von Argumentation eigentlich nicht mehr viel die Rede sein kann. Der Verfasser empfiehlt einfach, der „Religion der Moderne“ gänzlich zu folgen, allenfalls das, was am Katholizismus mit ihr verträglich ist, in sie hineinzupfriemeln, und Schluß. Begründung gefällig? „Religion verliert, wo sie im Gegensatz zur Moderne steht“. Herrschaftzeitennocheinmaleins, dann verliert sie halt! Und: „Letztlich ist die Moderne jedoch die Epoche, die da ist.“ Wie aus dieser bahnbrechenden Erkenntnis gefolgert werden soll, daß die Moderne nicht nur *da* sondern auch *im Recht* ist, geht leider über meine aussagenlogischen Kräfte.

    Wobei übrigens die Herren Modernen selber immer sehr pingelig sind, wenn jemand „aus einem Sein ein Sollen folgert“, aber das nur nebenbei.

    Gegenüber dieser Haltung kann nur gesagt werden: „We shall go on to the end, we shall fight in France, we shall fight on the seas and oceans, we shall fight with growing confidence and growing strength in the air, we shall defend our island, whatever the cost may be, we shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets, we shall fight in the hills; we shall never surrender.“

    Dann gehen wir eben – relativ gesprochen – unter! Haben wir denn kein katholisches Ehrgefühl im Leibe? Muß ausgerechnet so ein miserabliger Sünder wie ich das sagen?

    Aber gut, ich beruhige mich einmal wieder und gehe noch im einzelnen auf einzelne Punkte ein.

    >>Religion verliert, wo sie im Gegensatz zur Moderne steht.

    Woran verliert sie? An Mitglieder- und Gläubigenzahlen, an Überzeugungskraft. Übrigens auch das nicht einmal unbedingt. Für die jedenfalls, die gläubig sind, gläubig bleiben, eventuell uneingestanden halb an der Schwelle stehen gläubig zu werden, dürfte übrigens die befreiende Botschaft, *nicht modern sein zu müssen*, nicht, wie Chesterton formulierte, Sklave eines Zeitalters sein zu müssen, durchaus zu den attraktivmachenden Botschaften der Religion gehören.

    Aber das ist hier nicht der Punkt: der Punkt ist, an Mitglieder-, an Gläubigenzahlen, an Überzeugungskraft mögen wir durchaus verlieren. Dann ist das eben so. Dann haben wir das zur Kenntnis zu nehmen. Es dürfte kein moralischer Grund dagegenzusprechen, einen Klagepsalm zu beten und sich beim Herrgott zu beschweren, daß er uns nicht in ein anderes Zeitalter hineingebären hat lassen – aber das macht allenfalls unsere Lage schwerer, unsere gefühlte Einsamkeit größer, unsere praktischen Probleme schwieriger. Es ändert aber nichts an der Sachlage. Die wahre Religion bleibt die wahre Religion, und wenn sie kein einziger mehr bekennte – und damit verglichen sind es immer noch ziemlich viele.

    >>Religion wird als eine Angelegenheit der individuellen Sinn- und Bedürfnisorientierung betrachtet. Verschwunden sind weitgehend objektive Kriterien, Disziplin und Vergesellschaftung. Damit einher geht, dass Fragen nach Moral und Glaubensführung nicht mehr von außen vorgegeben werden können. Wenn Religion mit Lebens- und Moralansprüchen herantritt, die dem widersprechen, was eigene Bedürfnissen und Vorstellungen sind, wird Religion mit dem Argument der „Heteronomie“, also der Fremdbestimmung, zurückgewiesen. Modern hingegen heißt von „Autonomie“ zu sprechen, vom „moralischen Gesetz in mir“, wie es Kant nennt.

    Ersteinmal ist das eine Fehlinterpretation von Kant, der, whatever his other faults, mit dem „moralischen Gesetz in mir“ das eigene Gewissen als Einsicht in das göttliche und Naturrecht, Grund dafür, die Existenz Gottes zumindest zu postulieren, und als ehrfurchtgebietend gemeint hat und eben *nicht* gemeint hat, dies könne jeder Mensch beliebig setzen.

    Zweitens und hauptsächlichstens aber: Wenn Religion … tut, wird Religion … zurückgewiesen.
    Und wieder: Dann ist das eben so. Wenn Religion tut, was Religion tun muß, und Religion zurückgewiesen wird, weil Religion tut, was Religion tun muß, dann muß Religion sich eben zurückweisen lassen, und Schluß. (Und nächstensmal gönnen wir uns ein paar bestimmte Artikel, aber das nur nebenbei und als Abschweifung.)

