Die Jesuiten – Mythos und Wahrheit, Aufstieg und Absturz (Teil 2)

von Friedrich Reusch

2. Die Gesellschaft Jesu durch die Jahrhunderte (bis 1900)
2.1 Sklavenbefreier, Reformer, Wissenschaftsfreunde

Man kann die vielfältigen Verdienste der Jesuiten gut auf einen Nenner bringen, wenn man sagt: Die Jesuiten sind der beste Beweis dafür, dass sämtliche Vorurteile gegen die katholische Kirche falsch sind. Die Beziehung der Jesuiten zur Welt war immer die eines Korrektivs und somit haftete ihnen zwingend und stets etwas „Reaktionäres“ an, innerkirchlich waren sie jedoch zuvörderst Erneuerer. Wie beschrieben, war der Zustand der Kirche im 16. Jahrhundert zu weiten Teilen einigermaßen verheerend, von der schlechten Bildung und dem verwerflichen Lebenswandel eines Großteils des Klerus angefangen bis hin zu einem zu oft brachliegenden Glaubensleben des Volkes.
Das Konzil von Trient, welches in vier Sitzungsperioden zwischen 1545 und 1563 tagte, war dagegen ein wahrer Aufbruch zur katholischen Erneuerung. Es traf neben der doktrinären Abwehr damaliger Irrtümer wie der Häresien protestantischer Reformatoren (etwa des Sola-Scriptura-Prinzips Luthers) oder der Verurteilung der Lehre des Pelagianismus (diese stoisch beeinflusste Lehre leugnete die Erbsünde und behauptete, der Mensch könne sich durch sittlichen Lebenswandel selbst erlösen ) auch wichtige Entscheidungen, die die Seelsorge betrafen: „Beschlossen wurde die Einrichtung von Priesterseminaren zur besseren Ausbildung der Seelsorger, die Stellung des Hochaltars als sichtbarem liturgischem Zentrum, der Tabernakel als Aufbewahrungsort der Elemente der allerheiligsten Eucharistie, die Einführung eines geschlossenen Beichtstuhls und die Anbringung von Bestuhlung im Kirchenraum.“ Schwerlich zu bestreiten ist, dass die Gesellschaft Jesu sich zur eifrigsten Verfechterin dieser Beschlüsse aufschwang, sei es durch die Unzahl an Kollegien und Seminarien, die sie zu Studienzwecken des (zukünftigen) Klerus eröffnete, sei es durch die berühmte jesuitische Baukunst des Barock. Der große Ruhm der Jesuiten in der Seelsorge bestand nun aber gerade in der bedingungslosen Annahme des Menschen um Christi willen und nach Christi Vorbild – freilich nicht im Sinne einer modernistischen Seelsorge der „bedingungslosen Hinwendung zum Menschen“. Vielmehr sah man damals die wirkliche seelische Not, die durch die Verrohung und Dekadenz großer Teile des Klerus entstanden war.

