Im Namen der Menschenwürde?

Ob es im Kampf gegen die Abtreibung überhaupt noch Hoffnung gibt, scheint fraglicher denn je. Als das Statistische Bundesamt Anfang Juni 2007 bekanntgab, daß die Abtreibungszahlen in den ersten vier Monaten des Jahres gesunken sind, war das Medienecho groß. Über die Gründe wurde von Zeitungen und Ärzten viel spekuliert: bessere Konfliktberatung und Aufklärung über Verhütungsmethoden, die neue Familienpolitik der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und letztendlich wohl auch ein „geändertes Wertebewußtsein“.

Leider trifft nichts von alldem zu. Im ersten Quartal 2007 sind insgesamt rund 31.400 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet worden, was einen leichten Rückgang von etwa 1.400 (4,4 Prozent) vorgeburtliche Kindestötungen im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. So positiv diese Zahlen auf den ersten Blick jedoch auch erscheinen mögen, so täuschen sie doch über die grausame Realität hinweg. Wer genauer hinschaut sieht: Es wird immer häufiger abgetrieben!

Demnach sank die Zahl der gemeldeten jährlichen Abtreibungen zwar von 130.899 (1996) auf 124.034 (2005). Im gleichen Zeitraum sind jedoch auch die Lebendgeburten von 796.013 (1996) auf 685.795 (2005) zurückgegangen. Folglich stieg der Anteil der Abtreibungen an den Lebendgeburten in den zehn Jahren zwischen 1996 und 2005 von 16,4 Prozent auf 18,1 Prozent.

Am Ehesten könnte es noch durch die Tatsache, daß erstmals die drohende demographische Katastrophe ins allgemeine Bewußtsein dringt, zu einer Neubesinnung kommen. Selbst wenn dem jedoch so sein sollte, so wäre dies kein Grund zum Jubel. Mit einem „geänderten Wertebewußtsein“ in unserer Gesellschaft hätte diese Entwicklung nämlich nichts zu tun.

Wie konnte es jedoch überhaupt zu so einem fundamentalen Wandel in der Gesellschaft kommen? Wäre doch vor einigen Jahrzehnten eine öffentliche Relativierung der sittlichen Abscheulichkeit des Abtreibungsverbrechens noch völlig undenkbar gewesen. Eine „positive Haltung“ gegenüber der Abtreibungsfrage war in der abendländischen Gesellschaft absolut tabu. Heute dagegen ist die Liberalisierung der Abtreibungsregelungen zu einem Thema geworden, über das man ohne Scheu spricht. Von interessierten Kreisen wird die Abtreibung sogar als Ausdruck von Freiheit und Individualität betrachtet.

Tabus, also ein stillschweigendes Einverständnis über das, was sich von selbst versteht, sind in unserer Diskursgesellschaft argumentativer Auflösung ausgesetzt (obwohl die Diskursgesellschaft inzwischen natürlich längst neue Tabus errichtet hat).

Den Anfang vom Ende des Tabus „Abtreibung“ machten die Angriffe von Feministinnen. In dieser Zeit wurde auch die hohe Zahl illegaler Abtreibungen bekannt, die bis dahin weitestgehend verschwiegen wurden. Dieses Bekanntwerden war wie Wasser auf die Mühlen der Befürworter einer Liberalisierung der bestehenden Regelungen. Man zog aus der hohen Dunkelziffer einfach den Schluß, daß das geltende Strafrecht nicht greife. Für viele klang dieser Einwand einleuchtend und man begann, nach neuen Wegen zu suchen. Auch heute noch wird dieses Scheinargument nur allzu gerne vorgebracht.

