Wenn Jesus ins Kino kommt: Der neue Ben Hur und „Bibelfilme“ heute

Wylers „Ben Hur“ wird noch heute immer wieder im Fernsehen ausgestrahlt, was von seiner Aktualität zeugt.  Deshalb stellt sich die Frage: Warum wird „Ben Hur“ neu verfilmt? Welche neue Akzente setzt der aus Kasachstan stammende Regisseur Timur Bekmambetov in der neuen amerikanischen Superproduktion?

Abgesehen von dramaturgischen Änderungen – aus 220 Minuten des Wyler-Filmes werden nun 120 Minuten – fällt vor allem eine Neuausrichtung im Subtext auf. Statt Rache steht nun Vergebung im Vordergrund. Bekmambetov und die Drehbuchautoren Keith R. Clarke und John Ridley nehmen insofern den Originaltitel der Romanvorlage „Eine Christus-Erzählung“ ernst. Allerdings bleiben die Filmemacher filmisch-qualitativ weit unter dem Klassiker zurück. Ein Beispiel: In Wylers Film ist Jesu Gesicht nie zu sehen, was eine besondere Stärke entwickelt und auch von vielen Zuschauern als wohltuend empfunden wird. In der Neuverfilmung erscheint Jesus viermal, häufig aber ohne erkennbaren Zusammenhang mit der Haupthandlung von „Ben Hur“. Die wenigen Sätze, die Jesus über Gottes Vergebung sagt, wirken außerdem eher aufgesetzt.

Die an sich schöne Botschaft von Vergebung statt Rache in der Neuverfilmung von „Ben Hur“ kann letztlich nicht überzeugen – und dies nicht nur wegen der im Vergleich zu Charlton Heston und Stephen Boyd amateurhaft spielenden Jack Huston (als Judah Ben Hur) und Toby Kebbell (Messala) und wegen einer holprigen Dramaturgie, die meistens einfach Szenen aneinanderreiht, sondern auch wegen eines Hangs zur Überdeutlichkeit, die der Vorstellungskraft des Zuschauers wenig Platz lässt. Gut gemeint ist wie bekannt das Gegenteil von gut.

Der Kinostart der „Ben Hur“-Neuverfilmung bietet Anlass zu fragen, wie es 12 Jahre nach Mel Gibsons „Die Passion Christi“ und der dazu gehörigen Medienschlacht um einen Film, der die Kritiker spaltete, um die Darstellung Jesu im Film steht. Nach jahrelanger Abwesenheit dieses Sujets sind im Jahre 2016 wieder mehrere „Jesus-Filme“ im Kino angelaufen.

Pünktlich zu Ostern startete im Kino „Auferstanden“ (Regie: Kevin Reynolds), der eine klassische Anmutung mit einer insofern modernisierten Dramaturgie verknüpfte, als die Hauptfigur – ein agnostischer römischer Militärtribun – Ermittlungen nach der Art eines Kommissars führte, wie ihn der Zuschauer aus unzähligen Fernsehkrimis kennt.

In „Auferstanden“ tritt Jesus selbst lediglich als bereits am Kreuz Gestorbener und im letzten Filmdrittel in einigen wenigen Szenen als Auferstandener auf. Trotz einiger Schwächen überzeugte Reynolds’ Film nicht nur filmkünstlerisch, sondern insbesondere wegen der mit der Heiligen Schrift übereinstimmenden Darstellung. Ganz anders „Jesus Cries“. Der Spielfilm von Brigitte Maria Mayer, der am Karfreitag Premiere feierte, stellt Jesus zwar in den Mittelpunkt. Mit dem historischen Jesus hat die Hauptfigur in „Jesus Cries“ jedoch wenig gemeinsam. Mayers Film spielt in „einer nahen Zukunft“ in einer nicht näher bestimmten Großstadt, in der bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. So werden in die eigentliche Handlung immer wieder Sequenzen von Straßenkämpfen zwischen Demonstranten und der Polizei hineingeschnitten. Schon deshalb und wegen des revolutionär gestimmten Jesus haftet „Jesus Cries“ ein aus den 1970er Jahren bekannter befreiungstheologischer Gestus an.