    >>Religionen argumentieren zwar damit, dass ihre Vorstellungen mehr Glück und Erfüllung bringen würden, als die Selbstvorstellungen einzelner Personen, können damit aber nicht überzeugen, da es sich dabei um Behauptungen handelt, die allgemein aufgestellt werden und nicht die Konkretheit und Individualität der Person erfassen. Damit bleiben die Argumentationen der Religionen Thesen, die sich vor der Empirie messen lassen müssen und es bisher nicht ausreichend geschafft haben zu überzeugen.

    Hierzu ist erstens zu sagen: es wird hier völlig unberechtigt insinuiert, daß es sich hierbei um die hauptsächliche oder auch nur eine entscheidende Argumentation der Religionen (es geht uns übrigens eigentlich ums Christentum, oder?) handelt. Der Religion muß man folgen, weil (und wenn) sie *wahr ist*, und wenn einer sie nicht für wahr hält, dann treffen wir uns auf einem ganz anderen Diskussionsfeld. Diese Wahrheit einmal voraussetzend, muß man der Religion auch folgen, weil sie einem Gott offenbart und man diesen Gott liebt, der da geoffenbart wird (im Christentum jetzt, gell). Und schließlich, wen das noch nicht überzeugt: daß (diese Wahrheit einmal vorausgesetzt) es zeitliche und ewige Strafen setzt, primär (wenn auch nicht nur) *nach* dem Tod, setzt durchaus, einmal ein bißchen euphemistisch formuliert, einen zusätzlichen Anreiz. Ob es dann hier auf Erden glücklich macht, ist allem von dem und jedem einzelnem von dem gegenüber *völlig gleichgültig*.

    Dennoch sei zweitens gesagt: während die Aussage, daß die Religion neben alledem auch für Zunahme an irdischem Glück sorgt, an und für sich in der Tat einer gewissen empirischen Meßbarkeit unterliegt, halte ich es für zweifelhaft, daß sie bisher „nicht ausreichend geschafft haben zu überzeugen“. (Wobei immer gilt: wer keine Studie aufstellen kann, darf sich auch nach Eindrücken richten.) Zumindest dürfte es sich hier landläufig um das Bauchgefühl der Nichtreligiösen handeln, die uns darum, um das, wo wir ihnen zufolge unfair sind, beneiden. Die Atheisten sprechen vom „imaginären Freund“. Einen Freund zu haben macht glücklich (nur denken sie, es sei unfair, sich deswegen einen vorzustellen; und wir sagen, wir stellen Ihn uns ja gar nicht vor). Daß ein Christ bisweilen unter gewissen der unerforschlichen Ratschlüsse Gottes ächzt und stöhnt, wissen wir, wenn es sich aber nicht einmal zu den Atheisten herumgesprochen hat, kann das so prägend für die Situation der Religiösen nicht gewesen sein.

    >>Vergessen wird dabei aber meist, dass mit der Moderne oft auch eine größere Entfaltung der Person möglich wird, also ein „mehr“ an Vielfalt und Lebensmöglichkeiten, sodass man auch von einer Erweiterung des Horizonts reden kann. […]Selbst eine „antimoderne“ Ausrichtung kann nur wegen und in der Moderne existieren. In Medizin, Naturwissenschaft und Technik weiß die Moderne zudem eine gewaltige Erfolgsgeschichte vorzuweisen und selbst der Kritiker wird bei einer Krankheit eher zum Arzt gehen als sich mit religiösen Praktiken heilen.

    Hier allerdings sind wir Religiösen – für die Anhänger der Moderne gesprochen – jetzt in gewissem Sinne wirklich unfair. Wir erkennen kein Patentrecht „der Moderne“ an; wir prüfen alles, wirklich alles, und wir behalten das Gute, weil es eigentlich für uns gedacht gewesen ist, mag es auch jemand anders erfunden haben.

    Wir lassen es uns nämlich nicht nehmen, von dem, was sie alles für modern und ihr Eigentum reklamieren – ob sie einen Anspruch darauf haben, sei in den Einzelfällen einmal dahingestellt! – nur das abzulehnen, was wir für ablehnenswert halten, und nicht den ganzen Rest auch. Das betrifft etwa die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten – Religiöse wenden sich (sagen wir) gegen offene Beziehungen, nicht weil es den früher nicht gab, sondern weil sie einen Grund dafür haben. Sie wenden sich nicht dagegen, den Beruf des Webdesigners zu ergreifen, obwohl es auch diesen früher nicht gab, eben weil sie keinen Grund dafür haben.

