Liebesfreuden in New York?

Papst Franziskus‘ nachsynodales Schreiben und die Serie „Girls“

Katholiken, die in der heutigen postreligiösen Zeit eine Minderheit sind, können vor allem die Frage stellen, wie und ob „Amoris laetita“ die Lebenswirklichkeit der säkularen Mehrheit pastoral anspricht. Die Serie „Girls“, die das Leben junger Frauen unter 30 im New Yorker Stadtteil „Brooklyn“ thematisiert, zeigt, dass das Thema Wiederverheiratet-Geschiedene kaum noch relevant ist. Der wahre Mehrwert des Schreibens liegt ganz woanders.

von Josef Jung, Rom

Westlicher Radikalsäkularismus junger Frauen

Girls_HBO_PosterDie Serie „Girls“ erinnert ein wenig an die erfolgreiche Serie „Sex and the City“, es kommen ebenfalls vier Frauen vor, die ebenfalls in New York leben und es wird ebenfalls deren Sexual- und Lifestyleleben thematisiert. Neben den Ähnlichkeiten gibt es jedoch auch Unterschiede: Die Frauen in „Girls“ sind, wie das Wort bereits vermuten lässt, jünger, erst Mitte oder Anfang zwanzig und suchen mit dem Leben und der Liebe klarzukommen. Wie es sich für heutige New Yorkerinnen gehört, handelt es sich natürlich um postreligiöse Frauen, deren Leben sich im Immanenten zu erschöpfen scheint. WG-Leben, Promiskuität, On-Off-Beziehungen, ungewollte Schwangerschaften und Geldprobleme. Das und mehr ist der Plot für die Serie über die „Generation Y“ in NY.

Nina Rehfeld schreibt in der FAZ über die Serie: „Die Generation Praktikum kennt keinen Glamour. […] ‚Girls‘ handelt nicht zuletzt von dem Versuch vier junger Frauen, sich in einer von Lebensentwürfen aus Modezeitschriften und dem Internet dominierten Welt zu emanzipieren und ihre eigene Identität zu finden.“

Was hat „Amoris laetita“ damit zu tun?
08-papst-schreiben--amoris-laetitia--veroeffentlicht-4837536378001-1Papst Franziskus ist wohl der erste Papst seit Pius X., der aus der Pastoral kommt und keinen Doktortitel hat. Für eine zutreffende Beschreibung der Lebensrealitäten braucht es jedoch keine Bibliothek, sondern ein waches Auge und offene Ohren. Beides hat Franziskus, weshalb sein Schreiben auch die Wirklichkeit der jungen New Yorkerinnen trifft.

Der Papst sieht die Realitäten der heutigen Zeit als Resultat eines „anthropologisch-kulturelle[n] Wandel[s]“ (Nr. 32), der alle Aspekte des Lebens beeinflusse. Die Identitätssuche in der Serie greift er auf mit der Feststellung, dass „eine individuelle Gestaltung der Persönlichkeit geschätzt [wird], die auf Authentizität setzt, anstatt vorgeformte Verhaltensweisen nachzuahmen“ (Nr. 33). Das Beziehungsleben der Protagonistinnen wird in dem nachsynodalen Schreiben ebenfalls zutreffend beschrieben als „die Praxis des Zusammenlebens der Paare vor der Ehe oder auch [als] das Zusammenleben ganz ohne die Absicht, eine institutionalisierte Bindung einzugehen“ (Nr 53). Es herrsche ein „Muster der Autonomie des Willens“ (ebd.).

Insofern wird deutlich, dass der Papst die heutigen Lebensrealitäten sieht. Die Frage ist, inwieweit er diese gutheißt.

Die Heiligung ist das Ziel

Wenn es nun nicht nur um die Beschreibung der Wirklichkeit, sondern um Sinn und Ziel des Lebens geht, wird man jedoch kaum noch Gemeinsamkeiten zwischen Papst und Serie finden. Die vier „Girls“ der Serie bleiben im Säkularen stehen, während Franziskus von einer „Berufung zur Heiligkeit“ (Nr. 69) spricht. Spätestens bei dieser Aussage sind wir bei in der Verheutigung, dem aggiornamento von Johannes 6,60: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Dennoch lässt der Papst diesen Anspruch nicht fallen, im Gegenteil, diese Berufung des Menschen zur Heiligkeit ist für ihn der Grund, Verhaltensmuster anzuprangern, die dazu im Widerspruch stehen:

„Denn wir können nicht darüber hinwegsehen, dass die Sexualität oft entpersönlicht und durch Pathologien belastet wird, so dass sie ‚immer mehr zu einer Gelegenheit und einem Werkzeug der Bestätigung des eigenen Ich und der egoistischen Befriedigung der eigenen Begierden und Instinkte‘ wird. In dieser Zeit wird es sehr gefährlich, dass die Sexualität auch von der giftigen Mentalität des „Gebrauchens und Wegwerfens“ beherrscht wird. Häufig wird der Körper des anderen gehandhabt wie ein Gegenstand, den man behält, solange er Befriedigung bietet, und verschmäht, wenn er seine Attraktivität verliert.“ (Nr. 153)

Eben weil es um eine hohe Berufung geht, verurteilt der Papst Verhaltensweisen, die unter der Berufung und Würde der menschlichen Person bleiben. Es geht dem Papst vielmehr darum „erfahrbar zu machen, dass das Evangelium der Familie Freude ist, die ‚das Herz und das gesamte Leben erfüllt‘“ (Nr. 200).

Ist eine Vermittlung der kirchlichen Vorstellungen noch möglich?

Man kann sich jedoch bei all den schönen Worten die Frage stellen, ob es überhaupt möglich ist, die christlichen Vorstellungen in eine säkulare Welt, wie sie in der Serie „Girls“ dargestellt wird, überzeugend zu verkünden und zu vermitteln. Die Herausforderung ist gewaltig, nicht minder ist der Anspruch. Vielleicht kann der Anfang des Schreibens helfen: „Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche“ (Nr. 1). Wer diese Freude ausstrahlt, verkündet bereits.

 

1947470_10206469506349680_8710868095190156576_nJosef Jung (*1987) ist Theologe und Autor bei www.hinsehen.net. Er findet in Fernsehserien, Filmen, Computerspielen und in der Musik die Fragen und Themen, die die Menschen beschäftigen und fordert die Theologie auf, auf diese Fragen Antworten zu finden. Josef Jung lebt und arbeitet in Münster. 
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