In krassem Gegensatz zum in sich ruhenden, ausgeglichenen Jesus in „Auferstanden“ ist der Jesus aus Mayers Film Gegenspieler von Kaiphas, der als Oberhaupt einer Art Kirche dargestellt wird. Vom Kreuz aus wird Jesus ihn auch noch anspucken und dadurch dessen schneeweißen Anzug mit Blut beflecken. Folgt „Auferstanden“ im Großen und Ganzen den Berichten der kanonischen Evangelien, so setzt Brigitte Maria Mayer ihren Jesus aus verschiedenen Quellen zusammen. Sie selbst bezeichnete bei der Premiere das Neue Testament als eine „Mischung aus Geschichte, Legenden und griechischer Mythologie“. Im Hinblick auf die Missionierung-Aufgabe der Jünger Jesus sei es darüber hinaus zu sehr „harmonisiert“ worden. In Mayers Film ruft Jesus explizit zur Gewalt auf: „Ich bin die Wut, ich bin der Hass, ich bin der Aufstand, ich bin die Verzweiflung“. Zwar zeigt der Film am Ende eine gewisse Offenheit für die Auferstehung, ohne dass es aber im Gegensatz zu Kevin Reynolds’ Film „Auferstanden“ zu einer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus kommt.

Einen ebenso fiktiven Jesus präsentiert Regisseur Cyrus Nowrasteh in „Der junge Messias“ („The Young Messiah“), der Mitte Mai im deutschen Kino startete. Basierend auf dem 2007 auf Deutsch erschienenen Roman „Jesus Christus. Rückkehr ins Heilige Land“ von Anne Rice erzählt Nowrastehs Spielfilm vom siebenjährigen Jesus, der mit seinen Eltern Maria und Josef in Alexandria lebt. Dorthin sind sie mit anderen Verwandten, etwa Marias Bruder Kleopas, vor König Herodes geflüchtet. Nach einer Rangelei mit einem älteren Jungen fällt dieser zu Boden, stößt mit dem Kopf an einen Stein und bleibt tot liegen.

Die Bewohner, die ohnehin die fremden Handwerker und deren Familien mit Argwohn betrachten, reagieren aufgebracht … bis Jesus den toten Jungen wieder zum Leben erweckt. In einem Traum erfährt Josef, dass Herodes gestorben ist und er mit seiner Familie nach Palästina zurückkehren soll. Auf dem Weg nach Nazareth erkrankt Kleopas schwer. Jesus heilt seinen Onkel vor allen Augen, so dass sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet. Herodes beauftragt daraufhin den römischen Zenturio Severus, das wundertätige Kind zu finden und zu töten. In der Ausstattung erinnert „Der junge Messias“ an Kevin Reynolds’ „Auferstanden“. Regisseur Cyrus Nowrasteh lässt mit viel Sorgfalt die Zeitenwende wieder erstehen. Zu dem historisch-geografischen Kolorit tragen nicht nur Kostüme und Bauten, sondern auch die als „ethnisch“ zu bezeichnende Filmmusik bei. Als besonderes Stilmittel setzt „Der junge Messias“ die Gestalt des Teufels ein, der sich – ähnlich als in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ – als schwarz gekleideter, blonder junger Mann von allen anderen Bewohnern Alexandrias unterscheidet, die helle Kleider tragen. Obwohl sich in einigen Passagen das Drehbuch an die Heilige Schrift anlehnt, erinnern andere Szenen jedoch eher an apokryphe Kindheitsgeschichten Jesu. Von der Formung eines Vogels aus Lehm oder auch von anderen Heilungen berichtet insbesondere das sogenannte Kindheitsevangelium nach Thomas.

„Jesus sucht nach Antworten“ heißt es in Nowrastehs Film. In diesem Zusammenhang findet der Besuch Jesu als Kind im Tempel statt. Im Lukasevangelium spricht die Antwort Jesu als Zwölfjähriger, der von Josef und Maria im Tempel wiedergefunden wird, jedoch eine ganz andere Sprache: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“.

Mit dem Glauben an Gott beschäftigen sich ebenfalls zwei im Sommer auf DVD erschienene Spielfilme – auf sehr gegensätzliche Art und Weise. In der belgischen Klamotte „Das brandneue Testament“ zeichnet ihn Regisseur Jaco van Dormael als Clochard in abgerissenem Bademantel, der in einer heruntergekommenen Brüsseler Wohnung Frau und Tochter schikaniert. Dieser Gott ist kein liebender Vater. Ganz im Gegenteil: Seine Freude ist es, seine Geschöpfe zu quälen. „Natürlich ist ‚Das brandneue Testament‘ blasphemisch“, schrieb dazu „Die Welt“. Jaco van Dormael stellt die Existenz Gottes als Horrorgeschichte dar.

