Die Adenauer-Ära in Kino und Fernsehen

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Andere Zeiten: Der bekennende und praktizierende Katholik Adenauer im Gespräch mit Kardinal Joseph Wendel und Bischof Karl Christian Weber am 2. September 1956. Foto: Bundesarchiv/Rolf Unterberg via Wikipedia (CC-BY-SA 3.0)

Kompromisslose Rückblende

Ende März strahlte das ZDF den Fernseh-Dreiteiler „Ku’damm 56“ aus, der im Berlin des Jahres 1956 angesiedelt ist und ein Publikumserfolg wurde: Von der ersten bis zur letzten Folge steigerte sich die Miniserie von 15,3 auf 19,6 Prozent oder 6,35 Millionen Zuschauer. Produziert wurde die UFA-Miniserie von Nico Hofmann, der mit „Dresden“ (2005), „Das Wunder von Berlin“ (2008) und zuletzt der mit dem „International Emy Award“ ausgezeichneten Miniserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013), dem Fernsehfilm „Bornholmer Straße“ (2014) sowie der achtteiligen Serie „Deutschland 83“ (2015) besonders für die Verfilmung von historischen Stoffen bekannt ist und der zu den deutschen Produzenten mit wiedererkennender Handschrift zählt. Über „Unsere Mutter, unsere Väter“ schrieb der inzwischen verstorbene Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. März 2013: „Die Ernsthaftigkeit, die Detailtreue, die Kompromisslosigkeit, mit denen er [Nico Hofmann] es tat, sind bewundernswert und haben das Zeug dazu, die Seele des Landes anzurühren.“ Die Idee und das Drehbuch für „Ku’damm 56“ stammen von Annette Hess, die sich insbesondere mit der DDR-Serie „Weissensee“ (2010–2014) einen Namen gemacht hat.

Gesellschaftstänze und Benimmschulen

Im Mittelpunkt von „Ku’damm 56“ steht Caterina Schöllack (Claudia Michelsen), die im Jahre 1956 am Berliner Kurfürstendamm 56 die Tanz- und Benimmschule „Galant“ führt. Nach außen hin auf Prüderie bedacht – in der Tanzschule dürfen nur konventionelle Gesellschaftstänze unterrichtet werden, moderne Tänze bezeichnet sie bisweilen als „Einladung zum Beischlaf“ – unterhält Caterina Schöllack jahrelang ein geheim gehaltenes Verhältnis zum Hausfreund und Tanzlehrer Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht). Drängt Assmann auf Heirat, weil Caterinas Ehemann Gerd Schöllack seit 1944 vermisst wird, so besteht Caterina auf Beibehaltung des „Status Quo“. Heuchelei erweist sich demnach als der Hauptcharakterzug der Hauptfigur in „Ku’damm 56“.

In den drei Töchtern von Caterina Schöllack spiegelt sich die Rolle der Frau in den fünfziger Jahren – wenigstens nach Annette Hess’ Verständnis – wider. Die älteste Helga (Maria Ehrich) heiratet zu Beginn des Dreiteilers den angehenden Staatsanwalt Wolfgang von Boost (August Wittgenstein) und setzt alles daran, die perfekte Frau für ihren Ehemann zu sein. Allerdings stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass Wolfgang homosexuell veranlagt ist – was aber Helga nicht daran hindert, die Fassade aufrecht zu halten. Eva (Emilia Schüle), die Jüngste, arbeitet als Pflegerin in einer Nervenheilanstalt in Berlin-Dahlem. Angestachelt von ihrer Mutter verfolgt sie einen ehrgeizigen Plan: Ihren Chef Professor Jürgen Fassbender (Heino Ferch) trotz des Altersunterschieds zu heiraten. Das ursprüngliche Ziel gerät jedoch in den Hintergrund, als sie sich plötzlich in einen (verheirateten) Ost-Berliner Fußballspieler verliebt. Die meiste Bildschirmzeit gehört jedoch der mittleren Schwester Monika (Sonja Gerhardt), die der Widerpart ihrer Mutter und dadurch zur Hauptfigur in „Ku’damm 56“ wird. Trotz des Ensemble-Charakters des Dreiteilers mit einer Vielzahl an Figuren und den verschiedenen Parallel-Handlungen sieht der Zuschauer die Ereignisse aus Monikas Perspektive. Die Handlung der Miniserie beginnt denn auch mit Monikas Rückkehr nach Berlin, nachdem sie aus einer Hauswirtschaftsschule wegen „unzüchtigen Verhaltens“ verwiesen wurde. Für Caterina ist Monika das schwarze Schaf der Familie. Sie besitzt allerdings ein großes Tanztalent, weshalb sie nach ihrer Rückkehr in der Tanzschule unterrichten darf. Als sie Musiker Freddy Donath (Trystan Pütter) und den Rock ’n’ Roll kennenlernt, entdeckt sie eine neue Welt. Ihre Mutter sähe sie allerdings lieber an der Seite des Industriellensohns Joachim Franck (Sabin Tambrea), zu dem Monika ein ambivalentes Verhältnis hat: Nachdem Joachim sie vergewaltigt hat, entwickelt sich jedoch zwischen den beiden im weiteren Verlauf eine gewisse Nähe.