    >>Eine Ablehnung der Moderne führt die Religionen in eine Ghetto-Mentalität der Abkapslung, die gefährlich wird. Diese Mentalität kann die Integration in die Mehrheitsgesellschaft verhindern

    Wir hatten das oben schonmal: hier will jemand auf der Einstellung eines Teils seiner Leserschaft zu Ausländerfragen herumspielen. Aber: nein, die Pflicht zur Integration in die Mehrheitsgesellschaft im nicht-totalitären Staat ist *an sich* schon nur marginal – oder wie war das noch gleich mit der persönlichen Freiheit? Und eine Pflicht zur Integration unter Aufgabe des wahren Glaubens, oder auch nur einer wahren Überzeugung im nicht-religiösen Bereich, kann es nicht geben. Andernfalls haben alle Deutschen – und natürlich auch alle anderen – das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist

    >>und zu Konflikten mit dieser führen, die sich im Extremfall in Gewalt entladen.

    Gewalt mag die ultimative Schreckensvorstellung unseres Zeitalters sein, tatsächlich ist aber ein Schlachtfeld, auf dem zwei jeweils von ihrer Meinung überzeugte Heere sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, um für die Wahrheit einzustehen, gegenüber der modernen Kompromißlerei geradezu eine Wohltat, und Gewalt erdulden, vielleicht auch (soweit erlaubt) Selbstverteidigung ausüben ist auf alle Fälle besser, als wegen einer ohnehin sehr abstrakten Gewaltgefahr (in der Praxis wird es nämlich in der Regel nur Kämpfe unter der rauflustigen Jugend, böses Gerede und irgendwann Gewöhnung geben) gleich prophylaktisch zu kapitulieren.

    >>Sie existiert nur noch als dunkle Fläche, die nicht überzeugt sondern abschreckt.

    Wenn die Religion einen modernen Menschen leider nicht anders kann als abzuschrecken, dann muß sie ihn eben abschrecken.

    Der kleine Trost: die mit der Moderne überforderten Menschen schreckt sie nicht unbedingt ab.

    Und nach dem allen zahlt der Verfasser fünf Euro ins Phrasenschwein:
    >>Die Lösung liegt in einer Rückbesinnung auf den Kern.

    Was soll der Kern der Religion – heißt konkret: der christlichen – denn nicht sein, wenn nicht genau alles das, von dem sagen-wir im apostolischen Glaubensbekenntnis berichtet wird? Und da ist für moderne Bedürfnisse und Befindlichkeiten leider (da ich selbst diese Moderne nicht unbedingt mag: nein, nicht leider; Gott sei Dank!) kein Platz, es geht hier um objektive Fakten!
    (Näher einengen möchte ich das übrigens nicht, alles, was im Apostolicum steht, gehört zu dem erstklassig wichtigen. Nur erwähne ich noch, daß natürlich mit dem „gekreuzigt unter Pontius Pilatus“, „für uns“, fügt das Nizänum ein, auch und besonders die Liebe Gottes zu uns angesprochen ist.)

    >>Religion lebt aus der der Begegnung mit Gott, in der erfahren wird, dass hier etwas stattfindet, dass mich unbedingt angeht.

    Wir geben heute Rabatt: nur 2 € ins Phrasenschwein (speziell für das „das mich unbedingt angeht“). Aus der Begegnung mit Gott, ja, aber mit dem wahren Gott: nicht mit dem eigenen religiösen Gefühl. Übrigens kann aber ein Mensch durchaus auch religiös sein, ohne eine persönliche Gottesbegegnung zu haben, ohne Mystiker zu sein. Rahner ist hier zu widersprechen; sofern er nicht eine Privatoffenbarung gehabt hat, daß alle, die im 21. Jahrhundert zum Glauben finden, dies durch eine unmittelbare mystische Erfahrung tun werden (und ist jemand, der einmal eine mystische Erfahrung gehabt hat und daran vielleicht durchaus festhält, schon ein Mystiker?). Empirisch wahrscheinlich ist viel eher, daß bei einer Bekehrung, wie es immer der Fall war, viele Dinge hineinspielen, Emotion, Verstand, natürlich auch und vor allem die Gnade etc., daß aber jedenfalls mystische Erfahrungen vor allem denen zuteil werden, die schon gläubig und damit schon Christen sind. Die Christen der ersten zwanzig Jahrhunderte waren zunächst Christen, und einige waren Mystiker; es gibt keinen Grund anzunehmen, daß das im einundzwanzigsten anders sein sollte.