Ganz im Gegensatz dazu steht de US-amerikanische Film „Gott ist nicht tot“ (Harold Cronk, 2014). Der in eindeutig apologetischer Absicht realisierte Film handelt von Studienanfänger Josh Wheaton, der in einem Philosophieseminar auf Professor Radisson stößt. Dieser verlangt von seinen Studenten, zu Beginn des Semesters die Worte „Gott ist tot“ auf ein Blatt Papier zu schreiben und dieses zu unterschreiben. Als Einziger weigert sich Josh, dies zu tun, woraufhin der junge Student vom Professor aufgefordert wird, in drei Sitzungen die Existenz Gottes zu beweisen. Nimmt sich der Film in der Haupthandlung stimmig aus, so enttäuscht er nicht nur durch das eher banale Ende. Auch die Vielzahl an mit klischeebeladenen Figuren und (unfreiwillig) komischen Situationen gespickten Nebenhandlungen, die Regisseur Harold Cronk mit dem Hauptstrang zu verknüpfen versucht, nehmen dem Film viel von der Kraft, die er eigentlich im Hauptstrang entfaltet. Dennoch bleibt „Gott ist nicht tot“ immerhin ein bemerkenswerter Versuch, ein abstraktes Sujet in einem Spielfilm auf spannende Weise umzusetzen.

Die Darstellung katholischer Priester im Film

Aber nicht nur der Bibelfilm bietet die Möglichkeit, auf den christlichen Glauben und ganz konkret auf Jesus zu verweisen. Auch wenn solche Verweise im heutigen Film selten sind, manchmal gelingt es doch, so beispielsweise in Eric Emmanuel Schmitts „Oskar und die Dame in Rosa“ (2009). In einer Szene bringt die titelgebende „Dame in Rosa“ den sterbenskranken Oskar in eine Kirche. Auf den Einwand des Jungen, ob Gott das Leid verhindern könnte, antwortet sie, das könne niemand: „Weder du, noch ich, noch er.“ Dann aber lässt sie Oskar auf den Gekreuzigten schauen, und stellt die schlichte Frage: „Wem fühlst Du Dich näher: Einem Gott, der leidet oder einem, der nichts empfindet?“

Mit der Darstellung des christlichen Glaubens hängt darüber hinaus das Bild des katholischen Priesters im Film unmittelbar zusammen. Zwar stellen immer wieder Filme Priester als pathologische Gestalten – von Almodóvars „Schlechte Erziehung“ (2004) über Dietrich Brüggemanns „Kreuzweg“ (2014) und Gerd Schneiders „Verfehlung“ (2014) bis zum chilenischen Film „Der Club“ (2015) – dar, aber die Zahl der Filme, in denen die Figur des katholischen Priesters überaus positiv besetzt ist, nimmt sich nicht minder eindrucksvoll aus. Zu den imponierendsten Priestergestalten der letzten Kino-Jahre zählt der im KZ Dachau inhaftierte Luxemburger Henri Kremer in Volker Schlöndorffs „Der neunte Tag“ (2004). Der Film erzählt von einem außergewöhnlichen Vorgang: Der Geistliche, der mit wirklichem Namen Jean Bernard hieß, erhielt im Februar 1942 zehn Tage Urlaub aus dem KZ, um zur Beerdigung seiner Mutter zu fahren. Nach den Erinnerungen des Pfarrers hing das Leben der anderen Priester in Dachau von seinem Entschluss ab, aus dem Urlaub zurückzukehren. Die vom Priester geäußerte Vermutung, mit diesem „Freigang“ habe die Gestapo eine „Umschulung“ des luxemburgischen Geistlichen und damit einen „Propagandaerfolg“ erzielen wollen, liefert die Grundlage für den Kinofilm. Henri Kremer widersteht den subtilen Einflüsterungen des Gestapo-Chefs.

Naturgemäß stehen katholische Priester etwa in Filmen im Mittelpunkt, die vom Exorzismus handeln. Der so genannte „Klingenberg-Fall“, der Ende der siebziger Jahre für Schlagzeilen sorgte, wurde in zwei Spielfilmen fiktionalisiert, wobei sie je nach der Einstellung der Filmemacher zu unterschiedlichem Ergebnis kamen. In „Requiem“ (2005) bedient sich der deutsche Regisseur Hans Christian Schmid einer linearen Erzählweise, um den Fall der Anneliese Michel darzustellen, die im Film Michaela Klingler heißt.

