Wo antike Wurzeln und christlicher Glaube Arm in Arm gehen, atmet die europäische Geistesgeschichte

Nel mezzo del cammin di nostra vita – Umkehr und Buße bei Dante Alighieri 

von Marco F. Gallina

Die Göttliche Komödie von Dante Alighieri ist der Beginn eines der größten Epen Europas. Dennoch erscheint Dante nicht als Held, sondern als Sünder – und damit als Mensch. Aus dem Dreiklang von Reue, Umkehr und Buße zieht der erste Gesang des Meisters der italienischen Poesie bis heute seine Aktualität.

»Nel mezzo del cammin di nostra vita

mi ritrovai per una selva oscura,

ché la diritta via era smarrita.«

»Auf halbem Weg des Menschenlebens fand

Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,

Weil ich vom graden Weg mich abgewandt.«

(Übersetzung nach Streckfuß 1876)

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Statue in den Uffizien, Florenz

Auch wer Dante Alighieri und seine Divina Commedia nicht kennt; wer keine Ahnung von mittelalterlicher Poesie hat; und selbst wer kein Wort Italienisch spricht – dürfte allein vom Ton der epochalen Sprache dieses größten Werkes italienischer Poesie aus dem Munde Vittorio Gassmans her erkennen, dass es sich bei Dantes Schaffen um Großes handelt, was die Völker und Seelen dieser Welt bewegt. Bereits der Klang von Gassmans Stimme, verbunden mit der Dichtkunst des „Poeta“ lässt uns erahnen: hier spricht nicht der Zeitgeist von 140 Zeichen, sondern die geistige Tiefe von dreizehn Jahrhunderten.

„Nel mezzo del cammin di nostra vita“, der erste Vers von Dantes Göttlicher Komödie, gilt bis heute in Italien als geflügeltes und vertrautes Wort, so wie manche Wendung aus Goethes Faust im Deutschen Fuß gefasst hat. In Zeiten, in denen Lehrinstitute noch nicht auf den Erwerb von Kompetenzen, sondern klassische Bildung gerichtet waren, hatten Schüler einst die erste Canzone noch auswendig lernen müssen.

Das sind immerhin 136 Zeilen Text. Und sie gehörten einst zum Kanon der Weltliteratur, weil dieser erste Gesang antikes Denken und christlichen Erlösungsgedanken miteinander verband.

Neben Manzoni gilt Dante bis heute als Töpfermeister der Italienischen Sprache. Sein Epos erschien nicht in Latein, sondern im Florentinischen volgare. Das tat seiner Verbreitung keinen Abbruch. Denn obwohl in der Commedia auch viele zeitgenössische Anspielungen auftreten, und Dante manchen Weggefährten im Inferno wiedertrifft, lebt das Werk von seiner zeitlosen Botschaft. Die Göttliche Komödie ist dabei nicht nur ein Höhepunkt mittelalterlicher Dichtkunst, sondern auch eine literarische Enzyklopädie alteuropäischen Wissens.

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Statue in den Uffizien, Florenz

Trotz all dieser Größe überrascht der Anfang; denn Dantes Werk beginnt mit einem Eingeständnis. Obwohl die Göttliche Kömodie als das mittelalterliche Epos schlechthin gilt, und an die homerischen und vergil’schen Vorbilder anschließt, ist unser Held kein zürnender Waffenträger, kein listiger griechischer Kapitän, kein trojanischer Stadtgründer und auch kein Ritter vom Schlage Parzivals oder Lancelots. Die Divina Commedia handelt nicht von einem glorreichen Helden, sondern von einem verirrten Mann.

Dante erscheint gegen Achill, Odysseus, Aeneas oder die Ritter von Camelot als geradezu erbärmliche Gestalt, die ihre Schwäche offen zugibt. Verirrt in einer finsteren Welt, deren Anblick selbst den Tod als erträglicheres Schicksal erscheinen lässt, ist die Angst sein ständiger Begleiter. Wie er auf den falschen Weg geraten ist, das kann er nicht mehr sagen. Mit 35 Jahren widerfährt Dante dieses Ereignis angeblich in der Karwoche des Jahres 1300 – eine Notiz, die Licht zwischen die schwarzen Blätter des toskanischen Dickichts wirft.

Der Dichter ist im wirklichen wie auch im geistig-spirituellen Leben von der „rechten Bahn“ abgekommen. Der Florentiner gesteht damit ein, dass er persönlich falsch gehandelt hat; und obwohl er versucht, wieder auf den Pfad zurückzufinden, den er wie schlafwandelnd einst verlor, stellt sich ihm zu allem Übel auch noch ein Panther in den Weg. Im Angesicht des wilden Tieres weicht er aus, trifft dann aber auf die nächste Bestie: einen Löwen, dessen Hunger „die Luft zittern“ lässt. Den letzten Funken Mut verliert Dante, als sich ein drittes Tier hinzugesellt. Eine Wölfin vertreibt ihn vom Hügel, den er eben noch erklimmen wollte. Zuletzt rettet er sich in ein finsteres Tal.

Die Begegnungen Dantes mit den Tieren symbolisieren den menschlichen Kampf gegen die eigenen Laster; er kämpft im wahrsten Sinne gegen seinen eigenen „Schweinehund“ an. Der Panther ist das Zeichen der Wollust und der sexuellen Begierden, die einen von der Wahrheit abhalten, und in der ersten Lebensphase zur Sünde führen. Der Löwe mit seinem Hunger steht dagegen für Ehrgeiz und Ruhmsucht; nicht nur Politiker, sondern auch Künstler sind deren größtes Opfer, und Dante spricht sich nicht von diesem Hochmut frei, der so vielen zum Verhängnis wurde.