Rolle der Frau in den 1950er Jahren

Auch wenn in „Ku’damm 56“ der Neubeginn nach dem Krieg und der Gegensatz zwischen West- und Ostberlin eine Rolle spielen, bleibt das Hauptthema des Dreiteilers die Rolle der Frau in den fünfziger Jahren. Auf die Frage nach der Inspiration für ihre Figuren antwortet Drehbuchautorin Annette Hess: „die Erzählungen meiner Eltern über diese Zeit. Immer wieder tauchte der Name einer unmöglichen Monika auf. Sie war nicht anständig, poussierte mit Jungs, trug Petticoats und las Romane! Eine Helga gab es auch, eine Freundin meiner Mutter, gutmütig, anständig, bemüht, allen Erwartungen gerecht zu werden. Auch Vorbilder für die berechnende Eva, die ‚auf dem Standesamt promovieren’ will – wie das damals hieß – kamen in vielen Erzählungen vor. Aber am meisten interessierte mich diese Monika, denn der Umgang mit ihr war verboten. Sie war also gefährlich.“

Angelehnt an Filme wie „Die Halbstarken“ (1956) oder Nicholas Rays „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955), in denen junge Männer gegen die Wertvorstellungen der Elterngeneration rebellieren, wollte Hess „von den jungen Frauen erzählen, von denen, die es doppelt schwer hatten, ein eigenständiges Leben zu leben. Denn die Frauen der 1950er Jahre kämpften nicht nur mit der bigotten Moral jener Zeit, sondern darüber hinaus mit einem biederen, festsitzenden und fatalen Rollenverständnis: ‚Kinder werden Leute, Mädchen werden Bräute.’ Die Frau hatte sich dem Mann unterzuordnen. Sie konnte keinen Mietvertrag abschließen, und sie durfte nur mit Erlaubnis ihres Mannes arbeiten. Zudem waren die allermeisten Frauen sexuell ahnungslos und entsprechend gehemmt.“ Deshalb – so Kornelius Friz in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – sei „Ku’damm 56“ im Grunde „weniger eine bundesrepublikanische Nachkriegssaga als vielmehr Annette Hess’ ganz persönlicher Familienroman.“ Nicht nur Caterina Schöllack, sondern überhaupt die gesamte Gesellschaft der fünfziger Jahre wird in „Ku’damm 56“ als scheinheilig dargestellt. Heikel Hempel, ZDF-Hauptredaktionsleiterin, spricht in diesem Zusammenhang „von familiären Verwüstungen, verborgen hinter einem perfekten Erscheinungsbild“.