Vertritt Schmid die Meinung, „dass ein Exorzismus kein geeignetes Mittel ist, um jemandem, der psychisch krank ist, zu helfen“, so überlässt es der amerikanische Spielfilm „Der Exorzismus der Emily Rose“ (Scott Derrickson, 2005) dem Zuschauer, eigene Schlüsse zu ziehen. Im Gegensatz zum Priester in „Requiem“ wird der Geistliche in „Der Exorzismus der Emily Rose“ als normaler, auf dem Boden der Realität stehender Mensch gezeichnet.

Besonders sympathisch, hilfsbereit und um das Seelenheil seiner Gemeinde besorgt, schildert Clint Eastwood in „Gran Torino“ (2008) den blutjungen Priester, der den Protagonisten, den verwitweten Walt Kowalski, immer wieder zur Beichte zu bewegen sucht. Die sympathische Figur des jungenhaft, aber ebenso ernst wirkenden Father Janovich bleibt dem Zuschauer in bester Erinnerung. Eine weitere Priestergestalt tritt in Terrence Malicks „To The Wonder“ (2012) auf: Eine frisch verheiratete junge Frau sucht, nachdem der Alltag ihre Liebe hat erkalten lassen, geistliche Hilfe bei einem katholischen Pfarrer. Der Priester ist aber selbst voller Zweifel am eigenen Glauben und konfrontiert sie mit der Frage, ob Liebe überhaupt ewig bestehen kann. Im Laufe der Handlung erfährt dieser Priester jedoch eine Umkehr. Seine sich in Monologen, aber noch deutlicher in der Körpersprache äußernden Selbstzweifel überwindet er durch die Öffnung zu den Benachteiligten der Gesellschaft (zu den „Randgebieten“ in der Sprache von Papst Franziskus). Dadurch findet der Pfarrer den Glauben wieder. In „Am Sonntag bist Du tot”, einem irischen Film mit dem bezeichnenden Originaltitel „Calvary“ (2014), erhält ein katholischer Priester eine Morddrohung von einem Mann offenbar mittleren Alters, der als Kind von einem Priester missbraucht worden war. Der Pfarrer geht mit engelsgleicher Geduld auf die Agnostiker und Atheisten auf der Insel zu. Obwohl er selbst ziemlich geerdet und keineswegs fehlerlos wirkt, geht er seinen Weg auch in einer zynisch gewordenen Welt unbeirrt weiter, die allein seine bloße Existenz als ein Ärgernis ansehen muss, weil er der post-christlichen Gesellschaft ständig vor Augen führt, dass sie mit dem Glauben auch das Vertrauen in die Menschen verloren hat. So ist es geradezu folgerichtig, dass der Pfarrer die Schuld der anderen auf sich nimmt.

Ein genuin christliches Thema im Film: Versöhnung

Die Behandlung christlicher Inhalte im Film beschränkt sich jedoch nicht auf die Darstellung Jesu, bestimmter Bibelgestalten oder auch katholischer Priester auf der großen Leinwand. Dazu zählen ebenso bestimmte das eigene Menschenbild widerspiegelnde Themen, etwa die Art zu Weise, Abtreibung, Euthanasie oder auch gewisse Haltungen zu behandeln, die zwar nicht ausschließlich, aber unmittelbar mit dem Christentum verbunden sind. Zu den immer wiederkehrenden Filmsujets, die auch im christlichen Glauben tief verankert sind, gehört Versöhnung. Mit einem lediglich untergeordneten, aber deshalb nicht weniger eindrucksvollen Bezug zum christlichen Glauben in Form eines Gesprächs mit einem katholischen Priester stellt David Lynchs „The Straight Story – Eine wahre Geschichte“ (1999) ein Glanzlicht des Genres dar: Den 74jährigen Alvin plagt ein Hüftleiden, aber als eines Tages sein Bruder Lyle einen Schlaganfall erleidet, entscheidet der alte Mann, einem zehn Jahren währenden Zerwürfnis zwischen den Brüdern ein Ende zu setzen. Da Alvin nicht mehr Auto fahren kann, entschließt er sich, 560 km auf einer uralten Mähmaschine zurückzulegen. Die Versöhnung zwischen zwei Brüdern steht ebenso im Mittelpunkt des britischen Films „Papadopoulos & Söhne“ (Marcus Markou, 2012) gerade durch das Erinnern an das gemeinsame vergangene Leben.