Hinzu kam die bis heute immer stärker werdende Tendenz, den Unterschied von allgemein anerkannten Normen und realer Lebenspraxis aufzuheben. Man wollte lieber in einer „ehrlichen“ Gesellschaft leben, als daß man Gesetze hat, die der Lebenswirklichkeit nicht entsprechen. Gesetze sollten fortan nicht mehr ausschließlich und in erster Linie als Wertmaßstab dienen, sondern den Menschen in seiner Freiheit möglichst wenig beschneiden. Je mehr Menschen also gegen ein Gesetz verstoßen, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, daß man das Gesetz ändert. Das Gesetz wird dadurch zum bloßen Ausdruck der (aktuellen) Mehrheit degradiert.

Was speziell die Abtreibung betrifft, so kommt das Selbstverständnis unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation mit ihrem organisierten Kampf gegen das Schicksal hinzu. Auch wenn es sich, wie im Fall der ungewollten Schwangerschaft, um ein selbst verursachtes Schicksal handelt. Schicksalslosigkeit als Lebensqualität. Alles Irreversible wie Eheversprechen, Gelübde usw. werden zu Fremdkörpern. Eine hohe Scheidungsrate gilt manchen Soziologen heutzutage sogar als Kriterium einer „fortgeschrittenen Gesellschaft“.

Abtreibung ist somit schleichend zu etwas „Normalem“ geworden. Die meisten Bürger regen sich über dieses Thema schon gar nicht mehr besonders auf und auch viele Katholiken wagen es nicht (mehr), den gesellschaftlichen Konsens, der bei diesem Thema herrscht, zu stören.

Selbst die Vertreter der Kirche neigen teilweise dazu, lediglich positiv den Wert der Ehe und Familie bzw. der Würde des Lebens zu betonen, statt über Ehescheidung, Homosexualität oder eben Abtreibung zu klagen. Zwar ist es nicht verwerflich, wenn man auch das Positive herausstellt, statt nur über Mißstände zu klagen, aber man darf dabei nicht von einem Extrem in das andere verfallen und das Beklagen von Mißständen dabei ganz unter den Tisch fallen lassen. Ehrlicherweise soll in diesem Zusammenhang jedoch auch gesagt werden, daß das Verhalten der Kirche in früheren Zeiten auch nicht immer ganz unproblematisch war. Sie neigte dazu, die vielen heimlichen und illegalen Abtreibungen zu verschweigen, statt dazu beizutragen, die Kluft zwischen Norm und Realität zu verkleinern. Schwangerschaftsberatungsstellen, organisierte Hilfe für Frauen in bedrängter Situation, das begann alles erst, als die widerwärtige Kampagne „Mein Bauch gehört mir“ und die Legalisierung der Abtreibung begonnen hatten. Seitdem hat man jedoch begriffen, daß man nicht mit ruhigem Gewissen die Abtreibung in wirtschaftlicher und sozialer Not verurteilen kann, wenn man selbst nichts tut, um durch die Linderung wirklicher Notstände auch die Versuchungen zu verringern.

Trotz alledem ist die Kirche jedoch die einzige Institution, die sich öffentlich zum Schutz menschlichen Lebens von Anfang an bekennt.

Ihre gefährlichste Krise erlebte die Kirche in Deutschland, als sie begann ihre eindeutige Lehre dadurch zu relativieren, daß sie sich in die Zweideutigkeit des Lebensschutzes durch die Politik hat verstricken lassen. Selbst als Rom diese Praxis verboten hat, folgten viele deutsche Bischöfe dieser Weisung nur widerwillig. Man konnte und wollte nicht sehen, daß das in Deutschland bestehende Beratungssystem mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar ist, weil es nicht konsequent für den Schutz des ungeborenen Lebens einsteht. Statt dessen ist das Beratungssystem zweideutig bis zur Verlogenheit. Es beruht auf einem Kompromiß zwischen unvereinbaren Positionen:

  • Da sind einmal diejenigen, die Menschen vor der Geburt oder jedenfalls vor dem vierten Monat der Schwangerschaft nicht für Menschen und also nicht für schutzwürdig halten (eine selbst vom Bundesverfassungsgericht verworfene Auffassung).
  • Dann gibt es die Grünen, die zwar dem Embryonenschutz hohe Bedeutung beimessen, aber nur in Bezug auf Embryonen außerhalb des Mutterleibs. Das Selbstbestimmungsrecht der Frau hat für die Grünen nach wie vor den höheren Rang.
  • Schließlich sind da noch jene, für die das Recht auf Selbstbestimmung endet, wo es sich um die Verfügung über bereits existierendes menschliches Leben handelt.