Lebenslügen und Geschäfte

Stehen die Frauenfiguren eindeutig im Vordergrund von „Ku’damm 56“, so sind die männlichen Charaktere nicht minder aufschlussreich. Der vermisste Gerd Schöllack taucht im Laufe der Handlung wieder auf. Im Jahre 1956 lebt er mit neuer Familie – Frau und Kind – in Ost-Berlin, wo er sich dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft verschrieben hat. Der Mehrteiler setzt den Unterschied zwischen dem bürgerlichen Westen mit dem Kurfürstendamm als Flaggschiff des aufkommenden „Wirtschaftswunders“ sowie eines neuen Lebensgefühls und dem proletarischen Osten mit den heruntergekommenen Häusern und Straßenzeilen plakativ ins Bild. Fritz Assmann, der Hausfreund und Geliebter von Caterina Schöllack, stellt sich als alter Nazi heraus, der dank seiner hohen Stellung in der Nazizeit die Tanzschule den eigentlichen Eigentümern, der jüdischen Familie Crohn, enteignen hatte. Die Geschichte der Tanzschule, ja die ganze Familiengeschichte der Schöllacks, so wie Caterinas Töchter sie kannten, ist auf einer Lebenslüge und dem Blut einer anderen Familie aufgebaut. Ob dies auch für die gesamte Adenauer-Ära gilt, ist die Frage, die damit suggeriert wird. Das behauptete Fortleben von Nazi-Seilschaften in den fünfziger Jahren wird in der Figur des Industriellen Otto Franck (Markus Boysen) verdichtet: Franck machte Waffengeschäfte mit den Nazis, nun verkauft er seine Waffen nach Asien. Den Untergang des Naziregimes scheint der Industrielle ohne größeren Schaden überstanden zu haben – etwa nach der von ihm bewohnten Villa zu urteilen.

Vorgriff auf die Revolution

Die schwierige Beziehung Joachims zu seinem Vater Otto Franck wird darüber hinaus als eine Vorwegnahme der 68er Generation gezeichnet. In „Ku’damm 56“ erscheint die jüngere Generation als ein Vorgriff auf die Rebellion, die ein Dutzend Jahre später allgegenwärtig sein wird: Monika kämpft für eine Gleichberechtigung, die in ihren Augen insbesondere in sexueller Selbstbestimmung besteht, Freddy für ein neues Lebensgefühl, das sich vor allem in den „fragwürdigen Kreisen“ um den Rock ’n’ Roll abspielt. Joachim bewegt sich wiederum auf der Suche nach einem Lebensentwurf, der ihn möglichst weit weg vom dominierenden Vater führt.

Auf die Unterwanderung staatlicher Institutionen durch ehemalige Nazis in der Adenauer-Ära weisen ebenfalls zwei Kino- und ein Fernseh-Spielfilm hin, die in den letzten Jahren über Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903–1968) und die Auschwitz-Prozesse gedreht wurden: „Im Labyrinth des Schweigen“ (Giulio Ricciarelli, 2014) stellt allerdings eher einen jungen Staatsanwalt in den Mittelpunkt: Der fiktive Johann Radmann (Alexander Fehling) ist ein Konglomerat aus den drei jungen Staatsanwälten Joachim Kügler, Georg Friedrich Vogel und Gerhard Wiese, die tatsächlich von Fritz Bauer mit der Vorbereitung der Anklage gegen die Auschwitz-Wärter betraut wurden. Fritz Bauer (Gert Voss) selbst bleibt eher im Hintergrund. Entsprechend dem Filmtitel konzentriert sich Ricciarellis Film auf den Kampf des jungen Staatsanwalts gegen eine Mauer aus Unwissenheit und Verdrängung. Von Auschwitz haben die einen nie gehört. Die anderen wollen es einfach vergessen. „In der Gesellschaft herrschte Konsens, darüber zu schweigen“, sagte Regisseur Giulio Ricciarelli im Interview. Weitaus bezeichnender ist es, dass der größte Widerstand gegen das Verfahren aus den Reihen der unmittelbaren Vorgesetzten von Johann Radmann kommt. Fritz Bauer, der Radmann unter seine Fittiche nimmt, macht dem jungen Staatsanwalt klar, dass der ganze Staatsdienst noch von Menschen mit NS-Vergangenheit voll ist. Ebenso bedeutsam ist es, dass Johannes Radmann im Laufe der Ermittlungen mit seiner Mutter über die Rolle seines Vaters während der NS-Zeit streitet. Wie „Ku’damm 56“ wirft auch „Im Labyrinth des Schweigens“ seine Schatten auf die 1968er Jahre voraus.