Die Wölfin, die Dante in seinem ersten Gesang als „magra“ bezeichnet – also im wahrsten Sinne als mager bzw. hager – ist das Sinnbild von Neid und Habgier. Sie gilt als die gefährlichste Bestie, da sie in ihrer Missgunst nicht nur sich selbst, sondern auch anderen schadet. Je mehr sie reißt, desto unzufriedener ist sie mit dem, was sie hat und steigert sich in ihrem Wahn danach, anderen zu schaden und sich an fremdem Eigentum zu bereichern.

Die Mitte von Dantes Lebensweg ist also keine Midlife-Crisis, sondern die Einsicht der eigenen Sünden, die Angst vor der bösen Tat, und der Wille zur Reue. Einzig, Dante ist noch nicht zur Erlösung fähig, fürchtet sich stattdessen vor dem Schicksal. Im Tal fleht er eine fremde Gestalt an, ihn vor den Bestien zu schützen. Die ganze Panik kommt in Dantes folgenden Worten auf den Punkt:

»Mentre ch’i’ rovinava in basso loco,

dinanzi a li occhi mi si fu offerto

chi per lungo silenzio parea fioco.

Quando vidi costui nel gran diserto,

Miserere di me“, gridai a lui,

qual che tu sii, od ombra od omo certo!“«

»Indessen ich zur Tiefe stürzt’ im Fliehn,

Da zeigte meinem Blicke dort sich Einer,

Der durch zu langes Schweigen heiser schien.

„Wer du auch seist,“ so rief ich, als ich seiner

Gewahrt in großer Wüste, „nenn’ ich dich

Mensch oder Schatten, – o erbarm dich meiner!“«

Der Retter in der Not gibt sich zu erkennen: es handelt sich um den römischen Dichter Vergil, den Verfasser der antiken Aeneis – und Dantes literarisches Vorbild. Das mag zuerst verblüffen, dass ausgerechnet ein Heide den reuigen Christenmenschen führen soll; doch Vergil handelt nicht nur aus eigenem Antrieb. Ihn schickt Beatrice, Dantes Sinnbild christlicher Tugend. Und in ihrem Sinne weist er ihn bei seiner Frage nach Hilfe zurecht:

»„A te convien tenere altro vïaggio“,

rispuose, poi che lagrimar mi vide,

„se vuo’ campar d’esto loco selvaggio; “«

»„Du mußt auf einem andern Wege fort,“

Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,

„Willst du entfliehen aus diesem wilden Ort.“«

Vergil bereitet Dante darauf vor, dass er sein Seelenheil nicht auf dieser Welt findet, wo die gefährlichen Tiere hausen, und immer wieder vom Weg ablenken. Wie Aeneas oder Odysseus soll Dante in die Unterwelt herabsteigen – freilich, ohne Heldentaten wie jene zu vollbringen. Dantes Mission ist keine Âventurie im traditionellen Sinne, sondern ein Weg zur Selbst- und Gottfindung. Nur die Rückbesinnung auf den spirituellen Teil des Lebens birgt die Rettung vor jenen üblen Laster, die ihn so lange verführten. Vergil bietet sich dabei als Führer durch die Hölle und über den Läuterungsberg an, bis ihn eine würdigere Person – nämlich Dantes Ideal, Beatrice – ablöst.

Der erste Gesang Dantes ist daher die Angst vor dem „Fluch der bösen Tat“, die Panik vor der Gottesferne, der Vorsatz der Reue – und der Antritt einer Buße. Vergil deutet bereits an, dass diese Reise eine gefährliche würde. Doch mit einem Mal ist Dante, den wir bisher als zögernd, ängstlich, irrend und zweifelnd erlebt haben – wie ausgewechselt. Kaum dass er vernimmt, dass am Ende seines Weges das Treffen mit Beatrice und möglicherweise eine Gotteserfahrung steht, streift er alles von sich ab, was ihn vorher hinderte. Ohne zu zögern folgt er Vergil, selbst die Hölle mag ihn nicht schrecken.

Hier atmet die europäische Geistesgeschichte. Vergil, das Sinnbild der antiken Welt, und Dante, das Kind des christlichen Mittelalters, machen sich gemeinsam auf den Weg. Was Dante treibt, ist der Willen zur Erlösung. Groß und episch ist sein Werk, wie die antiken Abenteuer seines Vorbilds, durchsetzt von den Mythen jener Zeit; und dennoch ist es hier die christliche Hoffnung, welche die Handlung in Gang setzt. Antike Wurzeln und christlicher Glaube gehen Arm in Arm. Nur bis zum Ende mag Vergil nicht mitkommen, da er den einen Gott zu Lebzeiten nicht gekannt hat. Mit Vernunft sind Hölle und Purgatorium zu fassen, was aber im Paradies geschieht, das ist nur jenen zugänglich, die auch glauben.

Der Glaube kann verloren gehen – wie in einem Wald, in dem man sich verirrt hat. Aber selbst in der Lebensmitte besteht immer noch die Hoffnung, auf den richtigen Pfad zurückzukehren. Auch, wenn Dante dafür eine kleine Hilfestellung braucht.

Marco Fausto Gallina studierte Politik- und Geschichtswissenschaften in Verona und Bonn. Geboren am Gardasee, sozialisiert im Rheinland, sucht der Historiker das Zeitlose im Zeitgeistigen und findet es nicht nur in der Malerei oder Musik, sondern auch in der traditionellen italienischen Küche. Katholische Identität und europäische Ästhetik hängen für ihn dabei unzertrennlich zusammen. Unter den Schwingen des venezianischen Markuslöwen betreibt er seit 2013 sein Diarium, den Löwenblog.
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