Der kleinste gemeinsame Nenner, der die verschiedenen Positionen miteinander versöhnen sollte, schien mit einer Fristenregelung mit Beratungspflicht gefunden zu sein. Dieser (faule) Kompromiß verfolgte das Ziel, gleichzeitig die Abtreibung zu legalisieren und die Abtreibungszahlen zu senken. Das Verfassungsgericht hat diese Lösung unter der Bedingung akzeptiert, daß der Bundestag nach einer angemessenen Frist die Erfüllung dieser Erwartung überprüft.

Obwohl diese Frist längst verstrichen ist, hat bisher keine Partei den Antrag auf Erfüllung dieser Auflage gestellt. Man scheint sich in der bundesdeutschen Politik mit den Verhältnissen abgefunden zu haben. Man will keine „alten Wunden“ aufreißen. Weil man sich von einer neuen Diskussion über die Abtreibung keine Wählerstimmen verspricht, sondern vielmehr befürchtet, vom Wähler abgestraft zu werden, beläßt man es beim viel bequemeren Status quo. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien nimmt den Lebensschutz so ernst, wie sie ihn nehmen müßten. Dabei scheut man sogar nicht davor zurück, den Auftrag des Bundesverfassungsgerichtes nicht zu erfüllen.

Bis zur Grundsatzentscheidung von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1999 bestand nun die Verstrickung der Kirchen darin, daß sie sich durch die Erteilung des Beratungsscheines in ihren Beratungsstellen in gewisser Weise mitschuldig an straffreien Abtreibungen machte. Hierdurch wurde den abtreibungswilligen Frauen erst der Zugang zu einer straffreien Abtreibung eröffnet. Diese Mitwirkung der Kirche hatte des Weiteren zur Folge gehabt, daß die den Beraterinnen in der Ausbildung vermittelte Ideologie den Eindruck erzeugte, angesichts eines neuen menschlichen Lebens bestünde grundsätzlich eine legitime Wahl zwischen Austragen und Abtreiben. Die Tötung des Ungeborenen sei also eine – wenn auch weniger wünschenswerte, so doch im Grunde akzeptable – Alternative.

Als Kardinal Lehmann schließlich erklärte, er werde staatliche Stellen verklagen, wenn sie die kirchlichen Bescheinigungen nicht zu diesem Zweck anerkennen würden, war das Ende der Fahnenstange erreicht und der Papst hat die inkonsequente Haltung der Kirche in Deutschland endlich beendet. Hierdurch hat die Kirche viel Glaubwürdigkeit zurückgewonnen.

Diese Wende in der Praxis der Kirche war vor Allem deshalb so wichtig, weil es im Kern um nichts geringeres ging als um die Menschenwürde, die gerade in unserer Zivilisation so stark bedroht ist.

Diese Bedrohung der Menschenwürde wird allein dadurch deutlich, daß sich auch die Gegenseite auf die Menschenwürde beruft. Jedoch will man dort die Menschenwürde erst ab einem späteren Zeitpunkt gelten lassen. Schon dies ist aus katholischer Sicht völlig inakzeptabel: „Entweder sind Menschen immer Personen oder sie werden es nie“, wie Robert Spaemann zutreffend festgestellt hat.