 Besonders in der Beichtseelsorge war ein Umdenken vonnöten: Die rigorose Anwendung eines Sündenkatalogs, der einzelne Vergehen ihrer Schwere nach einteilt, wurde zunehmend problematischer, je mehr das Christentum verschiedene Kulturkreise und Bevölkerungsschichten zu durchdringen begann. Ohne der Sünde gegenüber indifferent zu werden, beeilten sich die Jesuiten nach dem Vorbild ihres Gründers und großen Seelenkenners Ignatius, den tiefen und einzigartigen Regungen einer jeden menschlichen Seele gerecht zu werden. So entwickelten sie eine spezielle Kasuistik (Fallunterscheidung) bei der Beurteilung der tatsächlichen, persönlichen Schuld der Pönitenten (Beichtenden). Wir können uns leicht ausmalen, wie viel seelische Verwirrung und Not sowohl bei den beichthörenden Priestern als auch bei den Beichtenden auf diesem Wege gelindert werden konnte.
Bahnbrechend waren die Jesuiten allerdings, wie bereits erwähnt, auf dem Felde der Mission. Hier war ihre selbstlose Zuwendung und Hingabe das entscheidende Element ihres Erfolges. Besonders in den zahlreichen portugiesischen und spanischen Kolonien des 17. und 18. Jahrhunderts verschafften die Jesuiten den farbigen Sklaven durch kluges diplomatisches Vorgehen zunehmend mehr Freiheiten, handelten sie doch nach der Maxime des hl. Augustinus: „Vom Menschen als vernünftigem und nach seinem Ebenbild erschaffenen Wesen wollte Gott, dass er nur über Unvernünftiges herrsche, nicht der Mensch also über den Menschen, sondern der Mensch über das Vieh.“ Handlungsbedarf zeigte sich vor allem wegen der Praxis der massenweisen Zwangstaufe der ankommenden schwarzen Sklaven im Hafen von Cartagena ohne vorherige Glaubensunterweisung. Für sie erwirkte der Jesuitenpater Petrus Claver das Recht einer ausführlichen religiösen Aufklärung und Unterweisung. Er holte die ankommenden Sklaven stets vom Hafen ab und brachte sie in komfortable Unterkünfte, bewirtete sie mit Essen und Trinken und gab ihnen eine so ausführliche Taufvorbereitung, dass die Wunden der von den Strapazen der Überfahrt Geschundenen in der Zwischenzeit geheilt waren. Die Taufzeremonie fand schließlich in einer eigens dafür bestimmten Kapelle statt, deren Altarbild eine Schar getaufter Schwarzer zeigte. Hatte er gerade nichts zu tun, besuchte Claver seine ehemaligen Täuflinge, um sie in christlichem Geist zu unterweisen.
In den zahlreichen jesuitischen Indianerreduktionen Südamerikas entstanden wahrhaft katholische Gemeinwesen mit einer florierenden Naturalwirtschaft und einem intakten Sozialsystem, welches allenfalls durch Europäer gestört wurde, die die Reduktionen widerrechtlich betraten. Hier war eine erfolgreiche Emanzipation der Einheimischen auf dem Boden des katholischen Glaubens gelungen, und es ist schwer zu leugnen, welch gutes Los den Indios in diesen „Jesuitenstaaten“ zuteilgeworden war, betrachtet man dieses Leben im Vergleich zu ihrer oft durch heidnische Riten beengten Existenz vor ihrer Missionierung oder im Vergleich zu der Aussicht auf Versklavung durch imperialistische Mächte. Ergreifend ist dieses Beispiel aus Bolivien: „In nur zwei Generationen wurden aus Urwaldbewohnern bzw. Nomaden sesshafte Bauern, Künstler, Musiker und schließlich Christen. Besonders wichtig war, dass die Indios hier Schutz vor den spanischen und portugiesischen Sklavenjägern fanden. Nach der Vertreibung der Jesuiten (1776) durch die spanische Krone haben sich die Chiquitanos ihren christlichen Glauben, der mit ihren ureigenen Gebräuchen und Traditionen eine tiefe Symbiose eingegangen ist, bewahrt.“
Besonders auf dem Gebiet der Wissenschaft waren die Jesuiten die unumstrittene Avantgarde in Europa; in päpstlichem Auftrag bauten sie auf dem Kontinent die erste Sternwarte und standen in engem, freundschaftlichem Kontakt zu Johannes Kepler und Galileo Galilei. Der jesuitische Wagemut, das Apostolat unter allen noch so widrigen Umständen und getreu des Heilandswortes „Liebet eure Feinde!“ zu betreiben, zeitigte oft die Früchte der Bekehrung bei Zeitgenossen, bei denen man das am wenigsten vermutet hätte. So machte beispielsweise der nur allzu bekannte Aufklärer Voltaire kurz vor seinem Tode die Bekanntschaft mit dem Jesuitenpater Gaultier. Angesichts der scharfen Worte Voltaires gegen die Kirche („Écrasez l’infame!“ – „Zermalmt die Niederträchtige!“ [gemeint ist die Kirche]) wäre es nur zu verständlich gewesen, um ihn einen großen Bogen zu machen. Aber der Pater nahm in typisch jesuitischer Radikalität von sich aus Kontakt zu Voltaire auf, um ihn zu veranlassen, die Sterbesakramente zu empfangen und so seine Seele zu retten. Voltaire setzte schließlich zwei Monate vor seinem Tod ein Schreiben auf, in dem er bekundete, bei Pater Gaultier gebeichtet zu haben, in der katholischen Kirche sterben zu wollen und sich der göttlichen Barmherzigkeit anzuvertrauen. Allerdings verweigerte er den Empfang der hl. Kommunion und sein Schreiben enthielt keinen deutlichen Widerruf seiner blasphemischen und häretischen Schriften. Nach Aussage von Pater Gaultier verschied er am 30. Mai 1778, ohne die Sterbesakramente empfangen zu haben.