    Gefällt mir

  2. Goswin v. Mallinckrodt

    Ich habe alle (bisherigen) drei Teile dieser Serie gelesen. Leider wir hier offenbar von einem ziemlich gegensätzlichen Verhältnis zwischen Modernismus und Religion ausgegangen, den man aber nicht unbedingt so sehen muss, auch wenn man sich selbst eher nicht als „Modernist“ bezeichnen würde. So kann man z.B. die Wurzeln der Aufklärung durchaus im Christentum wiederfinden. Es ist kein Zufall, dass das christliche Europa die einzige Kulturregion der Welt ist, die etwas wirklich vergleichbares wie die Aufklärung hervorgebracht hat. Bereits in der Scholastik gab es die selbstbewusste Annahme, letzte Wahrheiten nicht nur über die Offenbarung, über die Exegese, sondern auch über die Schöpfung, über die Philosophie erklären und finden zu können. Allein schon die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Evangelien und die Fleischwerdung Gottes in seiner Schöpfung hatten wie in keiner anderen Religion die Grundlage für solche Überlegungen gelegt. Selbst die Suche nach einem logischen Gottesbeweis kann man, auch wenn er nach Kant abgelehnt wurde, in die Entwicklung der Fragestellung was wäre, „wenn-es-Gott-nicht-gäbe“, einreihen. Viele Aufklärer waren zudem persönlich durchaus gläubige Menschen und die wissenschaftliche Forschung ist ja überhaupt erst an den kirchlichen Universitäten entstanden. Der spätere Gegensatz zum Glauben entwickelte sich erst nach und nach. Die heutige Wissenschaft wiederum scheint sich gewissen metaphysischen Konzepten wieder anzunähern (siehe Quantenphysik, antropologisches Prinzip, Chaostheorie, Emergenz etc.) bzw. Religion als weitere Komplexitätsebene nach Physik, Chemie und Biologie zu betrachten, deren Fragestellungen mit der jeweils vorherigen ohnehin nur bedingt in Verbindung stehen. Gerade Benedikt XVI. hat in vielerlei Hinsicht Wiederannäherungen und Dialoge zwischen Glaube und Wissenschaft gesucht und gefördert, nicht zuletzt in seinen eigenen Büchern. Die Beantwortung der großen universalen und zeitlosen Fragen (Warum gibt es die Welt, warum ist sie so wie sie ist, gibt es einen Gott, gibt es ein Leben nach dem Tod, was ist Sünde, was ist Schönheit, wie entsteht Bedeutung etc.), gehört doch zum „Kerngeschäft“ der Religion und betreffen jeden Einzelnen ganz existenziell. Nur wenn sich die Kirche wieder darauf besinnt, kann sie meiner Meinung nach wieder eine persönliche Relevanz für die Menschen erlangen und ehrlich gesagt nicht, wenn die Diskussionen davon bestimmt sind, ob mein Pfarrer Sex haben darf, ob ich mir jetzt ein Kondom überstülpen muss, etc. Ich glaube nicht, dass Christus deshalb auf die Welt gekommen ist. Auch die zunehmende Postulierung einer sog. „christlichen Politik“ enfernt sich leider vom Kern christlicher Verkündigung („mein Reich ist nicht von dieser Welt“, „gibt Caesar, was des Caesars“ etc), die ja letztlich seit der Zwei-Schwerter-Lehre und dem Investiturstreit (siehe deutsche Geschichte!) einen „Gottesstaat“, wie im Islam, ablehnt. Zwar darf und muss (siehe Nazis etc.) die Kirche Politik durchaus bewerten, doch die Rhetorik einer sog. „christlichen Politik“, gerade in der jüngsten deutschen Parteiengeschichte, hat doch erwartungsgemäß eher zu Heuchelei und Moralismus geführt. Gerade die christliche Religion betrifft in erster Linie den Einzelnen, sein Handeln, seine Existenz, nicht ein abstrakt-ideologisches Konzept „der Menschheit“, „des Staates“ oder „der Gesellschaft“. Und hat nicht gerade die politische Diskussion der letzten Jahre gezeigt, wie wichtig christliche Werte den Einzelnen eigentlich noch sind? So kann eine wirklich zeitlose Religion letztlich auch mit der modernen Welt „fertig werden“.

    Gefällt 1 Person

Auf geht's – verfasse einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s