Second Life – die neue Droge?

 

Second Life – das virtuelle Abziehbild unserer Wirklichkeit – rückt immer stärker in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Heute vor 5 Jahren wurde die Internetplattform lanciert. Wir fragen kritisch nach: Ist „SL“ eine Realitätsflucht oder die Form der Kommunikation 2.0?

Second Life – second chance?

Second Life macht möglich, was uns im realen Leben versagt bleibt: wir können schöner, interessanter, reicher sein. Wir bauen unser Traumhaus, tragen dabei Designerklamotten und schwitzen noch nicht mal. Der Traum vom Fliegen und Beamen wird wahr. Wir können unserer Kreativität freien Lauf lassen. Endlich können wir das darstellen, was wir schon immer sein wollten.

Ohne die gequälte Anstrengung der Realität können wir alles erreichen: Grenzen graziös überschreiten, physikalische Gesetze ignorieren und per Mausklick das virtuelle Leben ein- und ausschalten.

Fluch oder Segen?

Ist Second Life eine Flucht vor der Realität und birgt echtes Suchtpotenzial oder ist es eine neue Erfahrung, die unser Bewusstsein erweitert und bereichert?

Wahrscheinlich verhält es sich mit Second Life wie mit anderen Süchten: Glücksspiel, Drogen, Kauf- und Sexsucht bspw. Viele Menschen gehen einkaufen, waren mal im Casino oder experimentierten mit verbotenen Substanzen. Doch nicht alle davon entwickeln eine Abhängigkeit. Im Großen und Ganzen wird es dann gefährlich, wenn das Konsumverhalten eine fast lebenswichtige Funktion bekommt.

Kriterien der Abhängigkeit

Exemplarisch lehne ich das Konsumverhalten von Second Life (SL) an die Kriterien der stoffgebundenen Abhängigkeit an.

  • Kontrollverlust im Umgang mit dem Konsum: Obwohl ich mir vorgenommen habe, nur noch am Wochenende für eine bestimmte Zeit zu spielen, halte ich mich nicht daran.
  • Toleranzentwicklung: Ich spiele jetzt viel mehr als früher. Ich muss mich immer länger in SL aufhalten, um mich wieder gut zu fühlen.
  • Körperliches Entzugssyndrom: Ich fühle mich schlecht und unwohl, wenn ich daran gehindert werde, SL zu spielen.
  • Vernachlässigung beruflicher und sozialer Interessen: Weil ich mich so oft in SL aufhalte, gehe ich nicht mehr zur Schule oder zur Arbeit, vernachlässige meine Familie und Freunde.
  • anhaltender Konsum trotz Nachweis eindeutiger Schäden: Obwohl ich bereits Schwierigkeiten mit meinem sozialen Umfeld aufgrund von meinem „Engagement“ für SL habe oder vergesse zu essen und zu schlafen, muss ich immer wieder nach SL.
  • Craving – der starke Wunsch oder Zwang zu konsumieren: Ich habe einfach das unbezähmbare Verlangen mich in SL rumzutreiben.

Ist Second Life eine Droge? Wo beginnt die Sucht?

Im Laufe eines gesunden Entwicklungsprozesses bildet der Mensch ein adaptives und effektives System selbstregulatorischer Funktionen aus, z.B. fürsorgerische und selbstsichernde Kompetenzen, Emotionskontrolle und ein gesundes Selbstwertgefühl. Doch in einigen Fällen verläuft die Entwicklung aufgrund genetischer und/oder ungünstiger Umwelteinflüssen gestört. Da den betroffenen Individuen wichtige Fähig- und Fertigkeiten fehlen, ihre Emotionen in angepasster Weise zu regulieren, sind sie besonders anfällig für Abhängigkeiten jeglicher Art, um Stress adäquat zu bewältigen und den überwältigenden Strom ihrer Gefühle unter Kontrolle zu bekommen (Gross, 2003).

Sucht beginnt bereits dort, wo sich ein Mensch mittels Substanzen oder bestimmten Verhaltensweisen mit Problemen und schwierigen Situationen nicht mehr angemessen auseinandersetzt. Das „Spielen“ von Second Life kann wie eine Droge wirken, wenn es die Funktion bekommt, Stresssituationen durch Flucht in ein zweites, schöneres Leben zu bewältigen. 

Quelle: Kriterien der stoffgebundenen Abhängigkeit nach ICD-10 und DSM-IV

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