Thematisierung von Homosexualität

Im Gegensatz zu Ricciarellis Film konzentriert sich Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015), der für den Deutschen Filmpreis in neun Kategorien nominiert wurde (darunter „Bester Film“ und „Beste Regie“), ganz auf den hessischen Generalstaatsanwalt. Im Vordergrund stehen auch nicht die Auschwitz-Prozesse, sondern Bauers Versuche, die Verantwortliche der NS-Verbrechen und insbesondere den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, vor Gericht zu stellen. Zwar erfährt Fritz Bauer (Burghart Klaußner), dass sich Adolf Eichmann in Argentinien aufhält, aber seine Bemühungen, Eichmann verhaften und nach Deutschland ausliefern zu lassen, werden vom Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) und BKA-Mitarbeiter Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf) hintertrieben: „Meine eigene Behörde ist Feindesland“, stellt Bauer fest. Für den hessischen Generalstaatsanwalt bleibt nur eine Möglichkeit: Mit dem israelischen Geheimdienst Mossad Kontakt aufzunehmen, obwohl dies als Landesverrat angesehen werden könnte. Die zwischen Bauer und dem Mossad-Geheimdienst getroffene Vereinbarung einer Auslieferung Eichmanns an die Bundesrepublik wird von der Bundesregierung unter Konrad Adenauer abgelehnt, weil umfangreiche Waffengeschäfte zwischen Deutschland und Israel anstehen. Einen breiten Raum nimmt in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ Bauers unterdrückte Homosexualität ein. Diese wird im fiktiven Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) gespiegelt, der Bauer in dem Verfahren unterstützt und gerade deswegen vom BKA erpresst wird. Wie auch in „Ku’damm 56“ spielt der berühmte Paragraf 175 in Kraumes Film eine bedeutende Rolle. Offenbar kommt eine heutige Darstellung der Adenauer-Ära kaum ohne den „Homosexuellen-Paragrafen“ aus, der bis 1994 in Kraft war.