Ein bloßer Verweis auf diese Menschenwürde führt uns in der Abtreibungsdiskussion deshalb auch nicht weiter. Für die Abtreibungsbefürworter beginnt die Würde des Menschen aber nicht nur später, sie verstehen auch inhaltlich etwas ganz und gar anderes unter „Menschenwürde“. Wie so vieles im Zuge der Aufklärung, so hat auch die Menschenwürde einen völlig neuen Bedeutungsinhalt bekommen, der mit dem christlichen Glauben völlig unvereinbar ist. Dessen müssen wir uns immer wieder bewußt sein, wenn wir uns im Diskurs befinden. Hier nämlich liegt das eigentliche Problem.

Was aber versteht die moderne Gesellschaft nun unter „Menschenwürde“? Aus ihrer Sicht ist es nicht das Sein von Menschen, Tieren oder Pflanzen, was die Welt kostbar macht, sondern bestimmte Zustände und Erlebnisse. Menschen sind demnach nur kostbar, wenn sie Träger solcher Zustände sind. Was vor allem nicht sein soll, sind unangenehme Zustände. Leiden muß um jeden Preis beseitigt werden. Und wo es nicht anders beseitigt werden kann als durch Beseitigung des Leidenden, da ist eben diese Beseitigung angezeigt.

Der andere entscheidende Faktor liegt in einer Grundstimmung der westlichen Zivilisation, die es als höchstes Ziel des Menschen betrachtet, sich zu vergnügen oder wenigstens sich wohl zu fühlen. Die moralische Pflicht der Menschen sieht man höchstens darin, daß man die Welt durch die Vermehrung solcher Gefühle optimiert.

Nur unter diesem Hintergrund vermag man auch die vereinzelten Stimmen richtig einzuordnen, die sich für eine Neuregelung von Spätabtreibungen aussprechen. Nicht wirkliches Umdenken beim modernen Menschenwürdebegriff ist hierfür die Ursache, sondern einzig und allein die Tatsache, daß in diesem Stadium der Schwangerschaft Kinder bei der Tötung Schmerzen erleiden. Töten ist demnach nur etwas wirklich Schlimmes, wenn man dabei Schmerzen empfindet. Wenn man dagegen keine Schmerzen empfindet oder sogar noch von Leiden erlöst werden kann, so wird das Töten als ein Werk der Barmherzigkeit verstanden.

Mit der katholischen Auffassung von Menschenwürde hat dieses neue Verständnis sicherlich nichts zu tun. Wir meinen nicht das gleiche, wenn wir von „Menschenwürde“ sprechen. Das muß immer wieder in aller Klarheit herausgestellt werden. Wir dürfen uns nicht durch scheinbar gut gemeinte Argumente täuschen lassen. Zur christlichen Menschenwürde gehört die Tatsache, daß der Mensch das Ebenbild Gottes ist.

Entgegen den Auffassungen der modernen Gesellschaft darf nicht das Verhindern unangenehmer Zustände um jeden Preis das wichtigste Ziel sein. Das irdische Leben des Leibes ist nicht das höchste Gut; es hat erst wahrhaft Wert, wenn es im Dienste Gottes steht. Wer Leiden um jeden Preis verhindern will, der vergißt, daß auch Christus Sein irdisches Leben für uns hingeopfert hat. Darin unterscheidet sich der Christ vom bloßen Humanisten. So muß sich denn auch unsere Liebe darin bewähren, daß wir bereit sind, unser irdisches Leben als Opfer hinzugeben für Christus und die Brüder. „Daran haben wir die Liebe Gottes erkannt, daß er Sein Leben für uns hingab“ [1. Jo 3, 16]. Die Drangabe des Lebens ist die größte Tat der Liebe. Die „Liebe“ der modernen Zivilisation dagegen ist erbarmungslos.

Halten wir uns also immer den Unterschied zwischen einer rein humanistischen und einer christlichen Ethik vor Augen und lassen wir uns nicht durch trügerische Argumente täuschen. Wenn wir diese gekreuzigte Liebe den Menschen besser verständliche machen können, dann wäre dies jedenfalls ein wichtiger Schritt.

editiert von Christian Rossetti (erschienen DGW 3/2007)

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