Ebenso unsentimental wie Lynchs und Markous Film inszeniert Peter Hedges seinen Spielfilm „Pieces of April – Ein Tag mit April Burns“ (2003): Die Punkerin April hat mit ihrer Mittelschicht-Familie gebrochen und ist aus der Provinz in das große New York gezogen, wo sie nun in einem winzigen Apartment in einem verwahrlosten Mietshaus ihren ersten Truthahn zubereiten muss, weil sie ihre sterbenskranke Mutter, ihren Vater und Geschwister sowie die an Alzheimer leidende Oma zu Thanksgiving eingeladen hat. Bald wird es deutlich, dass die Familie die weite Reise nach New York macht ohne rechte Lust, das schwarze Schaf der Familie zu besuchen. Hedges’ Regiedebüt ist ein wirklich bewegender Film, der auf ungewöhnliche, dafür aber glaubwürdigere Weise als die üblichen Hollywood-Filme Familienwerte und Solidarität, die Versöhnung des „schwarzen Schafes“ der Familie mit der Mutter feiert.

Über die Aussöhnung im privaten Bereich, in den „Mikro-Beziehungen“, hinaus setzen sich Spielfilme ebenso mit Vergebung und Versöhnung in den „Makro-Beziehungen“ – in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen – auseinander. Ob es sich um die furchtbaren Ereignissen im Ruanda des Jahres 1994, als rund 800 000 Menschen grausam ermordet wurden, in Terry Georges „Hotel Ruanda“ (2004) und in Michael Caton-Jones’ „Shooting Dogs“ („Beyond the Gates“, 2005) oder auch um die Versöhnung nach jahrzehntelangem Rassismus in Südafrika in Clint Eastwoods Spielfilm „Invictus – Unbezwungen“ (2009) handelt, der Nelson Mandela ein filmisches Denkmal setzt: Diese Filme vermitteln dem Zuschauer den Geist von Versöhnung und Vergebung. Einem der größten Konfliktherde der Welt widmete der deutsche Regisseur Marcus Vetter in den Jahren 2008 – 2012 eine Dokumentarfilm-Trilogie.

In „Das Herz von Jenin“ schildert Vetter, wie der Palästinenser Ismail Khatib die Organe seines von einem israelischen Soldaten 12-jährig getöteten Sohn Ahmed an Kinder in Israel spendete. Nach einer Vorführung von „Das Herz von Jenin“ meldete sich Yael Armanet-Chernobroda zu Wort. Sie sei von Ismael Khatib sehr beeindruckt und wolle selbst etwas zurückgeben. Ihr Mann Dov Chernobroda sei bei einem Selbstmordattentat ums Leben gekommen. Hätte er überlebt, hätte Dov ganz gewiss die Familie des Attentäters kennenlernen wollen. Unter der Regie der jungen Filmemacherinnen Jule Ott und Steffi Bürger und produziert von Marcus Vetter entstand 2011 der hochemotionale Dokumentarfilm „Nach der Stille“ über die Annährung zwischen Dov Chernobrodas Witwe Yael Armanet-Chernobroda und den Eltern des Selbstmordattentäters Shadi, Um Amjad und Abo Amjad Tobassi, die in eine ungewöhnliche Freundschaft mündete. Der Versöhnungsgedanke wird im dritten Dokumentarfilm „Cinema Jenin“ (2012) noch weiter vertieft, der den Wiederaufbau eines seit Jahrzehnten verlassenen Kinos in Jenin filmisch einfängt.

Wegen des großen Einflusses von Film und Fernsehen auf den Gedanken- und Gefühlshaushalt nicht nur, aber insbesondere junger Menschen erscheint die Vereinbarkeit der darin verbreiteten Ideen mit dem christlichen Menschenbild von großer Wichtigkeit – und dies nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie, in Bezug auf den „religiösen“ Film. Dass die Kreativen in diesem Bereich – Drehbuchautoren, Regisseure, Produzenten – mit dem christlichen Gedankengut in Berührung kommen, ist deshalb eine wichtigere Aufgabe als die Produktion von Jesus- oder allgemein Bibelfilmen, vor allem wenn sie handwerklich-filmisch nicht den hohen Maßstäben qualitätsvoller Kino- oder Fernsehfilme genügen.

Dr. phil. José Garcia ist freier Journalist und Filmkritiker.

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