Rassenideologie der Nazizeit

Im Februar 2016 strahlte Das Erste den Fernsehfilm „Die Akte General“ aus, der 3,63 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 11,3 Prozent) erreichte. Obwohl „Die Akte General“ (Drehbuch: Alexander Buresch, Regie: Stephan Wagner) in demselben Zeitraum wie „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angesiedelt ist und teilweise dieselben Themen behandelt, namentlich die Ergreifung Adolf Eichmann und die Vorbereitung der Auschwitz-Prozesse, bestehen zwischen beiden Filmen nicht unwesentliche Unterschiede. Als Hauptziel von Fritz Bauer wird über Eichmanns Erfassung und die Auschwitz-Prozesse hinaus eine Anklage gegen den Chef des Bundeskanzleramtes Hans Globke geschildert. Globke hatte im Reichsinnenministerium eine wichtige Position bekleidet. Als Miturheber der Nürnberger Rassegesetze war er an der Umsetzung der Rassenideologie in der Nazizeit mitverantwortlich. Im Unterschied zu „Im Labyrinth des Schweigens“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ spielen in „Die Akte General“ Bauers Ermittlungen gegen Globke eine bedeutende Rolle: Vom Prozess gegen Eichmann erhofft sich der hessische Generalstaatsanwaltschaft Indizien und Beweise gegen Hans Globke. Die Feindschaft der Bundesbehörden gegen Bauer, die in den anderen Filmen immer wieder thematisiert wird, spitzt sich in dem ARD-Fernsehfilm dadurch zu, dass einer von Bauers jungen Mitarbeitern vom BND als V-Mann angeworben wird. Obwohl dieser junge Staatsanwalt die ihm angebotene Zusammenarbeit mit der DDR ablehnt und bald darauf auch seine Spitzeldienste für den BND kündigt, entdeckt Fritz Bauer die Akte „General“, die der junge Mitarbeiter über ihn geführt hat. Auf Druck des hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn gibt der darüber hinaus die bereits begonnenen Ermittlungen gegen Hans Globke an die Staatsanwaltschaft Bonn ab, obwohl ihm klar ist, dass die mit ehemaligen Nazis durchsetzte Staatsanwaltschaft Bonn das Verfahren bald einstellen wird. Fritz Bauer gibt sein Ziel auf, Globke vor Gericht zu bringen, und konzentriert sich von nun an auf die Auschwitz-Prozesse. Wie auch in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ wird Bauers Homosexualität thematisiert, hier sogar in einer eher plumpen Art und Weise. Im Unterschied zu den Kinofilmen über Fritz Bauer tritt in der Fernsehproduktion „Die Akte General“ der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (Dieter Schaad) auf, der immer wieder die Hand über Globke (Bernhard Schütz) hält und den Kanzleramtschef etwa gegen Ludwig Erhard (Gustav Peter Wöhler) verteidigt. Weil der Bundeskanzler selbst Fritz Bauer für einen Störenfried hält, ist die Anklage gegen die Adenauer-Bundesrepublik weitaus lauter in „Die Akte General“ als in den Kinofilmen „Im Labyrinth des Schweigens“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“, ja die ARD-Produktion erweckt bisweilen den Eindruck, als sei die Bundesrepublik daran interessiert gewesen, wissentlich und willentlich Nazi-Verbrechern eine neue politische Heimat anzubieten.

Adenauer-Ära keine „heile Welt“

Sowohl in der Fernseh-Miniserie „Ku’damm 56“ als auch in den Fritz-Bauer-Filmen der letzten Jahre werden aus heutiger Sicht die 1950er Jahre – oder allgemeiner die Adenauer-Ära – nicht als „heile Welt“ angesehen. Ober besser: Dieser Zeit wird vorgeworfen, eine scheinheile oder -heilige Fassade aufgebaut zu haben. Hinter der oberflächlichen Betulichkeit habe aber – so das Urteil der hier besprochenen Kino- und Fernsehfilmen – die Moral- und Wertevorstellungen bereits Risse gezeigt. Denn solche Vorstellungen seien lediglich nach außen gewahrt geblieben. Hinter der Fassade sei bereits eine (insbesondere sexuelle) Befreiung in Gang gewesen, weswegen sich dieses Jahrzehnt durch Heuchelei ausgezeichnet habe. Dies mag für einen Teil der Gesellschaft zutreffen. Dies aber als Merkmal der deutschen Gesellschaft in den 1950er Jahren darzustellen, scheint eher die heutige Sicht der Autoren von „Ku’damm 56“ abzubilden als die historische Realität.

Darüber hinaus scheinen die Autoren dieser Filmwerke das politisch unkorrekte Diktum von Nicolás G. Dávila nicht zu kennen: „Der Niedergang einer Kultur zeigt sich im Niedergang der Heuchelei“. Denn nur eine auf Moralvorstellungen aufgebaute Gesellschaft kann sie auch vorheucheln. Der zweite Vorwurf, der heute erhoben wird, die Unterwanderung staatlicher Institutionen durch ehemalige Nazis in der Adenauer-Ära, wird kaum einer Gesellschaft gerecht, die noch vom Trauma des Krieges gezeichnet und deshalb auf den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung aus war. Fritz Bauer kommt zwar das Verdienst zu, die Nazi-Verbrechen aufgearbeitet zu haben. Im Umkehrschluss eine ganze Gesellschaft unter Generalverdacht zu stellen, zielt jedoch über das Ziel hinaus.

Dr. phil. José Garcia ist freier Journalist und Filmkritiker. 

Dieser Artikel erschien hier auf CNA Deutsch und darf von The Cathwalk nach Rücksprache übernommen werden.
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