2.2 Die Jesuiten im Kampf gegen Reformation und Hexenverbrennung

Ganz im Zeichen des großartigen Wiederaufbaus ist auch das Wirken des hl. Petrus Canisius SJ zu sehen, der das Ordensleben der Jesuiten und dadurch auch das Leben der Kirche im zum Großteil protestantisch gewordenen Deutschland in „tridentinischem Geist“ wiederherstellte. Interessant ist, was er selbst zur Lage des deutschen Katholizismus des 16. Jahrhunderts äußerte: „Allgemein gesprochen möchte ich sagen, daß man unter den heutigen Deutschen vergebens nach praktischem Interesse an der Religion sucht. (…) Ob und wie selten besucht ein Mann die Kirche und die heilige Messe oder bekundet durch irgendein äußeres Zeichen, daß er noch Freude hat am alten Glauben! Die Lage ist danach, eine[m], der sie ernstlich erwägt, das Herz stillstehen zu lassen.“ Die Jesuiten, allen voran Canisius, führten in Deutschland ein wahres Reformprogramm zur Schaffung von Bildungseinrichtungen und zur Verbreitung von religiöser Literatur durch, getreu einem Ausspruch des Heiligen, wonach in Deutschland ein Schriftsteller mehr gelte als zehn Professoren. Die Rekatholisierungserfolge dieser Bemühungen waren beträchtlich, gerade die stille Durchdringung der verschiedenen Stände durch die – wegen ihrer Anpassung in der Kleidung – oft unbemerkten Jesuiten hatte zur Folge, dass entscheidende Prozesse der Gegenreformation schon vollzogen waren, ehe es die Reformatoren bemerkten.
Wo zu lange ein gewisser puritanischer Geist, katalysiert durch die Reformation, geweht hatte, war im 17. Jahrhundert der Weg frei für die berüchtigten Hexenverfolgungen, ein Übel, welches schon bald konfessionsübergreifend wucherte, wenngleich auf protestantischer Seite ungleich schlimmer, da es hier keine rechtliche Struktur und Autorität wie die Inquisition gab. Hier war es der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld, der mit seiner Kampfschrift gegen die Hexenverbrennungen, Cautio criminalis, maßgeblich zum Rückgang des Hexenwahns beitrug: „Gegenüber Landesherren, Richtern, Anwälten, Zeugen, Schöffen und sonstigen Personen forderte er ein klares ‚rechtsstaatliches’ Verfahren. Er verteidigte die Rechte der als Hexen angeklagten Frauen, bekämpfte die Folter und wandte sich gegen die Verurteilung auf der Basis nicht verifizierbarer Zeugenaussagen. Die Tatsache, dass Spee sein Werk anonym veröffentlichte, beweist, wie wagemutig sein Vorstoß war.“ Neben seinem überragenden Werk für das deutschsprachige katholische Liedgut, der „Trutz-Nachtigall“, war dies das Lebenswerk des großen Jesuiten Spee, ohne den der Orden ein Ruhmesblatt weniger besäße.

2.3. Verbot und Verfolgung

Die Jesuiten durchdrangen die gesamte Gesellschaft und Kultur. Es gab sogar Jesuitentheater, Jesuitenopern, Jesuitenballett, welche jeweils, besonders szenisch-effektiv, Maßstäbe setzten, statt leicht zu durchschauende, moralisierende Monumentalwerke zu sein.
Genauso, wie sich die Mitglieder der Gesellschaft Jesu im Volk durch ihr stilles, selbstloses Auftreten und ihre bedingungslose Integrität Vertrauen erworben hatten, war dies auch bei vielen Fürsten und Königen geschehen. Bald formierte sich eine antijesuitische Phalanx, die unter allen Umständen jegliche Macht an sich reißen wollte, und dies alles eben nicht im selbstlosen, auf Gott hinwirkenden Geist der Jesuiten, sondern „von unten“, zur höheren Ehre des Menschen statt zur höheren Ehre Gottes (dabei gibt es keine höhere Ehre des Menschen losgelöst von der höheren Ehre Gottes). Menschliche Selbsterlösung, die notwendigerweise im Materialismus und Nihilismus der (Post-)Moderne enden musste, war auch das Axiom, welches sich die 1717 gegründete Freimaurerei auf ihre Fahnen geschrieben hatte, eine Vereinigung mit einer ähnlichen Organisationsstruktur wie der Jesuitenorden. Blieb bei den Freimaurern die Beschäftigung mit den für ihre Ziele unnützlichen „niederen Klassen“ aus (aus ihrer Sicht logisch), hatten sie umso zielstrebiger Fäden im Hintergrund gezogen und waren damit einem ihrer vorrangigsten Ziele, der Ausmerzung des Jesuitenordens, näher gekommen, wobei ihnen sicher zu Hilfe kam, dass sich ihr feindliches Ansinnen mit der politischen Taktiererei manches weltlichen Fürsten kreuzte.
Beginnend mit dem Jahr 1759 wurden die Jesuiten aus verschiedenen Ländern Europas vertrieben, Papst Clemens XIV. hob den Orden 1773 schließlich auf , um weitere politische Spannungen mit den europäischen Mächten zu vermeiden. Asyl fanden die Jesuiten nun ausgerechnet im protestantischen Preußen Friedrichs des Großen, der auf die exzellenten Bildungseinrichtungen der Jesuiten nicht verzichten wollte, und in Russland unter Katharina der Großen . Das Verbotsdekret war unter Druck zustande gekommen und seine Berechtigung wurde nie überprüft. So ließ es Papst Pius VII. im Jahre 1814 wieder aufheben : Die Gesellschaft Jesu war nun wieder erlaubt und setzte ihr segensreiches Wirken fort. Nochmals entfaltete sich ein stürmisches Wachstum des Ordens und die Jesuiten waren in den Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts, die die Kirche mit der Welt auszutragen hatte, nochmals zur gewitzten „leichten Reiterei des Papstes“ aufgestiegen.

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